Kalklieferant für die deutsche Rüstungsindustrie

Der Kalksteinbruch bei Bad Grund lieferte den wichtigen Rohstoff für die deutsche Rüstungsindustrie.

Bad Grund blickt auf eine lange Bergbautradition / Im zweiten Weltkrieg war der Kalkabbau von Wichtigkeit

Das Eisenerz wurde aus kleinen Lagerstätten, die im Iberg auftraten, gewonnen. Bis in das Jahr 1886 wurde in der Region rund um den heutigen Kurort der wertvolle Rohstoff gefördert.
Ab dem Jahr 1938 sollte Eisen jedoch eine noch ganz andere Bedeutung für die Bergstadt erlangen. Im Zuge der massiven Aufrüstung der Wehrmacht wurden Eisen und Stahl in großen Mengen benötigt.
Das Herz der deutschen Eisenindustrie wurde damals von den Nationalsozialisten im nahen Salzgitter errichtet. Doch die dort zu Tage geförderten Eisenerze waren „Sauer“. Um sie dennoch für den Rüstungsbau verwenden zu können mussten die Erze aufbereitet werden. Zur Aufbereitung von „saurem“ Eisenerz benötigt man Kalk, und diesen in möglichst reinster Form. Große Vorkommen dieses Rohstoffs gab es im mittel- bis oberdevonischen Kalksteinmassiv des Bad Grundner Ibergs. Ein massiver übertage Abbau nahm so seinen Lauf. Der Steinbruch „Winterberg“ entwickelte sich schnell zum Gewaltigsten Niedersachsens.
Die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ waren der Betreiber des Kalkabbaus und zugleich neben der I.G.Farben und der Vereinigte Stahlwerke AG der größte deutsche Konzern im Dritten Reich.
Neben Arbeitern aus der Bergstadt wurden jedoch auch sehr viele KZ-Häftlinge zwangsverpflichtet. Die besten und wichtigsten Arbeitskräfte stammten aber aus Südtirol. Qualifizierte Fachkräfte aus dieser Region bildeten den Stamm der Arbeiter. 1938 waren zunächst 300 Arbeiter im Winterberger Steinbruch tätig.
Ein großes Problem stellten lange Zeit die Wohnverhältnisse dar. In Scheunen, Hütten, Hinterhäusern und sperrlichen Wohnungen fanden die Fachkräfte aus Südtirol eine Bleibe. Ein Zustand, der für die hart arbeitenden Menschen auf Dauer nicht hinzunehmen war. Eine Lösung wurde zum Jahreswechsel 1938/39 gefunden. Unterhalb des Iberger Kaffeehauses wurden auf einer Hangwiese Fachwerk-Reihenhäuser im Stil traditioneller Bergmannssiedlungen gebaut. So entstanden im Laufe der Zeit 48 Häuser mit jeweils zwei Wohneinheiten. Bedingt durch die Hanglage, waren die Keller der Häuser ebenerdig und dienten vornehmlich als Abstell- und Sanitärräume. Ziegenställe wurden am Rande der Siedlung errichtet. Im Sommer 1940 wurde die Siedlung fertiggestellt. Dem Ruf nach einem Lebensmittelgeschäft und einer eigenen Schule, für die etwa 150 Kinder im schulpflichtigen Alter, entsprach die Stadtverwaltung allerdings nicht.
Heute steht die Ibergsiedlung mit ihren massiven Sockelgeschossen und dem Fachwerkausbau zum leidwesen einiger Eingentümer unter Denkmalschutz. Strenge Auflagen müssen bei jedem Umbau beachtet werden.
Heute haben die Bewohner der Ibergsiedlung nur noch wenig mit dem Kalkabbau zu tun. Die Arbeiter kommen heute sowohl aus der Bergstadt als auch aus dem „Vorland“ und wohnen überwiegend in eigenen, modernen Häusern.