„Besucher werden die Festspiele wiedererkennen“

„Beobachter“-Interview mit Christian Doll, neuer Intendat der Gandersheimer Domfestspiele

Christian Doll ist seit dieser Spielzeit neuer Intendant der Gandersheimer Domfestspiele. Er inszeniert 2012 selbst die Moliere-Komödie „Tartuffe“ vor dem Dom, die gestern Abend Premiere feierte.

„Beobachter“: Die Gan­ders­heimer Domfestspiele ha­­ben einen neuen Intendanten. Erkennt denn der regelmäßige Besucher „seine“ Festspiele noch wieder oder ist alles neu?

Christian Doll: Der Besucher wird seine Festspiele wiedererkennen, da bin ich sicher. Der Dom steht ja noch (lacht). Nein im Ernst, bei Allem was neu sein wird, so zum Beispiel das Jugendfestival am Anfang der Spielzeit, oder der Theaterumzug zum Theaterfest, im Kern können sich die Zuschauer darauf verlassen, dass sie bei den Domfestspielen das wiederfinden, was sie in den letzten Jahren lieben gelernt haben.
Auch in dieser Spielzeit spielen wir mit „Tartuffe“ von Molière ein klassisches Stück, es wird zwei Musicals geben, davon ist eines eine musikalische Krimikomödie („Blondgirl Undercover“), das andere eine große dramatische Geschichte („Chess“ mit Musik der ABBA-Männer), es gibt ein Kinder-und Familienstück, in diesem Jahr den „Räuber Hotzenplotz“. Hinzu kommt als neues Format die Musicalgala „Domspitzen“. Da freue ich mich besonders drauf, denn unsere Sänger werden ein wirkliches Best Of ihres Repertoires präsentieren. Geändert hat sich – das sieht man schon auf den ersten Blick – zum Beispiel die Grafik im Erscheinungsbild. Es gibt neue Logos für jedes Stück, die man jetzt auf den Plakaten, unseren Flyern und natürlich auf dem Festspielmagazin sehen kann. Großen Wert habe ich auch auf das Beiprogramm gelegt, mit dem wir versuchen noch mehr auf die Stadt einzugehen und mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Neu sind auch viele Gesichter unter den Mitwirkenden. Von den 22 Akteuren waren bisher nur fünf schon einmal in Bad Gandersheim zu sehen.
Zu dem, was die Domfestspiele so großartig macht, gehört ja vor allem auch die besondere Atmosphäre: dieser Moment, im Sommer ins Theater zu gehen und sich vor den Dom zu setzen. Und das bleibt. Was dann auf der Bühne passiert, wird sich bestimmt vom letzten Jahr unterscheiden. Ich stelle mit drei neuen Regisseuren, Max Merker, Christian Hockenbrink und Craig Simmons, drei unterschiedliche Handschriften vor. Andererseits: unterschiedliche Handschriften gab es auch in den letzten Jahren. Was ich besonders wichtig finde: Die musikalische Leitung übernimmt weiterhin Heiko Lippmann. Er hat einen wesentlichen Anteil an der hohen musikalischen Qualität der Festspiele. 2009 hat er mit mir zusammen zum ersten Mal hier vor der Stiftskirche gearbeitet. Und viele Musiker sind auch wieder dabei. Sie kommen zum Glück immer wieder gerne nach Bad Gandersheim. Die Livemusik mit dem tollen Orchester ist etwas, das wir uns bei den Domfestspielen weiterhin leisten, und das die Aufführungen zu etwas ganz Besonderem macht.

Sie haben von einem magischen Bündnis zwischen Akteuren und Betrachtern gesprochen. Sind die Domfestspiele nur ein Event-Theater, mit leichter Kost, leichter Muse?

Das Besondere am Theater ist ja, das es den Zuschauer zum Entstehen des Kunstwerkes braucht. Dass sich ein Spieler in Tartuffe oder das Blondgirl verwandelt, findet nicht nur in der Garderobe oder auf der Bühne statt, dazu braucht es auch die Phantasie des Zuschauers. Das ist in den Münchener Kammerspielen genauso wie hier in Bad Gandersheim.
Freilichttheater bedeutet nicht automatisch, dass es oberflächlich ist. Wenn ich mich hier vor dem Dom bemühe, leicht und sommerlich zu erzählen, heißt das ja nicht, dass die Geschichten keine Tiefe haben. Wenn etwas schwer verdaulich ist, bedeutet das auch nicht automatisch, dass es gut ist, oder dass damit besonders viel erzählt wird.
In der Arbeit mit „Tartuffe“, den ich inszeniere, stoße ich gerade wieder auf einen wahnsinnig tollen und tiefen Text. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir es schaffen, diesen Stoff leicht zu erzählen. Aber zunächst mal geht es mir in der Arbeit darum, mit den Darstellern die Tiefen und Fallhöhen der Figuren auszuloten. Man könnte Molière sicher auch schenkelklopferisch inszenieren. Aber das interessiert mich nicht. Die Suche danach, einen Stoff zu erzählen, unterscheidet sich im Freilichttheater für mich wenig von der im Schauspielhaus. Auch „Chess“ ist ein sehr schauspielerisches Musical, das eine Menge Arbeit an den Figuren und ihren Beziehungen erfordert. Allerdings bin ich mir sicher, dass vielen Zuschauern der Sound der ABBA-Männer entgegenkommt. Er ist uns nicht so fremd, wie das eine klassische Oper vielleicht sein kann. Das leichteste Stück ist wahrscheinlich „Blondgirl Undercover“. Das ist ein Spaß, den wir uns erlauben, ein Spiel. Durchaus immer mal wieder mit Tiefgang, aber es geht um Unterhaltung. Was nicht automatisch heißt, dass das nicht klug ist. Wenn man über etwas lachen kann, heißt das ja immer auch, dass irgendetwas Wesentliches getroffen wurde. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Humor in Deutschland einen viel zu schlechten Ruf hat.