Licht der Geschichte leuchtet in Bilderlahe

Besonderes Ereignis, spezielle Maßnahme: Erstmals predigte Pfarrer Stefan Lampe von der Kanzel der Kirche St. Michael.
 
Die Vertreter der Bilderläher Vereine kamen zur Vesper, für alle sprach Gerhard Winkel.

Feierliche Vesper anlässlich 300 Jahre Kirche St. Michael / Für einen Gast war es der Schlusspunkt eines langen Berufslebens

Pfarrer Stefan Lampe lässt sich für seinen Gottesdienst immer etwas einfallen. Lebendig, überraschend und zum Nachdenken anregend, gestaltet er ihn. So war es auch beim 300. Geburtstag der katholischen Kirche St. Michael in Bilderlahe. Besondere Anlässe lassen manchmal auch etwas Neues wagen. In Pfarrer Lampes Fall ist es das Betreten der prunkvollen Kanzel. „Ich habe noch nie erlebt, dass von dort oben einmal jemand gesprochen hat“, war an diesem Tag zu hören. Die volle Aufmerksamkeit war ihm sicher.
Wenn Stefan Lampe in sein Büro kommt, wird er immer an Bilderlahe erinnert. An der Wand hängt ein alter Stich von Georg Friedrich Hochecker. Er zeigt das Amt Bilderlahe, mittendrin die Kirche. „Wenn ich diese alten Kirchen sehe, fällt es leichter die eigenen Sorgen zu relativieren“, sagt er. Mit Blick auf die 300-jährige Historie stellt sich schnell die Frage: Was war alles und was wird noch sein?
Bei der Beantwortung benutzte Stefan Lampe seinen mitgebrachten Gegenstand – eine Lampe mit Bewegungsmelder. Oben von der Kanzel begann der Kirchenmann auch ein klein wenig zu philosophieren. Der Bewegungsmelder nimmt wahr, wann Licht gebraucht wird. „Die Empfindlichkeit, ob die Katze oder der Mann nach Hause kommen, lässt sich einstellen“, so Lampe. Quasi Licht an, wenn sich etwas ereignet, wie die vergangenen 300 Jahre in Bilderlahe.
Es gilt auch Gelassenheit zu lernen, um nicht ständig in Sorgen zu leben und sich mit der Frage beschäftigen zu müssen. „Wie geht es weiter?“ „Geht am Ende vielleicht sogar das Licht aus?“ Das fragte der Pfarrer, den Bewegungsmelder in der Hand, die Unterarme auf die Brüstung der Kanzel gestützt und leicht nach vorn zu den Besuchern gebeugt. „Viel ist in Bewegung, nicht immer ist alles beleuchtet, ist Licht“, so der Pfarrer. Es gilt, die Kirche zu begreifen, dass einer da ist, der Licht schafft, es ist die Quelle des Lebens.
Zur feierlichen Vesper wurden obendrein Kerzen entzündet. Es ist schön, solch eine Heimat, also solch ein Gotteshaus zu haben, dass so viel gesehen hat und noch sehen wird, äußerte Stefan Lampe. Und fügt an: „Immer wenn es nötig ist, soll das Licht Gottes scheinen“. Dabei sollte einmal die Stromrechnung nicht vordergründig im Blickpunkt sein. Mit dieser Hoffnung beendete Lampe seine Predigt.
Katechetin Sabine Herold-Götze ging auf die Kurzgeschichte des Gotteshauses ein. Katholische Kirchenbücher werden in Bilderlahe mindestens seit 1687 geführt. 1717 wurde die St.-Michael-Kirche errichtet und geweiht. Anfang des 18. Jahrhunderts wird Bilderlahe zum Zentrum des katholischen Glaubens. Für Seesen war bis 1920 Bilderlahe Kirchenort. Verwunderlich sind die Schilderungen in den Chroniken, der Ort wird als eine Stunde westlich von Seesen gelegen beschrieben. Früher gingen die Menschen zu Fuß zum Gottesdienst. „Wir können froh sein, solch ein Zelt zu haben, das seit 300 Jahren auf festem Grund steht, sowie in Glanz und Gloria erscheint”, sagte die Katechetin.
Gerhard Winkel sprach für die örtlichen Vereine. Er erinnerte an die Historie und formulierte einen Wunsch, dass es nach 500 Jahren mit Blick auf die Reformation gelingt, den Graben zu überwinden und die katholische Kirche immer so gefüllt ist wie heute – bei Regen und Sonnenschein.
Für einen Festredner war der Kirchengeburtstag ein besonderer im Hinblick auf seine eigene Biografie. Die Rede ist vom Architekten Klaus Determann. Bis April koordinierte er die Sanierung der katholischen Kirche. Für ihn sind Bauherren und Bauleuten zu Freunden geworden, nicht alles hat sich erfüllt, so konnte der Boden aufgrund fehlender Finanzen nicht erneuert werden. In den vergangenen fünf Jahren pendelte der Architekt zwischen Hannover und Bilderlahe, legte nach eigener Aussage 4.500 Kilometer zurück. Der versierte Fachmann war unter anderem für die Sanierung der katholischen Kirche Maria Königin in Seesen zuständig. Schlusspunkt war Bilderlahe, „für mich war es die letzte Tätigkeit nach 60 Berufsjahren”, so Determann. Sollte der Bischof erneut rufen, würde er den Ruhestand verschieben, fügte er an.
Bilderlahe wird für ein katholisches Dorf gehalten, obwohl sie in der Minderheit sind. Das betonte Ortsbürgermeisterin Christiane Raczek, die zugleich die Glückwünsche der Stadt Seesen überbrachte. Über die Jahre wird die Ökumene gelebt, Indizien sind die Fronleichnamsprozession und der Volkstrauertag.
Rudolf Götze verbindet persönliche Geschichten mit Bilderlahe. Als die Familie 1963 von Langelsheim nach Seesen gezogen war, hatte er von einem Fenster im Haus einen Turm gesehen – St. Michael. Er fuhr mit dem Fahrrad hin, schaute sich die Sache an. Zudem ließen er und seine Frau sich als erstes Paar hier ökumenisch trauen. Für ihn sind die Renovierungsmaßnahmen ein eindeutiges Bekenntnis des Bistums zum Kirchenort.
Für Heidemarie Neumann, die Vertreterin der Propstei Bad Gandersheim-Seesen, war es der erste Besuch im Gotteshaus. „Ich wünsche, dass alle Engel schützend ihre Flügel über diese Kirche ausbreiten”, so Neumann.
Lebendig und überraschend war die Vesper, musikalisch untermalt vom Gemischten Chor aus Bilderlahe. Sie wird, wie so vieles andere in die Historie eingehen. Das Licht der Geschichte leuchtete hier erneut für einen Abend. Und wird es noch lange tun.