Eine Familie kämpft für einen Traum

Die Familie B. aus Bad Gandersheim kämpft seit Jahren dafür, dass ihr Sohn, der an Asperger leidet, eine Ausbildung zum Uhrmacher beginnen kann. Nach vielen erfolglosen Versuchen regt sich nun endlich Hoffnung. (Foto: pixelio)

Ein 29-jähriger Asperger-Patient möchte Uhrmacher werden / Bisher wurden ihm viele Steine in den Weg gelegt

Der 29-jährige Frederik B.* aus Bad Gandersheim hat einen Traum. Er möchte Uhrmacher werden und seine große Leidenschaft zum Beruf machen. Das Fachwissen, die Feinmotorik und das vermutlich zwingend notwendige „ruhige Händchen“ für diesen Beruf bringt der junge Mann bereits mit. Das hat er beim Seesener Uhrmachermeister Norbert Sonnekalb schon mehrfach unter Beweis gestellt. Stellt sich nun also die Frage, warum Frederik seinen Traum bis heute noch nicht verwirklichen konnte?
Frederik hat nämlich ein Problem. Vor fünf Jahren wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Eine so genannte Autismus-Spektrums-Störung. Das Arbeitsamt, auf dessen Hilfe Frederik und seine Eltern aufgrund dieser Diagnose angewiesen sind, glaubte bisher nicht daran, dass der 29-Jährige den Herausforderungen des täglichen Arbeitslebens gewachsen ist.

Amtsärztin fällt erschütternde Diagnose

In einem amtsärztlichen Gutachten aus dem Mai 2011 teilten sie Frederik und seinen Eltern den erschütternden Befund mit, dass er nicht in der Lage sei, mehr als drei Stunden Arbeit am Tag zu verrichten. Gegen dieses Gutachten haben seine Eltern Widerspruch eingelegt, und kämpfen seitdem um das Recht ihres Sohnes den Beruf des Uhrmachers zu erlernen.
Menschen mit dem Asperger-Syndrom sollten nicht zwangsläufig als krank abgestempelt werden. Als Asperger-Syndrom wird laut Definition zwar eine tiefgreifende Entwicklungsstörung in Bezug auf die Wahrnehmungs- und Informa­tionsverarbeitungsfähigkeiten eines Menschen beschrieben. Asperger-Patienten sind aber trotz ihrer Beeinträchtigungen, mit erheblichen Stärken gesegnet. Die Gedächtnisleistung oder die Fähigkeit sich auf bestimmte Tätigkeiten zu konzentrieren ist bemerkenswert. Gelegentlich fällt das Asperger-Syndrom auch mit einer Hoch- oder sogenannten Inselbegabung zusammen. Menschen auf die dieses Phänomen zutrifft, entwickeln oft leidenschaftlich gepflegte Spezialinteressen.
Frederik B. hat nach dem Besuch einer Förderschule seinen Hauptschulabschluss in Seesen gemacht. Danach begann er eine Ausbildung zur Fachkraft in der Gastronomie. Nach zwei Jahren hielt er den Gesellenbrief in der Hand. Besonderen Spaß machte ihm die Tätigkeit im Gastgewerbe aber nie. Das lag vor allem daran, dass ihm der Umgang mit anderen Menschen, die Kommunikation mit ihnen schwer fällt.
Er beschäftigte sich lieber mit Uhren, und besorgte sich alle Literatur über das Uhrmacherhandwerk, nebenbei arbeitete er einmal pro Woche bei Norbert Sonnekalb. Dieser musste ihn von Zeit zu Zeit sogar bremsen, da er kein Ende finden konnte.
Die Lektüre und die Arbeit beim Seesener Uhrmacher bestärkte Frederik in seinem Wunsch, und so machte er sich gemeinsam mit seinen Eltern schließlich auf den Weg nach Dresden zur Uhrenmanufaktur Glashütte. Dort absolvierte er einen Wochenendlehrgang und löste nicht nur bei der Direktorin der Uhrmacherschule große Begeisterung aus. „Das war ein tolles Erlebnis für Frederik. Diese Anerkennung in dieser hochangesehenen Uhrmanufaktur tat ihm richtig gut“, blickt seine Mutter heute zurück.
Doch die Freude wich schnell der Erkenntnis, dass Frederik für die Aufnahme einer Ausbildung in der traditionsreichen Schule eine so genannte Assistenzstelle bei der Arbeitsagentur beantragen muss.
Beim Arbeitsamt reagierte man etwas perplex auf die Anfrage der Familie. Frederiks Vater Klaus: „Die haben uns tatsächlich gefragt, warum wir eine Assistenzstelle für unseren Sohn beantragen wollen. Wir könnten doch Rente für ihn beantragen.“
Dies kam für die Familie B. aber nicht in Frage. Dennoch erhielten sie einige Tage nach ihrem Besuch beim Arbeitsamt Post von der Deutschen Rentenversicherung. In dem Brief befand sich der Rentenantrag, der aber nie von Familie B. gestellt wurde.
Doch an der Situation von Frederik änderte dies herzlich wenig. Frederik fiel in ein Loch und wurde krank. Beantragte Kuren wurden abgelehnt. Schließlich fand sich der junge Mann in der Lippischen Nervenklinik in Bad Salzuflen wieder.

