Vom Scharfrichter und saarländischen Evakuierten

Anregende Gespräche der „Alt-Bilderläher“ (Foto: bo)
 
Idyllisches Bilderlahe: „Das Schönste im Dorfe sind die alten Linden“ (Foto: bo)

Dorfchronist Dirk Stroschein lud am Mittwoch vor Ostern erneut zu einer Zeitreise nach „Alt-Bilderlahe“

Es ist ein Termin, den sich viele bereits im Voraus fest für ihre Jahresplanung notieren: Traditionell am Mittwoch vor Ostern treffen sich diejenigen „Alt-Bilderläher“, die von den 1930er bis in die 1950er Jahre die Volksschule im Dorf am Heber besucht und im Ort ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Zunehmend sind dann auch andere Interessierte dabei, wenn der Bilderläher Dorfchronist Dirk Stroschein zu einem geselligen Kaffeenachmittag in die Gaststätte Willers einlädt. So auch in diesem Jahr, als sich wieder rund fünfzig „Alt-Bilderläher“ trafen, um Erinnerungen an früher auszutauschen und einigen Geschichten aus dem Archiv des Dorfchronisten zu lauschen.
Die erste „Zeitreise“ führte zurück ins 19. Jahrhundert, als auch das Verbrechen nicht Halt vor dem beschaulichen Domänendorf machte: Im Jahr 1852 kam es auf dem Heber plötzlich zu zunächst unerklärlichen Krankheitserscheinungen bei den Bewohnern und Erntehelfern. Durch einen Sachverständigen wurde Arsenik im Essen festgestellt, worauf eine Verdächtige schnell gefunden, dingfest gemacht und an das Gericht in Hildesheim ausgeliefert wurde.
Da es beim Vergiftungsversuch geblieben war und niemand zu Tode kam, wird der Täterin selbst wohl auch das Todesurteil erspart geblieben sein.
Solche Todesurteile wurden in jenen Zeiten von Scharfrichtern oder sogenannten Nachrichtern vollstreckt; ein „Handwerk“, das vor Einführung des Fallbeils im Königreich Hannover um 1860 einerseits eine hohe „Fertigkeit“ erforderte, andererseits gesellschaftlich geächtet war.
Ein „Meister“ seines Berufes war seinerzeit der Scharfrichter Christian Schwarz gewesen, der sich an seinem Lebensende in Groß Rhüden niederließ und nach seinem Tod 1867 auf dem katholischen Friedhof in Bilderlahe seine letzte Ruhe fand. Dieser Christian Schwarz war in ganz Norddeutschland bekannt und berüchtigt, sein Ruf als einer der „Besten“ machte die öffentlich abgehaltenen Hinrichtungen zum Beispiel in Hannover, Clausthal oder Göttingen zu regelrechten Volksfes­ten mit Aufläufen von bis zu 20.000 Menschen. Abschre-ckend, wie von der Obrigkeit gedacht, haben diese öffentlichen Hinrichtungen nicht gewirkt.
Im Gegenteil: Die Schaulust der Menschen wurde noch befördert. Heute gehört diese Art von unmenschlichem Spektakel mindestens in unseren Breiten der Vergangenheit an. Das Grabkreuz des Scharfrichters befindet sich nicht mehr auf dem Friedhof in Bilderlahe, sondern wird im Rhüdener Heimatmuseum aufbewahrt. Das Richtschwert des Christian Schwarz ist in Lamspringe zu besichtigen.

Saarländische Schriftstellerin Maria Croon: „Das schönste sind die alten Linden“
Bei der zweiten „Zeitreise“ nahm der Dorfchronist die Gäste mit in das erste Jahr des Zweiten Weltkrieges. Im Herbst 1939, nach Beginn der Kämpfe gegen Frankreich, wurden zahlreiche Bewohner des sogenannten „Westwallgebietes“ ins Landesinnere, auch nach Niedersachsen, evakuiert. So kamen einige saarländische Familien nach Bilderlahe, die hier bis zum Sommer 1940 blieben.
Darunter war Maria Croon, die Frau eines Lehrers, der in dieser Zeit die Bilderläher Kinder unterrichtete. Sie berichtete damals für verschiedene Zeitungen aus ihrem „Exil auf Zeit“ und wurde später im Saarland eine hochgeachtete Heimatschriftstellerin. Aus ihrer Feder liegen Eindrücke und Beschreibungen aus dieser Zeit vor, von denen Dirk Stroschein einige in Auswahl vortrug. Bildlich treten darin einige Bilderläher Typen sowie die idyllische Vorharzlandschaft vor Augen des Lesers. Auch für den Seesener „Beobachter“ verfasste sie einen solchen Artikel unter dem Titel „Abschied von Bilderlahe. Der Heimat entgegen!“
Darin blickt sie resümierend auf die Bilderläher Monate zurück: „Wohl empfanden wir den harten Winter in der Einsamkeit des weltfernen Nettetals besonders drückend. So unbarmherzig der Winter war, so schön ist der Sommer in diesem Tal. Das Schönste im Dorfe sind die alten Linden. Beinahe ein ganzes Jahr lang haben sie auch über uns Saarländern gerauscht und uns gern und freundlich ihren Duft und ihren Schatten und ihre wohltönende Melodie, die gewoben ist aus dem Gesang der Vögel und dem mächtigen Orgeln des Windes in ihren Kronen, geschenkt.“
An diese besondere sommerliche „Lindenmusik“ erinnerten sich dann auch noch viele „Alt-Bilderläher“ aus ihrer eigenen Kindheit, und in angeregtem Gespräch vertieft blieb man noch einige Zeit zusammen. Am Ende dieses Nachmittags konnten sich alle reich an neuen Eindrücken und aufgefrischten Erinnerungen auf den Heimweg machen.
Als Abschiedsgruß war vielstimmig zu hören: Bis in einem Jahr, wieder am Mittwoch vor Ostern!