Fußball war sein Überlebens-Elixier

Mehr als 40 Zuhörer besuchten die beeindruckende Lesung. (Foto: Kluge)

Lesung von Jürgen Bertram aus seinem Buch „Torschrei“ war äußerst beeindruckend

Von Camillo Kluge, Bad Grund

Die große Kunst eines guten Journalisten ist es, mit einfachen Worten komplexe und auch komplizierte Sachverhalte zu erklären. Was gibt es Komplizierteres als das Gefühlsleben? Nicht nur insofern war die Lesung von Jürgen Bertram aus seinem Buch „Torschrei“ im Clubheim des SV Viktoria Bad Grund äußerst beeindruckend.
Seine Kindheitserinnerungen handeln zwar von Fußball, aber irgendwie auch nicht. Zumindest die Abschnitte, die Bertram den mehr als 40 Zuhörern vorträgt, haben den Fußball mehr als Fluchtpunkt, als Ziel, als Trost zum Thema, denn ob seiner sportlichen Aspekte. „Fußball war mein Überlebens-Elixier“, sagt er.
„Über die Zeit der Nachkriegsjahre wurde wenig geschrieben“, so Bertram einleitend, vielleicht gibt sein Buch ja auch dafür eine Erklärung. Denn zwischen „brauner“ Vergangenheit und Wirtschaftswunder lagen einige Jahre, in denen vom Krieg Gezeichnete versuchten, sich im Leben wieder zurechtzufinden. Dabei waren sie kalt, zeigten sich gefühllos, einfach nur zielgerichtet. Kinder hatten zu parieren, zu dienen und zu gehorchen. Kindliche Verspieltheiten, jugendliches Aufbäumen, das wurde mit dem Ledergürtel ausgetrieben.
Der kleine Jürgen schafft sich seine eigenen Welten, seine eigenen Helden und Tagträume, in die er flieht und so den Schmerz des Lederriemens kaum noch wahrnimmt. Zunächst ist es Kurt „Toddos“ Brandt, der Torwart der Bad Grunder Viktoria, der sein Vorbild „zum Anfassen“ ist. Später, nach dem Umzug der Familie in die Kaiserstadt, der Keeper von Goslar 08.
Bertram nahm sein Auditorium mit auf eine Reise in seine Kindheit. Er erinnerte sich an das Iberger Kaffeehaus, wo Chorproben stattfanden, oder ließ die Platzeinweihung mit der Partie des Deutschen Meisters Schalke 04 gegen Peine am Himmelfahrtstag 1948 aufleben. „Da werden Erinnerungen wach“, freute sich Bürgermeister Manfred von Daak, denn „ich war selbst damals einer der 8000 Zuschauer.“ Als Geschenk „erlaubte“ Schalke, dass Bad Grund seinen Sportplatz dem „großen Gelsenkirchener“ Vorbild nachahmend auch „Glück-Auf-Kampfbahn“ nennen durfte.
„So war wirklich unsere Kindheit“, stimmte eine Zuhörerin Bertrams Schilderungen zu, „die Väter kamen gefühlskalt aus dem Krieg nach Hause.“ Und „Toddos“ selbst, braungebrannt aus dem Urlaub gut zuhörend im Vereinsheim sitzend, „weiß noch viel mehr, als er geschrieben hat. Ich kannte seinen Vater noch“, so der rüstige Senior.
„Hier hatte ich mein Fußball-Ur-Erlebnis“, sagt Bertram, „und 65 Jahre später darf ich an dem gleichen Ort davon vorlesen. Das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Das kam auch den Zuhörern zugute, denn es waren am Ende doch einige Absätze mehr als eigentlich geplant, die Bertram vortrug. Seine Gage, das Eintrittsgeld, spendete er für die anstehende Platzsanierung bei Viktoria. Vielleicht lag es ja auch daran, dass er heute immer noch sagt: „Bad Grund ist der schönste Kurort im Oberharz.“