200 Seiten potenzieller Verschönerungsmöglichkeiten

Einer der vielen Vorschläge: Ein Seniorenheim an der Stelle, wo vormals die katholische St.-Clemens-Kirche gestanden hat und zusätzlich eine Bereinigung nicht notwendiger Hinterhofbauten. (Foto: Klaube)

Analyse des Sanierungsbedarfes der Bockenemer Innenstadt liegt nun vor

Der Rat der Stadt hatte sich am 1. Oktober letzten Jahres einmütig für eine Sanierung der Altstadt ausgesprochen. Zeitgleich wurden mit der Bereitstellung der Mittel für eine städtebauliche Untersuchung die Voraussetzung für die Stellung eines Antrags zur Aufnahme in das Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalsschutz“ geschaffen. Das Ergebnis dieser Untersuchung und die damit verbundenen Vorschläge für eine umfassende Sanierung liegt auf über 200 DIN A4-Seiten seit einigen Tagen vor und findet sich auf den Tagesordnungen der Sitzungen des Bockenemer Ortsrates, des Stadtentwicklungsausschusses und am 19. Mai des Stadtrates. Das umfangreiche Kompendium muss danach dann bis zum 31. Mai beim Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung eingereicht werden, um gegebenenfalls schon im kommenden Jahr Aufnahme in das Förderprogramm zu finden.
Dass die besagten drei Gremien sich noch intensiv mit den Ergebnissen dieser Untersuchung und den anschließenden Sanierungsvorschlägen auseinandersetzen, ist gänzlich unwahrscheinlich, weil dazu Unsummen an Beratungsstunden erforderlich wären und obendrein nicht angenommen wird, dass die Mandatsträger die Mühe und die Zeit aufbringen werden, die umfangreiche Vorlage eingehend zu studieren. Zumal sie das Ganze angesichts des großen Umfangs nicht in Papierform vorliegen hätten, sondern es sich per Computer aneignen müssten. So wird man angesichts der Kürze der Zeit wohl mehr oder weniger auf die wenigen Insider setzen, welche inzwischen mit den Ergebnissen vertraut sind.
Analyse könnte nicht
ausführlicher sein

Um es vorweg zu nehmen: die Fachleute, die mit dieser Untersuchung beauftragt worden waren, haben eine ausgezeichnete Arbeit geleistet. Die Analyse des Sanierungsbedarfes der Bockenemer Innenstadt hätte ausführlicher nicht ausfallen können und umfasst das gesamte Spektrum dessen, was hier städtebaulich zu beachten und erforderlich ist. Die darauf aufbauenden Vorschläge sind in ihrer Breite, ihrer Vielzahl und ihrer zum Teil auch finanziellen Größenordnung nach für die meisten derjenigen, die das Papier eingehend studieren, sehr wahrscheinlich viel zu weitgehend und angesichts der Möglichkeiten gar nicht durchsetzbar.
Doch darum geht es bei einer solchen Untersuchung nicht, denn hier wird völlig sachangemessen all das aufgezeigt, was als Folge der vorausgegangenen Recherche alles verändert und verbessert werden könnte. Würde man das alles realisieren können, wäre zweifelsohne eine dreistellige Millionensumme erforderlich. Bockenem könnte danach als eine Perle unter den deutschen Städten dastehen und den Antrag auf Aufnahme als Weltkulturerbe stellen. Aber das ist nicht die Zielvorgabe, denn die Absicht und der Wert dieser Untersuchung liegt darin, in den gegebenen Zusammenhängen die große Bandbreite all dessen aufzuzeigen, was städtebaulich gemacht werden könnte und was im Grunde genommen auch wünschenswert wäre.
Dass neben der Stadt bei der Durchsetzung einzelner Maßnahmen vor allem die Grundstückseigentümer mitziehen müssten, wird in der Untersuchung ganz klar zum Ausdruck gebracht. So heißt es auf Seite 186: „Der Schwerpunkt der Förderung soll neben wichtigen öffentlichen Maßnahmen vor allem im privaten Bereich und auf Maßnahmen mit hoher Impulswirkung für die Standortaufwertung und Anziehungskraft im Quartier oder in der gesamten Kernstadt liegen.“ Immerhin haben im Vorfeld bereits 46 Eigner die Absicht erkennen lassen, an beziehungsweise auf ihren Anwesen Verbesserungen ausführen zu wollen, darunter 27 Besitzer von denkmalsgeschützten Objekten.
„Innenstadtentwicklung
muss Vorrang haben“

Den Bockenemer Mandatsträgern schreiben die Fachleute auf Seite 194 unverblümt ins Buch: „Der Standort historische Kernstadt muss noch konkurrenzfähiger und attraktiver werden, gerade in Zeiten, in denen ein Überangebot außerhalb der Kernstadt zunimmt. Die Innenentwicklung muss künftig Vorrang in der Stadtplanungspolitik erhalten. Dies ist auch interkommunal abzustimmen.“ Innerhalb der großen Zahl der Empfehlungen findet sich dann auch diese, dass die Stadtverwaltung die historische Altstadt marketingmäßig deutlich besser händeln sollte.
Unabhängig davon, ob die Stadt jetzt schon oder überhaupt Aufnahme in das Städtebauförderungsprogramm finden wird, gibt es nun für alle Entscheidungsträger ein ganz dickes Nachschlagewerk zu allen städtebaulichen Problemen, welche die historische Altstadt betreffen. Unter den Schlüsselprojekten, die in absehbarer Zeit angegangen werden sollten, finden sich unter anderem Umgestaltungen auf dem Markt und im Kirch- und Rathausumfeld, die Revitalisierung zahlreicher Einzelgebäude, darunter eine Nutzungsfindung der Kapelle St. Spiritus, eine Umfeldaufwertung im Winkel und auf dem Papenberg, diverse rückwertige Erschließungen, die Fortnahme nicht mehr benötigter Hinterhof- und Randbauten, die Aufwertung verschiedener Straßenräume und der Rückbau versiegelter Flächen.
Allein mit diesen Problemen – sollten sie irgendwann angegangen werden – hätten die Mandatsträger aus der Kernstadt, die hier vor allem gefragt wären, ein Erörterungsmaterial, das sie monatelang beschäftigen würde. Schon jetzt fragen sich einige, wie eine neuerliche Umgestaltung des Marktes – es wäre die vierte seit 1979 – vorgenommen werden sollte. Ein Weniger an Parkplätzen, ein Mehr an Kommunikationspunkten, mehr Grün aufbringen und wieder Bäume pflanzen? Fragen über Fragen.
Immerhin: man will und man wird etwas tun. Das ist mittlerweile erklärte Absicht, und die Stadt wird auch die benötigten Mittel zur Verfügung stellen.