Der Harz soll Deutschlands Energiespeicher werden

 
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Unterirdische Pumpspeicherwerke sollen Windkraft von der Nordsee aufnehmen

Von Maximilian Strache, Goslar/Bad Grund

Dem Bergbau verdanken die Oberharzer Bergstädte ihre Blütezeit. 3000 Jahre wurde im Harz Bergbau betrieben. Besonders der Abbau von Silber, Eisen, Kupfer, Blei und Zink verhalf der Harzer Bevölkerung zu gewissem Wohlstand. Doch mit dem Ende des Bergbaus verloren viele Einwohner der Harzregionen ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage. Von der Bedeutung des Bergbaus zeugen heute nur noch die Kulturdenkmäler und die negativen Folgewirkungen des Bergbaus für die Umwelt wie die Schwermetallbelastungen der Ökosysteme.

Doch nun soll den alten Bergwerkstollen wieder zu neuer und vor allem nachhaltig wirtschaftlicher Bedeutung verholfen werden. Geht es nach den Kommunalpolitikern soll der Harz einer der größten Energiespeicher für durch Windkraft erzeugten Strom werden. Die alten Stollen eignen sich nach Ansicht der Experten vom Energieforschungszentrum Niedersachsen (efzn), mit Sitz in Goslar, perfekt für den Bau von unterirdischen Pumpspeicherwerken. Ein Pilotprojekt soll in Bad Grund im ehemaligen Wiemannsbuchtschacht entstehen. Die Investitionskosten werden auf eine Summe zwischen 150 bis 200 Millionen Euro taxiert. An dem Projekt ist auch der lokale Energieversorger Harz Energie beteiligt. Auch die Beteiligung eines deutschen Energieriesen ist im Gespräch. Den ehrgeizigen Plänen der Energieforscher zufolge soll die Anlage bei Bad Grund schon im Jahr 2020 fertiggestellt sein.
Pumpspeicherwerke sind aber keine neue Erfindung. An vielen Standorten in der Bundesrepublik gibt es sie schon seit Jahren. Die Anlagen verlaufen jedoch oberirdisch und erfordern somit, massive Eingriffe in die Landschaft. Alte Bergwerke, und das ist das Ergebnis einer Studie des efzn, bieten für die Errichtung von Pumpspeicherwerken gegenüber Neustandorten über Tage eine Reihe von Vorteilen:
Bergwerke bieten große Fallhöhen, die sich sonst nur in Hochgebirgsregionen wie den Alpen erreichen lassen.
Bei Standorten mit entsprechenden geologischen Voraussetzungen lassen sich alle Kraftwerksteile, einschließlich Ober- und Unterbecken, unter Tage errichten. Die Inanspruchnahme der Landschaft und die Auswirkungen auf die Umwelt beschränken sich auf ein Minimum.
Schächte, die für den Bau eines solchen Energiespeicherwerkes in Frage kommen, wurden schon zu Zeiten des Bergbaus für eine längerfristige Nutzung ausgelegt.
Nach Beendigung der Rohstoffgewinnung sind Bergwerke in der Regel nutzlos. Durch die Nachnutzung erfüllen sie jedoch wieder einen wichtigen Zweck.
Die vorhandenen Schächte im Harz können nachgenutzt werden und verringern, verglichen mit dem Bau eines neuen Schachtes, die notwendigen Investitionen.
Im Rahmen der Studie mussten natürlich einige Bergwerks-Typen aufgrund ihrer Beschaffenheit schon im Vorfeld aus den Planungen gestrichen werden. Für das Pilotprojekt wurde deshalb eine ehemalige Metallgrube im Harz ausgewählt, weil für die Harzer Anlagen eine große Fülle verwertbarer Daten vorliegen. Diese stammen zu einem Teil aus dem niedersächsischen Bergarchiv mit Sitz in Clausthal.
Doch warum wird die Erforschung alter Bergwerksstollen, mit dem Zweck unterirdische Pumpspeicherwerke zu bauen, gegenwärtig so forciert? Die Antwort ist vor allem in aktuellen politischen Entscheidungen zu finden. Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch in der Europäischen Union auf mindestens 20 Prozent erhöht werden. Das ist einer der Gründe für die besondere Förderung regenerativer Energien. Die unterirdischen Pumpspeicherwerke sollen in erster Linie dazu dienen, Strom aus Windkraftanlagen zu speichern, und diesen dann bei hoher Nachfrage zur Verfügung zu stellen. Das ist notwendig, da das Windangebot stark schwankt, und es nur bedingt an den benötigten Verbrauch angepasst werden kann. Im Fall eines Erzeugungsdefizits müssen anderen, meist auf fossiler Basis beruhende, Kraftwerke die fehlende Leistung bereitstellen. Umgekehrt kann die Energie, die durch starken Wind erzeugt werden, und keine Abnehmer findet, nicht genutzt werden, und geht ungenutzt verloren.
Arbeitet aber ein Pumpspeicherwerk im Verbund mit Windkraftanlagen im Sinne eines virtuellen Kraftwerks zusammen, kann „überschüssige“ Windenergie dahingehend genutzt werden, um Wasser aus einem tiefer in ein höher gelegenes Becken zu pumpen. Bei diesem Vorgang wird die elektrische Energie aus den Windkraftanlagen in potentielle Energie des gespeicherten Wassers umgewandelt. Die gespeicherte Energie ist dabei proportional zur Masse des Wassers und der Höhendifferenz. Der Energieverlust bei der Speicherung in einem Pumpspeicherwerk beträgt etwa 25 Prozent.
Bei der Nachnutzung der ehemaligen Harzer Bergwerksschächte sollen die Auswirkungen auf die Natur so gering wie möglich gehalten werden. Etwaige Funde ausbeutbarer Ressourcen haben vor dem Bau Vorrang, sagen die Forscher aus Goslar.
Das Projekt wird zudem gefördert durch das Programm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu Forschung und Entwicklung im Bereich Netzintegration und ist Bestandteil der Initiative Zukunft Harz, die von den Landkreisen Goslar und Osterode geschlossen wurde.
Über die Zahl möglicher Arbeitsplätze, die durch den Bau und Betrieb der Pumpspeicherwerke entstehen könnten, haben die Experten des efzn und die Kommunalpolitiker bislang keine Angaben gemacht. Mit Sicherheit werden jedoch nicht annähernd so viele Menschen in den ehemaligen Bergwerken Arbeit finden, wie zu der Blütezeit des Bergbaus der Fall war. (mn)