Auf die alten Tage noch einmal ein Filmstar

Bevor die Requisiteure anrücken, prüft Museumsleiter Jörg-Dieter Besch noch einmal, wie die Turmuhr am besten zerlegt werden kann. (Foto: Knoblich)
 
Mit vereinten Kräften wurde der künftige Kinostar aus dem Museum nach draußen transportiert,... (Foto: Knoblich)

Bockenemer Weule-Turmuhr von 1911 spielt wichtige Rolle im Kinofilm „Das kleine Gespenst“

Von Karsten Knoblich
Bockenem

Mit 101 Jahren noch einmal Filmstar? Warum denn nicht. Johannes („Jopie“) Heesters hat schließlich auch noch mit 105 Jahren auf der Bühne gestanden. Hier geht es allerdings nicht um einen Akteur aus Fleisch und Blut, sondern um ein technisches Präzisionsinstrument aus massivem Stahl. Die Rede ist von einer Weule-Turmuhr aus dem Jahr 1911. Bald nun wird dieser „Schützling“ von Jörg-Dieter Besch, Leiter des Turmuhren- und Heimatmuseums in Bockenem, auf seine alten Tage noch einmal vor der Filmkamera stehen.
Es ist nicht irgendein Streifen, in dem die Turmuhr eine zentrale Rolle spielt; vielmehr handelt es sich um eine Kino-Verfilmung des bekannten Kinderbuchklassikers „Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler. Bereits Mitte Juni haben in Quedlinburg und Wernigerode die Dreharbeiten begonnen. Ende Juli folgen weitere Studioaufnahmen in München. Und genau dorthin ging am Mittwochabend die Reise für den künftigen Filmstar aus Bockenem. Die gute alte Weule tut hier, was sie am besten kann: Sie schlüpft in die Rolle der Eulenberger Rathausuhr, die zur Mitternacht mit zwölf Schlägen die Geisterstunde auf Burg Eulenstein einläutet. Dort wohnt das kleine schneeweiße Gespenst, das eines Tages aber bereits zur Mittagsstunde aus dem Schlaf gerissen wird und sich im Sonnenlicht plötzlich schwarz verfärbt. Eine aufregende Geschichte nimmt ihren Lauf...
Dass gerade der altgediente Zeitmesser aus Bockenem zu solcherlei Ehren kommt, war so nicht geplant. Die bekannte Münchener „Claussen+Wöbke+Putz“ Filmproduktion, die für diese ZDF-Koproduktion verantwortlich zeichnet, hatte bei der Suche zunächst erhebliche Probleme. „Die haben erst überall im Süden und auch in Seehausen in der Altmark nach Turmuhren angefragt, aber irgendwie traute dem Braten dort keiner so richtig“, sagt Jörg-Dieter Besch und lächelt verschmitzt. Auch er erhielt schließlich eine entsprechende E-Mail. „Ich habe dann erst einmal in München angerufen und mich rückversichert“, so Besch weiter. Und siehe da: Alles hatte seine Ordnung, und Besch gab grünes Licht.
In null Komma nichts standen zwei Mitarbeiter der Produktionsfirma im Bockenemer Turmuhrenmuseum, um vor Ort die infrage kommenden Exemplare zu fotografieren. Schnell hatte die Produktionsleiterin ihren Favoriten gefunden. Ausgerechnet mit das größte und schwerste Exponat musste es sein. Mehr als 600 Kilogramm bringt die Weule-Turmuhr von 1911 auf die Waage. Sie ist ein echter Kraftprotz. Jahrzehntelang versah sie im Dom zu Fritzlar in Hessen ihren Dienst und trieb dort gleich vier Zifferblätter gleichzeitig an. Im Jahr 2008 kam sie in recht unansehnlichem Zustand nach Bockenem, wurde anschließend liebevoll aufgearbeitet und erst im vergangenen Jahr fertig.
Kein Wunder also, dass es Jörg-Dieter Besch auch ein wenig schwer fällt, eines der Prunkstücke seiner Ausstellung aus der Hand zu geben – auch wenn es nur eine Trennung auf Zeit ist. Aber er weiß auch: „Werbung ist nun einmal Werbung, die kann man gar nicht bezahlen“. Trotzdem freut er sich natürlich riesig, dass der Verleih dem Bockenemer Museum eine Spende von 1750 Euro einbringt. Außerdem kommt die Produktionsfirma für sämtliche Kosten auf. Dazu gehört auch der Transport nach München. Am Mittwochnachmittag waren zwei Requisiteure angerückt, um mit der Uhr auf Reisen zu gehen. Zusammen mit Jörg-Dieter Besch und Museumsmitarbeiter Hans Jörg Drake galt es zunächst einmal, das gute Stück zumindest zum größten Teil zu zerlegen. Selbst dann mussten noch ein paar starke Jungs der „Individuelle Hilfen Bockenem“ rekrutiert werden, um das sperrige Transportgut aus dem Museum und auf den Lkw zu bugsieren.
„Am 17. Juli werden Hans Jörg Drake und ich mit dem ICE nach München reisen und die Uhr dort wieder aufbauen“, erklärt Jörg-Dieter Besch das weitere Vorgehen. Die Dreharbeiten werden dann etwa vier Wochen in Anspruch nehmen. Dann muss die „Weule“ in München wieder abgebaut, in den Ambergau transportiert und hier wieder aufgebaut werden. Doch die Mühen lohnen sich.
Im Herbst 2013 soll „Das kleine Gespenst“ anlässlich des 90. Geburtstags Preußlers in die Kinos kommen. In den Hauptrollen werden Uwe Ochsenknecht und Herbert Knaup zu sehen sein. Und Jörg-Dieter Besch? Der freut sich schon jetzt auf den großen Auftritt seines ganz persönlichen Lieblingsstars.