„Das war eine wirklich schreckliche Zeit“

„Eine schreckliche Zeit“, erinnert sich seine Mutter. „Die haben unseren Sohn dort nur mit Medikamenten vollgepumpt. Geholfen hat ihm das nicht.“ Die Eltern setzten alle Hebel in Bewegung, um ihr Kind aus der Klinik zu bekommen. Nach vier Wochen hatten sie es geschafft. In der Medizinischen Hochschule in Hannover schließlich fand die Familie Hilfe bei renommierten Asperger-Experten, die bei F. eine Inselbegabung diagnostizierten. Der Beruf des Uhrmachers scheint also seine Bestimmung zu sein. Die Ärzte aus Hannover rieten der Familie Frederik auf diesem Gebiet zu fördern.
Zurück zu Hause folgte dann aber die niederschmetternde Diagnose der Amtsärztin vom Arbeitsamt. Laut ihrem Urteil ist Frederik nicht belastbar. Ein normales Arbeitsleben sei daher nicht möglich.
Doch die Familie gibt nicht auf. Auf einen Tipp der Direktorin der Uhrmacherschule Glashütte besuchte die Familie das Berufsförderwerk in Bad Pyrmont, das auf Fälle wie den von Frederik spezialisiert ist. Die Uhrmanufaktur Glashütte ihrerseits hat in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit Absolventen der Bad Pyrmonter Einrichtung gemacht. Doch das amtsärztliche Gutachten versperrt Frederik auch hier den Weg.
Zweifel kommen auf. Der zu diesem Zeitpunkt 27-Jährige beginnt sich zu hinterfragen. Er kann nicht verstehen, warum er nicht Uhrmacher werden darf, obwohl das doch sein größter Wunsch ist. Seine Eltern bieten sogar an, einen Kredit aufzunehmen, um die Schule in Bad Pyrmont aus eigener Tasche zu finanzieren. Doch das Arbeitsamt wiegelt ab, eine Finanzierung mit eigenen Mitteln ist nicht möglich. Frederik soll nach dem Wunsch seiner Eltern aber nicht zu Hause sitzen. Er soll etwas tun. Er will etwas tun.
Es gelingt, dass er im Sommer 2012 in den Harz-Weser-Werkstätten in Northeim unterkommt. Mit dem Uhrmacherhandwerk hat seine Tätigkeit dort wenig zu tun. Besonders seltsam erscheint vor allem seine Arbeitszeit. Mit Hin- und Rückfahrt ist Frederik rund 8 bis 9 Stunden am Tag unterwegs. Deutlich länger als es ihm von Amtswegen zugetraut wird.
Inzwischen geht die Maßnahme in Northeim weiter, und die Verantwortlichen haben versprochen Frederik und seine Familie bei der Verwirklichung seines Traums zu helfen. Ab April wird er ein vierwöchiges Praktikum beim Seesener Uhrmacher Norbert Sonnekalb absolvieren. Die Voraussetzung für eine etwaige Ausbildung.
Man fragt sich nun, warum ein junger Mann, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, es in einer Gesellschaft, die sich zumindest von der politischen Seite her so aufgeklärt gibt, derartige Schwierigkeiten hat, sich beruflich zu etablieren.

Inklusion muss endlich auch gelebt werden

Wir leben in einem Land, dessen Bildungswesen verstärkt auf die Integration von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet werden soll. Dieses Vorhaben wird mit dem Begriff Inklusion umschrieben, und argumentiert auf Basis von Bürgerrechten. Alle Menschen sollen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und sozial Teilhabe haben. Ungeachtet ihres persönlichen Bedürfnisses auf Unterstützung.
Im Fall von Frederik B. darf zwar nicht davon gesprochen, dass ihm die Behörden keine Unterstützung lieferten oder noch liefern werden. Allerdings wurde er in den letzten Jahren in seiner persönlichen Entwicklung stark reglementiert. Wären seine Eltern nicht so unglaublich hartnäckig, wäre es zu dem jetzt in Aussicht gestellten Praktikum vermutlich niemals gekommen. Was machen also Menschen, die nicht das Glück haben eine solche Unterstützung zu bekommen? Bleiben diese Menschen auf der Strecke? Diese Frage sollte uns alle beschäftigen und ein wichtiger Bestandteil der Inklusions-Debatte sein.

*Namen von der Redaktion geändert.