Zum Start der Festspiele: Pinocchio erobert die Dombühne

Ja, so ist das mit dem Lügen: Pinocchio (Moritz Fleiter) wächst mit jeder Lüge die Nase länger. Zum Glück gibt es einen Weg, sie auch wieder kürzer werden zu lassen … (Foto: Hillebrecht)
 
Immer wieder erliegt Pinocchio den Versuchungen, die sich ihm in den Weg stellen. Wenn nicht die blaue Fee (Schirin Kazemi) wäre, nähme die Geschichte gewiss einen bösen Ausgang. (Foto: Hillebrecht)

Premiere geht trocken über die Bühne – Viel Phantasie und nur wenige Requisiten für ein gelungenes Theaterabenteuer

Von Tina Fibiger, Bad Gandersheim

Mit fröhlichem Getöse kommt eine Gauklertruppe auf die Bühne gestürmt. Es klappert, rasselt und tönt rund um das Podest mit dem roten Samtvorhang, weil gleich eine Geschichte erzählt wird. Schön wäre natürlich ein Märchen, das mit dem vertrauten „Es war einmal“ beginnt. Da wollen auch alle gerne mitmachen, Prinzen und Prinzessinnen spielen, edle Ritter und mutige Abenteurer. Aber Theater mit einem einfachen Stück Holz zu machen, klingt erstmal nicht besonders spannend. Aufregend wird es trotzdem. Die Holzpuppe, die jetzt zum Leben erwacht, steckt nämlich voller Überraschungen.
Pinocchio ist nämlich nicht so leicht zu bändigen. Schon gibt es die erste Kabbelei, wenn Moritz Fleiter ein paar stolze hölzerne Schritte gelingen. Thomas Neumann hat er bereits die Strohperücke gemopst. Dabei hatte sich der alte Tischler Gepetto schon so auf seine Rolle als Papa gefreut. Jetzt heißt es plötzlich Holzkopf, Strohkopf, Glatzkopf. Ganz schön frech ist dieser Pinocchio, der einfach nur Spaß haben will, Schmetterlinge jagen und auf Bäume klettern. Gut gemeinte Ratschläge wie die von der Grille (Julia Lißel) und die von der Fee (Schirin Kazemi) will er auch nicht hören.
Dann kreuzen ja bereits die ersten aufregenden Gestalten seinen Weg. Im Zirkus ist das der hungrige Feuerfresser, den er zu Mitleidstränen gerührt hat. Dann begegnet er dem Fuchs (Reinhard Krökel) und der Katze (Thomas Henniger von Wallersbrunn), die Großes mit ihm vorhaben. Alles entwickelt sich so, wie ein neugieriger Pinocchio sich das wünscht.
Mit einfachen Zutaten erfindet das Schauspielteam einen wunderbaren Theaternachmittag. Neben dem drehbaren Bühnenpodest gibt es nur ein paar Holzkisten und einen alten Holzanhänger und dazu jede Menge Plüschtiere. Bunte Kostüme müssen schon sein, für all die Figuren, denen der kleine Abenteurer auf seiner Odyssee begegnet. Aber neben dem Zirkusdirektor, der Eule, dem Wirt, dem Pudel den Polizisten und dem Harlekin haben auch die kleinen Plüschgestalten was zu erzählen.
In einem Kinderzimmer geht es ja nicht anders zu. Auch da werden Gespräche mit dem Lieblingshasen erfunden, einem Huhn oder einem Papagei, weil so mit viel Fantasie eine spielerische Welt entsteht, in der alltägliche Erfahrungen und Erlebnisse noch einmal anders erkundet werden.
Von diesem Gedanken lässt sich Regisseur Christian Doll in seiner Inszenierung leiten und von all den Verwandlungsmöglichkeiten, mit denen wiederum die Theatermacher gerne spielen. Dann tritt Holger Spengler als Kerzendocht, Pudel oder Thunfisch auf, während sich Heike Schmitz von der Eule in eine Schlange verwandelt und Nikolaj Alexander Bruckner vom Harlekin in einen Raben.
Fuchs und Katze haben es auf Pinocchios Goldtaler abgesehen und verführen ihn zu einem großen Gelage. Da wird einfach ein weißes Tischtuch über der gebückten Gestalt ausgebreitet, weil die ja eh die Zeche zu tragen hat, und schon entsteht das Bild eines Gasthauses. Eine kleine Holzkiste wird zum Feld der Träume, wo Pinocchios Reichtum über Nacht wachsen soll. Hier kommt noch eine Prise Salz auf die Erdkrümel.
Nicht nur die kleinen Zuschauer haben ihren Spaß, wenn Pinocchios Geschichte immer wieder mit überraschenden Einfällen gewürzt wird. Mitmachen dürfen sie auch, wenn es auf große Fahrt über den Ozean geht, mitten hinein in den Bauch des Haifisches, in dem Pinocchio endlich wieder auf den alten Gepetto trifft. Die La-Ola-Welle auf der Tribüne sorgt für frischen Wind und eine mächtige Brandung, während die Schauspieler sich mit blauen und schwarzen Regenschirmen in eine Unterwassergesellschaft verwandeln. Gemeinsam bilden sie dann das gefräßige Untier, unter dem die beiden Abenteurer dann putzmunter hervor krabbeln
Pinocchio hat schon lange keine Lust mehr, nur eine Puppe zu sein und ein störrischer kleiner Holzkopf. Wachsen will er und sich wie ein richtiger kleiner Junge entwickeln, mit guten Freunden, wie der Fee, an seiner Seite und einem liebenswerten Papa. Sogar auf die Schule ist er inzwischen neugierig geworden, weil ihm auch die Abenteuer im Spielzeugland zu denken gegeben haben. Was nützt es, scheinbar alles zu dürfen, wenn man dafür in einen dressierten Esel verwandelt wird. Spannende Erfahrungen lassen sich bestimmt auch im Alltag machen.
Die Gauklertruppe ist ebenfalls begeistert, dass ihre Geschichte so gut ausgeht. Ein Hoch auf Pinocchio wird angestimmt und auch auf dieses gelungene Theaterabenteuer zum Auftakt der Domfestspiele.