10.000er Einwohnergrenze unterschritten

Leerstände wie hier im Geschäftsbereich gibt es in Bockenem schon seit Jahren. Wer übernimmt ein solches Objekt in einer Stadt, in der die Bevölkerung Käufe für den nicht-periodischen Bedarf schon längst nicht mehr vor Ort tätigt und deshalb nach außerhalb fährt ?

Nur noch 9.969 Personen wohnen im Stadtgebiet

Die rote Linie ist überschritten; besser: unterschritten. Ein Signal, denn nach der Fortschreibung der Einwohnerentwicklung der Stadt auf der Basis des Zensusergebnisses von 2011 betrug die Einwohnerzahl am 30. Juni 2013 nur noch 9969 Personen.

Bürgermeister Martin Bartölke gab diese Zahl auf der letzten Ratssitzung bekannt. Am 9. Mai 2011 war die amtliche Einwohnerzahl noch mit 10.144 Personen festgestellt worden, und 1995 hatte sie 12.046 Personen betragen.
Der gravierende demografische Rückgang verbunden mit einer negativen Umschichtung der Alterspyramide läuft seit etwa 20 Jahren, und wenn man etwas boshaft anmerken will, just seit der Zeit, als der Bockenemer Rat in Kenntnis dieser einsetzenden Entwicklung das großdimensionierte Wohngebiet Bockenem-Ost auswies, in dem dann kaum gebaut wurde, weil mittlerweile die Immobilienpreise für Wohngrundstücke im Keller sind, und es günstiger ist, hier einzusteigen, wenn man ein Eigenheim haben will. Seitdem ist es auch mit der Innenstadt deutlich bergab gegangen, wobei die Kommunalpolitiker mehr oder weniger nur zugeschaut haben.
Die Frage stellt sich nun: „Quo vadis Bockenem?“ Der Normalbürger registriert zwar den latenten Abwärtstrend, ist sich dessen jedoch nur oberflächlich bewusst, weil er schleichend ist. Man kann sich zwar trösten, dass eine Parallelentwicklung in vergleichbaren Städten Südostniedersachsens gegeben ist. Dennoch lohnt die Frage, wo Bockenem in 20 Jahren – also etwa um 2030/2035 – einmal stehen wird.
Auf der Basis dessen, was derzeit läuft und auch in den nächsten Jahren laufen wird, setzt sich der Negativtrend fort. Die Indikatoren sind: Abnahme der Bevölkerung, Abwanderung qualifizierter und aufstiegsorientierter jüngerer Leute, Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen unter anderem infolge der Meteorinsolvenz, weiter Abnahme des innovativen und intellektuellen Humanpotentials, Rückgang der Kaufkraft, Schwächung der wenigen verbliebenen Verkaufsgeschäfte, Zunahme des sozial getragenen Bevölkerungsanteils, Rückgang von Investitionen im Wohnimmobilienbereich – hier vor allem in der Altstadt – , weitere Auszehrung dieser und Zunahme der Leerstände. Ferner Probleme auch auf den Dörfern. Man denke an den Rückgang der Aktivenzahl bei den Feuerwehren, an die Probleme in Bornum hinsichtlich Turnhalle und Schule, langfristig an die Nutzung und Auslastung diverser Infrastruktureinrichtungen in den Ortsteilen. Absehbar ist auch der Rückgang der investiven Möglichkeiten des Kommunalhaushalts und die Erreichung der Grenze hinsichtlich der finanziellen Belastung der Einwohnerschaft. Das alles angesichts zunehmender Probleme und eines anwachsenden Investitionsbedarfs.
In 20 Jahren jedenfalls wird sich das Gesamtbild erneut gravierend verändert haben, schneller und tiefer einschneidend als in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Vielleicht ist Bockenem dann nur noch Ortsteil in einem größeren Gemeindeverband.
Die Kernstadt Bockenem betreffend zeigen sich die Wohngebiete im Osten und Süden in tadellosem Zustand. Nicht aber die Innenstadt. Doch diese steht nach außen hin für Bockenem insgesamt. Hier gibt es den Markt, das Rathaus, die Stadtkirche und den Rest des Verkaufs- und Marktgeschehens auf der König- und der Bönnierstraße. Große Hoffnung setzen Rat und Verwaltung nun darauf, dass die Stadt nach bevorstehender Antragstellung am 1. Juni 2014 in ein Städtebauförderungsprogramm aufgenommen wird. Doch auch wenn das geschieht, kann es nicht die Wende bringen, auch nicht die durchaus erfreuliche Entwicklung im neuen Gewerbegebiet, wo jetzt eine Großtankstelle entsteht.
„Was ist zu tun?“, wurde auf der letzten Ratssitzung gefragt. Schwierig die Antwort. Weitere Abnahme der Einwohnerzahl mit allen anschließenden Folgen? In absehbarer Zeit der Abriss abgängiger Gebäude? Ein Äquivalent durch mehr Asylanten und Ausländer, für deren Unterhalt in der Anfangszeit öffentliche Gelder zur Verfügung stünden? Mehr „multi-kulti“?
Denkansätze, wohin die Stadt in den nächsten Jahren gehen sollte, und wo mögliche Gewichtungen gesetzt werden könnten, gibt es durchaus. Nur müssten sich die führenden Köpfe in der Stadt jenseits aller Querelen einmal zusammensetzen und über zwei bis drei Szenerien nachdenken, auf die hin dann für die nächsten Jahre strikt eine einigermaßen einheitliche Richtung eingehalten werden könnte.