Eine starke Persönlichkeit

Annika Bruhns. (Foto: Khawatmi)

56. Gandersheimer Domfestspiele: Annika Bruhns spielt die Merteuil in „Gefährliche Liebschaften“

Für ihre neueste Musiktheater-Uraufführung ist den Gandersheimer Domfestspielen ein hervorragendes Engagement geglückt: Annika Bruhns wird die Hauptrolle der Marquise de Merteuil in der Gandersheimer Adaption von „Gefährliche Liebschaften“ übernehmen, die am 25. Juli 2014 Premiere feiert.

Für Bruhns, die seit Jahren auf den großen Musicalbühnen Deutschlands zuhause ist und in den letzten Jahren in Hamburg mit Hauptrollen in „Mamma Mia!“ und „Ich war noch niemals in New York!“ Aufsehen erregte, ist es das erste Engagement auf der Freilichtbühne vor der Gandersheimer Stiftskirche. Neben der Merteuil wird sie außerdem als Lovis, die Mutter von Ronja Räubertochter, im gleichnamigen Kinder- und Familienstück in Bad Gandersheim zu sehen sein.

Eine beeindruckende Karriere

„Vor zwei Jahren hatten wir bereits über ein Engagement von Annika bei den Gandersheimer Domfestspielen gesprochen – ich bin sehr froh, dass es in dieser Spielzeit nun endlich geklappt hat“, freut sich Intendant Christian Doll über seine Neuverpflichtung. „Im Rahmen unseres Spielzeitthemas MACHT! war es mir wichtig, gerade die tragenden Frauenrollen mit starken Persönlichkeiten zu besetzen. Für die Rolle der Madame de Merteuil in „Gefährliche Liebschaften“ haben wir nach einer Darstellerin mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung und einer großen Bühnenpräsenz gesucht, die weiß, was sie will, und sich als Spielerin auch von starken Partnern nie in die Opferrolle drängen lässt. Da haben wir in Annika mit Sicherheit genau die Richtige gefunden.“
Annika Bruhns hat sich vor allem als Schauspielerin und Sängerin in großen Musicals einen Namen gemacht. Aber die starke Persönlichkeit scheint bei ihr gewissermaßen in der Familie zu liegen: Ihre Mutter, die Journalistin und Autorin Wibke Bruhns, war für die ZDF-Sendung „heute“ die erste westdeutsche Nachrichtensprecherin; ihr Großvater, Hans Georg Klamroth, war in das sogenannte „Stauffenberg-Attentat“ 1944 involviert. Annika selbst besuchte die Schule in Israel und den USA, wo ihre Mutter als Auslands-Korrespondentin für den „stern“ arbeitete, bevor sie Ende der 80er Jahre an der renommierten „American Musical and Dramatic Academy“ in New York ihre Ausbildung als Musicaldarstellerin absolvierte und am dortigen Off-Off Broadway ihre ersten Erfolge feierte.
Seit vielen Jahren spielt Annika Bruhns inzwischen Hauptrollen an wichtigen deutschen Bühnen. Vor ihren Engagements am Operettenhaus in Hamburg war sie die Anita in der „West Side Story“ an der Deutschen Oper am Rhein sowie die Elisabeth in der gleichnamigen Inszenierung am Essener Colosseum. Viel Erfahrung bringt Bruhns auch in Sachen Freilichttheater mit: Bei den Freilichtfestspielen Schwäbisch Hall spielte sie die Evita sowie die Maria Magdalena in „Jesus Christ Superstar“, bei den Hersfelder Festspielen war sie Fräulein Kost in „Cabaret“. Auch Uraufführungen sind für sie kein ungewohntes Terrain. So hat sie etwa zusammen mit dem Weltstar Eric Woolfson (Alan Parsons Project) für das Musical „Gambler“ aus dem Album „Turn of a friendly card“ die weibliche Hauptrolle kreiert. 2009 veröffentlichte Annika Bruhns, nach fast 25 Jahren im Musicalgeschäft, ihre erste Solo-CD. Das Country-Album „annika“ wurde komponiert und produziert vom schwedischen Songwriter Paul Glaser.

Die Merteuil: eine Spielerin um Macht

„Die Merteuil ist eine spannende Frau“, so Annika Bruhns in einem ersten Statement zu ihrer großen Hauptrolle bei den Gandersheimer Domfestspielen, der Marquise de Merteuil in den „Gefährlichen Liebschaften“. „Warum? Weil man nicht weiß, was als nächstes passiert. Weiß sie es? Ist sie berechnend, spontan, labil letztendlich? Ist sie trotz aller Machtgesten liebenswert? Wenn ja, warum? Was für Mittel finde ich, wir, um das auszudrücken, subtil, jedoch spannend? Ich lasse mich in die Rolle fallen – eine tolle Aufgabe.“
„Les Liasons Dangereuses“, der Briefroman von Choderlos de Laclos von 1782, wurde nicht zuletzt durch zahlreiche Adaptionen für den Film bekannt. Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont sind die beiden wichtigsten Hauptrollen: zwei Libertins, die sich in ein gewaltiges und riskantes Spiel um Macht begeben, mit- und gegeneinander Netze von Intrigen spinnen, Menschen verführen und sich dabei stets selbst am Rande des Abgrunds bewegen. In der gleichnamigen und mit drei Oscars prämierten Verfilmung von 1989 lieferten sich Glenn Close und John Malkovich ein eiskaltes Psychoduell, während die Adaption „Eiskalte Engel“ mit Sarah Michelle Gellar als Merteuil für die Generation der heute 30-Jährigen stilprägend war.
Für die Gandersheimer Domfestspiele ist „Gefährliche Liebschaften“ nun das dritte Musical, das in einem Schreibteam um Festspielintendant Christian Doll und seinen Musikalischen Leiter, den Komponisten Heiko Lippmann, entwickelt wird. Nach den Erfolgen der Komödien „Blondgirl Undercover“ und insbesondere „Maria, ihm schmeckt's nicht!“ nach dem Bestseller von Jan Weiler, wagen sich die beiden, unterstützt vom Kölner Drehbuchautoren Andreas Gäßler, nun an ein hochexplosives Stück Weltliteratur. Lippmann komponiert dafür eine leichte und verspielte Musik. Ganz bewusst lehnt er sich dabei nicht an die Stilistik der Entstehungszeit des Stoffes an, sondern lässt sich von Klängen aus dem heutigen Frankreich beeinflussen. Die Songs, die Annika Bruhns vor der Gandersheimer Stiftskirche mit Leben füllen wird, dürften daher eher an Chanson und französische Popmusik erinnern. Ein spannender Kontrast zu den leidenschaftlichen Themen des Stückes, die sich dabei aber zugleich um eine moderne Übertragung der spielerischen Eleganz der Vorlage aus dem Rokoko bemüht. Mit einer so hochkarätigen Interpretin wie Annika Bruhns darf man auf das Ergebnis gespannt sein.

Die 56. Gandersheimer Domfestspiele finden vom 28. Juni bis 24. August statt. Neben „Gefährliche Liebschaften“ und „Ronja Räubertochter“ sind drei weitere Produktionen auf der Freilichtbühne vor der Gandersheimer Stiftskirche zu sehen: die Komödie „Sommerfrische“ nach Carlo Goldoni, das Musical „Evita“ sowie eine weitere Musiktheater-Uraufführung: Nach dem großen Erfolg im Vorjahr wird „Maria, ihm schmeckt's nicht!“ für fünf Vorstellungen im August wieder aufgenommen. Karten gibt es in der Geschäftstselle des Seesener „Beobachter“.