Über Geschmack streiten

Wort zum Sonntag

Es ist doch ganz erstaunlich, wie man über ein und dieselbe Sache so unterschiedlicher Meinung sein kann. Denn an „Tartuffe“, dem klassischen Theaterstück der aktuellen Domfestspielsaison scheinen sich die Geister wirklich zu scheiden: „Das ist ja wohl das schlechteste Stück, dass ich seit Jahren hier gesehen habe“ sagte mir neulich jemand auf der Straße. Und ich antwortete ihm, ich fände, das sei eine der intelligentesten Inszenierung, die ich bisher hier erlebt hätte.
Es kam dann, wie es immer kommt. Man unterhält sich noch ein wenig, zeigt sich erstaunt über die Meinung des anderen. Lässt sich aber im Grunde gegenseitig in Ruhe, denn schließlich kann jeder denken, was er will und über Geschmack darf man nun mal nicht streiten. Ich frage mich: Warum eigentlich nicht?
Warum streiten wir nicht darüber, wer Recht hat? Das Stück kann ja wohl kaum total schlecht und gleichzeitig richtig gut sein. Und ich frage mich: Wer hat uns beigebracht, dass die beste aller möglichen Welten eine solche ist, in der jeder jeden mit seiner Meinung möglichst in Ruhe lässt?
Zugegeben im Fragen der Ästhetik ist es nicht ganz leicht, sich auf Kriterien zu verständigen, an Hand derer man sagen könnte, was gut ist und was schlecht. Aber muss deshalb alles immer so beliebig sein und jede Bewertung allein auf der „Bauchebene“ stattfinden? Können wir uns nicht einmal über Qualität unterhalten?
In Glaubensdingen ist das genauso. Jeder darf alles glauben, Hauptsache er lässt mich in Ruhe oder glaubt das gleiche wie ich. Da merke ich, dass ich es manchmal gerne ein bisschen knackiger hätte. Auch bei Predigten, Gottesdiensten, Hochzeiten oder Beerdigungen. Über die Form kann man sich immer noch gut unterhalten: zu laut, zu leise, links herum oder rechts herum, locker oder streng. Aber was ist denn mit den Inhalten? Da sind wir irgendwie alle total vorsichtig und keiner will dem andere auf die Füße treten.
Die Väter und Mütter der Bibel waren da nicht so zurückhalten, da gab es zwei Optionen: entweder blühender Baum oder Spreu im Wind: Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.
Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht (Psalm 1).
Natürlich besteht unser Leben aus mehr als nur zwei Optionen, aber ich glaube, manchmal täte es uns gut, ein bisschen schärfer an die Sache heran zu gehen: Lebendig und kräftig und schärfer so zu sagen. Sei es mit unseren Zweifel oder mit unserer Begeisterung. Ich glaube Gott hält das aus und unsere Mitmenschen auch.