„Mama Rodica, Papa Tiberiu, Basam und ich”

Muhamad (links) und Basam brachten ihrer neuen Mama Rodica zum Geburtstag Blumen und Schokolade.
 
Von der syrischen Flüchtlings-Familie wurden Muhamad (links), Rodica (3. von links) und Tiberiu (2. von rechts) mit landestypischen Gerichten bekocht.

Muhamad ist einer von zahlreichen Flüchtlingen die derzeit in Bad Grund leben / Das Ehepaar Oghercin ist seine neue Familie

„Mama Rodica und Papa Tiberiu“. Mit diesen Worten begrüßt Muhamad das Ehepaar Oghercin, als er am späten Nachmittag von seinem Ein-Euro-Job zurückkommt. Rodica und Tiberiu sind jedoch nicht Muhamads richtige Eltern. Der 25-jährige Araber ist einer von mehreren Flüchtlingen, die zurzeit in Bad Grund wohnen und versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Zusammen mit Basam, ein 27-jähriger Flüchtling aus dem Libanon, wohnt Informatiker Muhamad seit knapp einem Jahr in einem Haus in der Osteroder Straße. Unter ihnen wohnen Rodica und Tiberiu Oghercin. Sie kamen selbst vor 20 Jahren als rumänische Spätaussiedler nach Deutschland und wissen nur zu gut, wie hart ein Neuanfang in einem fremden Land sein kann. „Muhamad und Basam gehören mittlerweile zu unserer Familie. Und auch zu den anderen Flüchtlingen pflegen wir eine tiefe Freundschaft“, so Tiberiu Oghercin, der einigen Bad Grundnern und auch über die Stadtgrenze hinaus als Clown „Figaro“ bekannt sein dürfte.

Neben den beiden Männern lebt seit Februar auch ein Mann aus Palästina mit seiner Tochter in Bad Grund. Er wartet derzeit jeden Tag darauf, dass seine Frau mit den vier Kindern nachkommt. Eine weitere Flüchtlings-Familie aus Syrien kam vor knapp vier Monaten mit ihren drei Kindern in die Bergstadt. „Vor kurzem waren wir bei der syrischen Familie zum Essen eingeladen. Das Essen war zwar ein bisschen scharf aber sehr lecker”, sagt Rodica, „sie waren so herzlich und gastfreundlich zu uns. Wir sind wirklich dankbar, dass wir all diese Menschen kennengelernt haben“. Rodica kocht mittlerweile immer Extraportionen, damit ihre beiden Hausbewohner Muhamad und Basam auch etwas abbekommen. „Die beiden sind wirklich fast wie meine eigenen Söhne. Ich möchte, dass es ihnen hier an nichts fehlt. Weil sie kein Schwein essen, koche ich auch nur noch Gerichte ohne Schweinefleisch“, so Rodica.
Muhamad kam aus dem Grenzdurchgangslager Friedland nach Bad Grund. Er hat eine harte Reise hinter sich. 26 Tage lang sei er zu Fuß über das Gebirge in Montenegro gewandert, wie er in einer Mischung aus gebrochenem Englisch und einigen deutschen Worten erzählt. Er und andere Flüchtlinge mussten mitten im Wald schlafen, mit der ständigen Angst, niemals lebend in Deutschland anzukommen. Doch er hat es geschafft. Muhamad und die anderen Flüchtlinge aus Bad Grund machen derzeit Ein-Euro-Jobs in Eisdorf, Badenhausen oder der Bergstadt. Hier sägen sie beispielsweise Bäume. Zusätzlich bekommen sie noch Geld für Essen. Wenn sie dann Deutsch können, hoffen sie auf einen festen Job und ein dauerhaftes Leben in Deutschland. „Mein Mann und ich helfen ihnen wo es nur geht. Denn ich habe selbst erst mit 41 Jahren Deutsch gelernt. Es war ein schwerer Weg als Spätaussiedlerin“, so Rodica. Während Basam und Muhamad jeden Freitag einen Deutschkurs besuchen, fährt das Ehepaar Oghercin jeden Mittwoch nach Goslar zu einem Arabischkurs. „Sie lernen unsere Kultur und Sprache kennen und wir möchten ihre lernen“, so die Oghercins.
Muhamad fällt das Deutschlernen im Gegensatz zu seinem Mitbewohner Basam etwas leichter. Er hat in Palästina ein Informatikstudium abgeschlossen. Basam konnte nie eine Schule besuchen und kann deshalb weder lesen noch schreiben. Doch gemeinsam wollen sie die deutsche Sprache lernen und dann für immer in Deutschland bleiben. Davon ist Muhamad überzeugt. „Mama Rodica, Papa Tiberiu, Basam und ich“, sagt der 25-Jährige lächelnd.