Harzer Weihnachtsbaum darf die Sicherheitsschleuse des Reichstags passieren

Bis vor den Reichstag durften die Forstmitarbeiter vorfahren, dann mussten Detlef Ehrenberg (vorne links), Swen Zöller (vorne rechts) und Michael Rudolph (hinten) den über sechs Meter langen Baum aber alleine die Stufen hochtragen. (Foto: Kluge)
 
Hier begutachten (von rechts) der stellvertretende Landrat Klaus Liebung, Christiane Line vom Naturpark, Michael Rudolph (Fortsamt), Dietmar Mann (2. von links) den frisch gefällten Baum. (Foto: Kluge)

Delegation der Landesforsten liefert Kaukasische Tanne aus dem WeltWald nach Berlin

Nicht einmal 48 Stunden dauerte es, um eine einfache Kaukasische Tanne aus den Niederungen des Rabentals im WeltWald Bad Grund zum täglich tausendfach begutachteten Weihnachtsbaum im Machtzentrum der Republik zu wandeln.

Von Camillo Kluge

Berlin/Bad Grund. „Herzlich Willkommen im Kaukasus“, begrüßte der für den WeltWald zuständige Revierförster Dietmar Mann die kleine Besuchergruppe im Rabental, die nun mit aussuchen durfte, welcher Baum schön genug ist, um das Eingangsportal im Deutschen Reichstag als Weihnachtsbaum zu schmücken. Freilich hatten Mann und seine Mitarbeiter schon vorsortiert, doch bereits beim zweiten Baum waren sich alle einig: Das war genau das richtige Schmuckstück.
„Auf den letzten Metern überzeugt er mit einer sehr schönen kegelförmigen Krone, gleichmäßigem Wuchs und seinen blau-grünen Nadeln“, erläuterte Mann die Kriterien. Auch Klaus Liebing, stellvertretender Landrat des Landkreises Osterode, zeigte sich mit der Wahl zufrieden: „Ein schöner Gruß aus dem Harz an die Bundesregierung.“
Während Forstamtsmitarbeiter Swen Zöller mit der Kettensäge den Baum fällte, verriet Christiane Linke vom Natur- und Geopark, dass alljährlich eine Tanne die Eingangshalle des Reichstages schmückt. „Die liefert immer ein anderer Naturpark“, so Linke, „und dieses Jahr ist der Harz dran, was sich auf Grund des 50sten Geburtstages des Naturparks anbot.“ Dann habe sie passende Partner für die Umsetzung gesucht und sei beim Forstamt in Clausthal-Zellerfeld fündig geworden. Mit der Klasse 5c der Haupt- und Realschule in der Bergstadt habe sich zudem eine für den Baumschmuck verantwortliche Gruppe gefunden.
Derweil war der Baum längst gefallen und lag auf dem morastigen Boden. Mit seinen Kollegen Ernst Kramer und Roland Simon schnappte sich Zöller den Baum. Gemeinsam trugen sie ihn behutsam bis zum sechs Meter langen Anhänger. Schließlich sollte kein Zweig zuviel brechen und der Baum möglichst nicht durch den Morast schleifen. Hier wurde er nicht nur in eine Plane gewickelt, auch wurde der Fuß schon an den Ständer angepasst. Schließlich spricht nicht nur die derzeitige Sicherheitslage gegen den Einsatz einer Motorsäge im Reichstag.
Gegen 10 Uhr am Mittwochmorgen fuhren die sich sonst hohen Staatsbesuchen öffnenden Betonsicherheitspoller an der Zufahrt des Bundestages herunter. Maschinenpistolen bewehrte Polizisten warfen genaue Blicke in den Transporter der Niedersächsischen Landesforsten. Auch unter die Plane wurde geguckt. Dann durfte Zöller, der mit den Forstamtskollegen Detlef Ehrenberg und Michael Rudolph angereist war, vor das geschichtsträchtige Portal mit der Aufschrift „Dem Deutschen Volke“ fahren. Der im Reichstag für Garten- und Außenanlagen zuständige Alfred Ländner begrüßte die Oberharzer bereits auf den Stufen des Portals, und überprüfte gleich auch die Ausweise. Die nahm sich auch die Polizei, die den dank der erhöhten Sicherheit zur Schleuse umfunktionierten Eingangsbereich überwachte, ganz genau vor. Schließlich durften die drei den Baum in den gut 40 Meter hohen Eingangsbereich des Reichstages tragen. Nun zahlte sich die ausgezeichnete Vorarbeit von Zöller aus. Er hatte aus Holz einen kreuzförmigen Fuß für den extra geschmiedeten Ständer gebaut. Alles passte exakt. So steckte die Kaukasische Tanne „ruckzuck“ im Ständer und wurde dann mit vereinten Kräften auf dem Fuß aufgerichtet, ohne dass die marmornen Platten der gigantischen Eingangshalle auch nur einen Kratzer abbekamen.
Endlich stand der Oberharzer Baum dort, wo er die nächsten Wochen für etwas Wärme zwischen den harten politischen Debatten sorgen soll. „Lange hatten wir nicht einen so schönen Baum“, waren sich die Mitarbeiter im Foyer des Reichstages einig. Für Ehrenberg als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr war es Ehrensache, die Leiter zu erklimmen und den etwa 650 Zentimeter hohen Baum mit den Lichterketten zu versehen.
Trotz Haushaltsdebatten und wichtiger Reden nahm sich Viola von Cramon, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Grüne aus dem hiesigen Wahlkreis, die Zeit die Abordnung aus der Heimat zu begrüßen. Etwas nervös war sie, stand sie doch kurz vor ihrer erst zweiten Rede vor dem Plenum. Die erhöhte Sicherheitsstufe merkte sie eigentlich nur durch „häufigeres Überprüfen des Ausweises und konsequenteres Schleusen, aber man arbeitet wie normal“, so die Abgeordnete. „Bis zum Jahresende soll das wohl so bleiben“, hatte sie gehört. Auch Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender, kam kurz vorbei und schüttelte den Forstamts-Mitarbeitern die Hand. „Ich wollte nur mal eben Hallo sagen“, und war wieder verschwunden. Nach gut zwei Stunden war der Job von Zöller und seinen Kollegen erledigt.
Das Schmücken übernahm dann tags drauf Linke mit der Klasse 5c aus Clausthal-Zellerfeld. Im anschließenden kleinen Festakt trugen die Schüler der kleinen Abordnung Bundestagsabgeordneter mit Bundestags-Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt auch Gedichte und Lieder vor. Viola von Cramon war wieder dabei, hatte den Kindern zwei – natürliche – grüne Christbaumkugeln mitgebracht. Auch Hartwig Fischer, CDU-Abgeordneter aus dem Göttinger Raum, nahm sich Zeit für die Schüler und vor allem die Wunschzettel entgegen. Die hatten die Kinder am Weihnachtsbaum angebracht, adressiert waren sie allerdings an „unsere Politiker“. Eine exklusive Führung rundete für die Schüler den Berlin-Besuch ab.
So steht nun eine kleine Kaukasische Tanne aus dem Rabental im Foyer des Reichstages und verbreitet etwas friedliche und weihnachtliche Stimmung im hektischen politischen Alltag und vielleicht auch bei „dem deutschen Volke“.