Fechtkämpfe bei den Festspielen

Bereits bei der Musical-Uraufführung „Gefährliche Liebschaften“ im Jahr 2014 war der Göttinger Christian Ewald als Fechtchoreograf für die Gandersheimer Domfestspiele tätig. (Foto: Hillebrecht / Die Foto-Maus)

Der Göttinger Christian Ewald wird Fechtchoreograf für die Musicalproduktion „Die drei Musketiere“ bei den Gandersheimer Domfestspielen

Heiße Duelle erwarten die Besucher des Musicals „Die drei Musketiere“ im kommenden Sommer bei den Gandersheimer Domfestspielen. Wenn sich der junge D’Artagnan und seine Mitstreiter, die Musketiere Athos, Porthos und Aramis, für die Ehre des französischen Königs in den Kampf werfen, kommt es zu zahlreichen Duellen mit den Anhängern ihres wichtigsten Gegenspielers, des Kardinals Richelieu. Damit diese Actionszenen auch mitreißend auf der Bühne stattfinden, hat Festspielintendant Christian Doll nun einen erfahrenen Fechtchoreografen unter Vertrag genommen: Der Göttinger Schauspieler, Regisseur, Choreograf und Filmproduzent Christian Ewald war bereits an über zehn verschiedenen Theatern als Choreograf von Bühnenkämpfen tätig und wird nach der Musical-Uraufführung „Gefährliche Liebschaften“ in der Spielzeit 2014 nun bereits zum zweiten Mal dem Ensemble der Gandersheimer Domfestspiele die Grundlagen und die wichtigsten Kniffe beibringen, die einen Fechtkampf auf der Bühne zu einer atemberaubenden Angelegenheit machen können.

Ein Heizungsbauer wird Schauspieler

Die berufliche Laufbahn des gebürtigen Bielefelders Christian Ewald begann ganz untheatral mit einer Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungsbauer. Ein Auftrag am Theater Bielefeld sollte dann sein Leben verändern: Er verlief sich und landete plötzlich auf der Bühne des Theaters, hatte den ganzen Raum für sich alleine. „Das war ein so unglaubliches Gefühl, dass ich beschloss: Ich muss was mit Theater machen“, berichtet Ewald. Schnell fand er sich auf derselben Bühne wieder, zunächst als Statist für Oper und Schauspiel, dann in seiner ersten „Sprechrolle“: „In einer Inszenierung von ‚Die Physiker‘ hatte ich den Satz: ‚Jawohl, Herr Inspektor‘, und war einfach nur wahnsinnig aufgeregt.“

„Und wer soll das bitte bezahlen?“

Christian Ewald begann, in großen Produktionen der Bielefelder Amateurtheatergruppe „Bausch und Bogen“ mitzuspielen und fand sich schließlich mit einigen Amateurkollegen in einem Auto auf dem Weg zur Aufnahmeprüfung bei der Schauspielschule in Hannover. Und ausgerechnet er sollte der einzige sein, der die Prüfung bestand. „Als ich dann zuhause anrief und berichtete, dass ich jetzt eine Schauspielausbildung anfangen würde, war Muttis erste Reaktion: ‚Und wer soll das bitte bezahlen?‘“, berichtet Ewald mit einem Schmunzeln. Tatsächlich begann er im folgenden Semester mit seinem Studium an der staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Hannover. „Das war teilweise gar nicht so einfach für mich, mich dort zu integrieren“, meint Ewald. „Schließlich kam ich aus dem Handwerk und war einen ganz anderen, viel handfesteren Umgang miteinander gewohnt als die anderen Schüler, die zumeist aus dem intellektuellen Milieu stammten.“

Geschliffen vom britischen Offizier

Bereits vor dem Beginn seiner Ausbildung hatte Christian Ewald das Fechten als seine Leidenschaft entdeckt: „Irgendwann unter der Dusche kam mir die Idee: Wenn ich Schauspieler werden möchte, muss ich auch fechten können!“ Also begann er mit dem Sportfechten im Verein, wo er von einem britischen Sport-Offizier trainiert wurde, der zur damaligen Zeit in Bielefeld stationiert war. Dementsprechend hart war auch das Training, oft konnte er sich nach den Übungseinheiten kaum mehr auf den Beinen halten. Diese Grundausbildung kam ihm jedoch bei den Bühnenfechtkursen in der Schauspielschule zu Gute. „Unser Fechtlehrer hatte immer wieder mal ‚Rücken‘ und meinte dann einfach: ‚Christian, übernimm du mal die Stunde!‘“, berichtet Ewald.

