Cabaret: Det war knorke

Und ist das Leben draußen auch noch so hart und ungerecht, rund um den KitKatClub regiert das Amusement.
 
Zufallsbegegnungen: Herr Schultz (Hans-Jörg Frey, links), Fräulein Kost (Rebecca Siemoneit-Barum) und eine Matrosenliebschaft (Jens Schnarre)

Spritzige Uraufführung des Musicals vor dem Dom

Der Wettergott meinte es gut, das Publikum auf der Stiftsfreiheit war bestens gelaunt, im voll besetzten Theaterrund herrschte heitere, erwartungsvolle Stimmung – die alles andere als enttäuscht wurde. Denn, um es gleich vorweg zu sagen, geboten wurde eine witzige, intelligente und lus­tige Aufführung. „Cabaret”, entstanden auf der Grundlage des Romans von Christopher Isherwood („Leb wohl, Berlin”), ist eines der bekanntesten und langlebigsten Musicals des letzten halben Jahrhunderts. Viele werden den Film mit Liza Minelli gesehen haben, die damit, unter anderem dem mitreißenden Song „Money, money”, auch ihrerzeit den Königsplatz in München füllte.
Die Bühnenversion in Bad Gandersheim unter dem Regisseur Craig Simmons legt das Stück härter und kontrastreicher aus. Auch will sie durchaus auf heute ähnliche zeitgeschichtliche Situationen, zum Beispiel in Ungarn oder Südeuropa, verweisen, in denen Menschen in ihrem Lebetag in extreme Situationen, damals das Aufkommen des Nationalsozialismus, geworfen werden. Das ist eine heikle Gratwanderung, schließlich ist ein Musical keine Geschichtsstunde, aber unter den Teppich zu kehren, was damals an Barbarei aufzog und leider keineswegs vorgestrig ist, wäre auch nicht angebracht. Simmons hat sich dafür aus der Commedia dell’arte, der italienischen Stegreifkomödie aus dem 16. Jahrhundert bedient, indem er immer wieder bedeutsame Szenen statuarisch erstarren ließ und damit vom fließenden Spiel, das ja auch unter ähnlichen Umständen in anderen Zeiten ablaufen könnte, abhob. Er hat sich auch erlaubt, den Nazi im Stück (Mario Gremlich) als – zunächst – freundlichen Biedermann vorzuführen. Denn er und seinesgleichen traten in der Regel nicht als Ungeheuer mit Schaum vor dem Maul auf, sondern quasi als Menschen wie du und ich. Darin lag ein Moment hintersinnig-freundlicher Belehrung.
Sie ist eingeflochten in ein heiter-tiefsinniges, hervorragend vorgeführtes Spiel, das mit holzschnittartigen, aber beileibe nicht plumpen Figuren arbeitet: dem umtriebigen, alleinstehenden und von Verarmung bedrohten Fräulein Schneider (Petra Welteroth); dem steifen, indes zunehmend gelösten Obsthändler Schultz (Hans Jörg Frey), deutscher Jude, der die Zeichen der Zeit sieht und doch nicht wahrhaben will; der Wuchtbrumme Fräulein Kost (Rebecca Siemoneit-Barum), welche sich vorzüglich mit Matrosen einlässt; ein schillernder, immer obenauf schwimmender Conferencier (Jens Schnarre), der die Geschehnisse sardonisch (=krampfhaft lachend) widerspiegelt; der (fast) immer aufgekratzte Flederwisch Sally (Franziska Schuster), die in einem zweitklassigen Cabaret agiert und vom großen Glück auf der Bühne und im Leben träumt und schließlich der verkracht-unbeholfene amerikanische Schriftsteller Cliff (Dirk Schäfer). Flankiert wird deren Mit- und Gegeneinander durch die putzmunteren Girls und Boys vom KiKatClub.
Das Leben – ein Spiel

Frei nach Calderón de la Barca entfaltet sich um die Story dieser Personen das Gewusele des Lebetags. Das ist nun so quick, abwechslungsreich und überzeugend vorgeführt, dass es eine wahre Freude ist. „Man nimmt, was man kriegt”, sagt Fräulein Schneider. Sally wirbelt wie eine graziöse und kokette kleine Schlange übers Parkett. Die Weiber und Kerle führen erotische Posen vor und outen sich als Spanner. Der Schriftsteller Cliff , „verliebt in das verrückteste Mädchen der Welt”, ist von Selbstzweifeln geplagt und erkennt im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik den Tanz auf dem Vulkan, „die krankhafte Lust, sich zu amüsieren”.
Weder Liebe noch (mangelnde) Leistung halten ihn weiter in der Stadt, eine melancholisch angeflogene, aber dann dem Cabaret als ihr erstrebtes Leben sich wieder zuwendende Sally zurücklassend. Denn für sie sind die aktuellen Vorgänge „nur Politik. Was hat das denn mit uns zu tun?”
Das alles geschieht in einer ansprechenden und intelligenten Choreographie, gipfelnd im frenetischen Tanz ums Goldene Kalb: Money. Der Conferencier fragt sich und die Zuschauer: „Warum kann man nicht die Leute nicht einfach leben lassen?” Schließlich taucht auch ein grell lippengeschminkter Affe als Travestie (=spöttische Umdeutung) der zeitgeschichtlichen und personellen Situation auf. Heiko Lippmann hat das alles musikalisch arrangiert. Das gediegene Orchester unter seiner Leitung liefert die eingängigen Melodien und Songs für die Vorgänge auf der Bühne. Zum Schluss intoniert es treffend einen Verschnitt aus Musical, Klezmer und Deutschlandlied, anzeigend, dass Deutschland sich in einen „tiefen Schlaf” (Cliff) zu versenken anschickte.