Bilderhäuser Dorftheater bietet tolle Show

Auch im wahren Leben ein Paar. Die Eheleute Christiane Raczek und Rainer Raczek spielten die Hauptrollen in „Alles für Allstadt“.
 
Ein Beweis für den guten Ruf des Dorftheaters. An allen vier vergangenen Abenden spielte die Truppe vor ausverkauftem Haus.

Publikum feiert „Alles für Allstadt“ / Alle vier Vorstellungen ausverkauft / Laiendarsteller wachsen über sich hinaus

Auch in diesem Sommer öffnete das Bilderhäuser Dorftheater, Theatergruppe der Gemeinde Mechtshausen-Bilderlahe, in der Pfarrscheune in Mechtshausen wieder seinen Vorhang und präsentierte an acht Abenden ein neues Stück. „Alles für Allstadt“– eine Satire (von Hildegard Reinecke) auf den Wahlkampf eines Lokalpolitikers lockte zahlreiche begeisterte Besucher nach Mechtshausen. Die Vorstellungen der vergangenen vier Tage waren allesamt ausverkauft.
Schon im Eingangsbereich wird das Publikum durch Plakate auf den bevorstehenden Wahlkampf eingestimmt und nach der flammenden Rede des zukünftigen Oberbürgermeisters vom 200 000- Seelen - Ort Allstadt, Dr. Kai von Korthe-Kosinow (Rainer Raczek), gibt es bedruckte Kugelschreiber als Wahlgeschenke und ein gefilmtes Interview (Reporterin:Maren Stephan-Lüke, Kamera: Ekkehart Hemmerich).
Der erfolgreiche und selbstsichere Manager, der sich der Oberbürgermeisterwahl stellt, stammt aus einem adligen Elternhaus und möchte vor allem den Eliteansprüchen seiner Mutter (Konny Geide) gerecht werden. Seine politischen Ziele sind eine durch und durch saubere Stadt – sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne. Da ist kein Platz in der Öffentlichkeit für Randgruppen wie Wohnungslose. Er wird von seinem Wahlmanager (Harald Brandt) beraten und von seiner zunächst selbstlosen Ehefrau Linda (Christiane Raczek) unterstützt.
Als das Ehepaar eines Abends nach einer Charity-Party nach Hause kommt, ist die Wohnung leer geräumt – ein Umstand, der Linda weit mehr erschüttert als ihren Mann. Der begibt sich wie geplant auf eine Geschäftsreise und überlässt die Regelung des Diebstahls seiner Frau. Bei der Abreise vergisst er sein Handy, auf dem Linda beziehungsweise ihre Freundin, die etwas exaltierte Künstlerin Rike (Diana Hoppe), dann eine SMS seiner Geliebten findet, so dass sich die Dienstreise als ein Liebesabenteuer entpuppt. Plötzlich fällt es Linda wie Schuppen von den Augen, wie egoistisch, selbstverliebt und unredlich ihr Mann ist.
Eine ehemalige Freundin von Korthes, Miriam (Judith Heise), die ebenfalls von ihm belogen und betrogen wurde, hat einen Racheplan geschmiedet und ist sowohl für die Wohnungsräumung als auch für eine Anzeige verantwortlich, aufgrund der Wohnungslose für kurze Zeit hier eine unentgeltliche Bleibe finden können. Somit finden sich in der von Lindas ahnungsloser, aber putzsüchtiger Mutter betreuten Wohnung (Ulla Müller) etliche Personen ein: ein dem Alkohol zugetaner älterer Aussteiger (Charles Reinecke), ein Hanf anbauender Maschinenbaustudent im 22. Semester (Timon Hoppe) und eine Dame vom liegenden Gewerbe (Hildegard Reinecke), die aufgrund ihres Alters in der Pussy-Bar wegrationalisiert wird. Die Drahtzieherin der Wohnungsräumung und der Anzeigenkampagne Miriam trifft Lindas Ehefrau, offenbart sich ihr und die beiden schwören Rache.
Als Dr. von Korthe-Kosinow von der angeblichen Dienstreise zurückkommt und die ungewöhnliche WG vorfindet, kommt er gar nicht dazu, seine Aufregung richtig auszuleben, weil sich seine adlige Mutter ankündigt, die ihrem Sohn ihren neuen Begleiter, einen einflussreichen Industriellen und Konsul von Usbekistan (Peter Horn), vorstellen möchte, der eventuell in Allstadt auch investieren will. Wie soll Kai die leere Wohnung und vor allem die unkonventionellen Bewohner erklären? Sein Manager weiß Rat. Frei nach der Maxime „Jeder Mensch ist käuflich“ schlägt man den Bewohnern vor, an einem Film (Kameramann : Ekkehart Hemmerich) mitzuwirken, bei dem sie alle gegen Gage eine Szene spielen sollen. Dabei geht es um eine Künstlergruppe, die einem Politiker freies Wohnen gewährt. Die ehemalige Geliebte von Korthes, seine Ehefrau und deren Freundin belauschen die Pläne und hören vor allem, wie abfällig Kai von Korthe-Kosinow über die Wohnungslosen, vor allem aber über seine Frau Linda spricht. Voller Wut solidarisieren sich die Frauen und die Wohnungslosen und schmieden einen Plan, den Wahlkämpfer in der Öffentlichkeit beziehungsweise vor der Presse (Maren Stephan-Lüke) bei einer Präsentation der Kunst WG bloßzu- stellen, was auch gelingt. Von Korthe-Kosinow legt seine Kandidatur kurzfristig nieder und sein flexibler Manager sorgt für eine Nachfolgerin, nämlich Frau von Korthe-Kosinow, die prompt die Wahl gewinnt. – Ein Rollentausch, der allen gut bekommt!
Das ganze Geschehen lässt sich in der sich im 4. Stockwerk befindlichen Wohnung und im Hausflur beziehungsweise dem Fahrstuhl verfolgen, dessen Fahrt vom Publikum anhand von Blinklichtern nachvollzogen werden kann. Und auch das anfangs aufgenommene Publikumsinterview wird später im Stück mittels Beamer auf die Bühne gezaubert. Offenbar gelingt es immer besser, technische Elemente (Harald Brandt) einzubauen und das Mitmachtheater nicht nur auf das Vorhang-Bedienen zu beschränken. Durch eine abwechslungsreiche Ton- und Beleuchtungsdramaturgie (Susanne Vogel), ein optimales Bühnenbild (Ekkehart Hemmerich), eine gute Souffleusen-Unterstützung (Monika Lühmann) und schmackhaftes Pausencatering (Ingrid Rangius und Ulla Müller) konnte das Publikum auch in diesem Jahr an insgesamt acht Abenden kurzweiliges Amateurtheater ( Regie: Hildegard Reinecke) erleben, was ohne die vielen Handgriffe und die Hilfe im Vorfeld nicht möglich gewesen wäre. Bühnenbau: Ekkehart Hemmerich, Harald Brandt, Rainer Raczek, Peter Horn, Charles Reinecke, Friedrich Bellanger, Heinz Müller, Jürgen Lohmann; Kartenvorverkauf: Renate Hoppe; Videoproduktion: Ute Hesse. Unterstützung durch Salon Koch und Firma Wandelt+Starp.
Die Spenden und ein Teil der Einnahmen wird in diesem Jahr der neu gegründeten Jugendtheatergruppe zugutekommen, bei der sich aus den Gemeinden Bilderlahe-Mechtshausen und Bornhausen Jugendliche zusammengefunden haben, die ein Kinderstück zur Aufführung bringen möchten.