Die hohe Kunst des Bühnenfechtens: Fortführung des Dialogs mit anderen Mitteln

Endgültig packte den jungen Christian Ewald das Feuer für das Bühnenfechten bei einer Hospitanz am Thalia Theater in Hamburg. Dort arbeitete er mit dem renommierten Fechtchoreografen Charlie Lang, der ihm einen Einblick in die hohe Kunst des Bühnenfechtens verschaffte. „Charlie Lang hatte ein spezielles System des ‚freien Fechtens‘, das Schauspielern dabei hilft, ihre Fechtkämpfe mit Leben zu füllen und das ich auch heute noch in abgewandelter Form benutze“, schildert Ewald. „Bühnenfechten ist ja grundsätzlich etwas ganz anderes als Sportfechten: Genau wie in einer gut gebauten Geschichte unterliegt ein Fechtkampf im Theater einem eigenem Rhythmus, einer individuellen inneren Bewegung mit Beginn, Zenit und Ende. Wenn man von Anfang an eine feste Choreografie hat, besteht die Gefahr, dass das Gefecht schnell zur Routine wird und man den Schauspielern nicht mehr abnimmt, dass es gerade um Leben und Tod geht. Deshalb bringe ich den Schauspielern zunächst bei, frei miteinander zu kämpfen, wobei sie natürlich besonders gut aufeinander achten müssen. Wenn diese Kommunikation dann auch in die später festgelegten Chreografien übertragen wird, ist der Kampf bei jeder Vorstellung aufs Neue spannend und lebendig.“

„Fechtchoreografien“ mit Pistolen, Knüppeln oder Äpfeln

Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete Ewald zunächst als Schauspieler an Theatern in ganz Deutschland, unter anderem am Deutschen Theater in Göttingen und an den Staatstheatern in Braunschweig, Saarbrücken und Karlsruhe. Doch auch als Fechtchoreograf sollte er schnell Fuß fassen und choreografierte bald zahlreiche Produktionen an den verschiedensten Theatern. Von einem außergewöhnlichen Erlebnis berichtet Ewald bei seinem Engagement am Nationaltheater Mannheim. Dort war er als Fechtchoreograf für „Romeo und Julia“ engagiert worden, erfuhr aber nach seiner Anreise, dass der Regisseur plante, mit Pistolen zu arbeiten. Also organisierte Ewald kurzerhand eine Schießlehrstunde für die Schauspieler bei der örtlichen Polizei und choreografierte Schießereien mit einem besonderen theatralen Kniff: Nach einem Vorschlag des Mercutio-Darstellers Jörg Hartmann, heute bekannt als Dortmunder Tatort-Kommissar Jörg Faber, fanden alle Gefechte in Zeitlupe statt. Ausgefallene Choreografien sind generell nichts Ungewöhnliches für Christian Ewald: „Ob ein Knüppel, ein Holzeimer oder sogar ein Apfel – mit allen Requisiten, die sich gerade auf der Bühne finden, lassen sich packende Kämpfe choreografieren.“

„Die drei Musketiere“: Duelle zwischen Lebensgefahr und Witz

„Die drei Musketiere“ sind kein Neuland für Christian Ewald. So war er bereits vor elf Jahren Co-Autor und Fechtchoreograf für eine Schauspielinszenierung des Stoffes auf der mit einer Kapazität von 3.000 Besuchern größten überdachten Freilichtbühne Deutschlands in Ötigheim, wo es zu halsbrechenden Verfolgungsjagden zu Pferd kam und auch eine fünfzigköpfige Hundemeute im Einsatz war. „Das Spannende an dem Stoff ist, dass bei den Fechtkämpfen auch viel Humor im Spiel ist“, beschreibt Ewald. „Natürlich geht es immer um Alles, um Leben und Tod – aber gleichzeitig kommt es auch immer wieder zum Bruch, sei es durch eine Ungeschicklichkeit oder einfach durch den unkonventionellen Stil des jungen wilden D’Artagnan, der zwar unglaublich viel Talent mitbringt, aber zu Beginn des Stückes noch gar keine Lebens- und Kampferfahrung hat. Wenn einem dieser Spagat zwischen Lebensgefahr und Witz gelingt, werden die Duelle für den Choreografen, die Schauspieler, aber vor allem auch für das Publikum zu einem riesigen Spaß.“

Und auch noch Filmproduzent und Festivalleiter

Schauspiel und Fechtchoreografien sind dabei im Übrigen nicht die einzigen Talente von Christian Ewald: Als Schauspielregisseur war er ebenfalls an zahlreichen Theatern in ganz Deutschland tätig, unter anderem als Hausregisseur am Theater Baden-Baden. Auch in der Filmbranche ist Ewald seit einigen Jahren erfolgreich unterwegs: Er ist 1. Vorsitzender des 2013 mit Freunden gegründeten Vereins „Göttinger Filmnetzwerk“, mit dem er Filme produziert und das Kurzfilmfestival „Mach mal halblang!“ ausrichtet, das bereits in seinem zweiten Jahr zu einem der größeren Kurzfilmfestivals Deutschlands geworden ist: Vom 26. bis 28. Februar werden über 30 Kurzfilme im Deutschen Theater Göttingen, dem zentralen Hörsaal der Universität und an weiteren Spielorten gezeigt. Außerdem hat Ewald seit drei Jahren einen Lehrauftrag an der Georg-August-Universität Göttingen und leitet dort die Kurzfilm-Drehbuchwerkstatt der Deutschen Philologie.