Ausstellung „U(h)rzeiten“ im Turmuhrenmuseum

„U(h)rzeiten“: Ulrike Große, einer der beteiligten „Künstlerinnen“, sorgt für den letzten Feinschliff an dieser Collage. (Foto: Knoblich)
 
Alle packen mit an: Vorbereitungen für die Ausstellung im Bockenemer Turmuhrenmuseum. (Foto: Knoblich)

Bewohner der „Individuelle Hilfen Bockenem“ präsentieren ab Samstag Ergebnisse ihrer Projektarbeit

Von Karsten Knoblich
Bockenem
Wer schon einmal zu Besuch im Bockenemer Turmuhren- und Heimatmuseum war, der kennt das: Im Sekundentakt ist der Herzschlag von mehreren Dutzend großdimensionierten, historischen Zeitmessern zu hören, dann und wann verrät lauter Glockenklang, was die Stunde geschlagen hat. Einen besseren Ort könnte es wohl kaum geben, um eine Ausstellung unter dem Titel „U(h)rzeiten“ zu präsentieren. Das dachte sich auch Museumsleiter Jörg-Dieter Besch. Als die Bockenemer „Individuelle Hilfen GmbH“ anfragte, ob man hier denn nicht einmal Projektarbeiten zum Thema zeigen könne, sagte er natürlich sofort zu.
In dem Wohnheim der „Individuelle Hilfen GmbH“ in der Bürgermeister-Sander-Straße werden Menschen mit seelischen beziehungsweise psychischen Behinderungen betreut. Sie sollen mit fachlicher Hilfe wieder Vertrauen zu sich und ihren Fähigkeiten gewinnen, sollen zu lebenspraktischen Fertigkeiten hingeführt werden, damit sie später ein eigenständiges Leben führen können. Dafür gibt es ein umfangreiches Betreuungs- und Förderangebot mit tagesstrukturierenden Maßnahmen. Einen Schwerpunkt bildet dabei das kreative Gestalten. Und so haben zwölf Bewohner im Verlauf des letzten halben Jahres täglich mehr als zwei Stunden für das Projekt „U(h)rzeiten“ aufgebracht, sprich geplant und gewerkelt.

Erfolgserlebnisse
stellen sich ein

Einer von ihnen ist der 27-jährige Marcel Blümel. Der gelernte Tischler hat fast ganz allein ein rund 1,80 Meter langes Phantasieschiff gebaut, dass gut und gerne dem Kopf eines Jules Verne entsprungen sein könnte. Drei Monate hat er dafür gebraucht. „Und das alles ohne Vorlage“, betont Uwe Märtens. Er ist Ergotherapeut in der Einrichtung und koordinierte das „Zeit“-Projekt und die Ausstellung zusammen mit Erzieherin Liane Loß und Gruppenleiter Nicol Schneider. „Dass machen wir ganz bewusst so, um Erfolgserlebnisse zu garantieren“, so Märtens weiter. In der Regel kämen die Bewohner aus einer Akutbehandlung; vieles, wie eben die Kreativität als wichtiger Bestandteil des Lebens, müsse dann oft wieder neu gelernt werden. Märtens selbst macht übrigens auch als Künstler eine gute Figur. Gleich mehrere in der Ausstellung zu sehende farbenprächtige Ölbilder hat er gemalt.
Nur ein paar Schritte weiter rückt Ulrike Große gerade eine rechteckige Collage in ihre endgültige Position. Fast alle Projektteilnehmer haben daran mitgewirkt. „Wir sind ein tolles Team; die Arbeit hat viel Spaß gemacht“, sagt die 28-Jährige. Das Werk, dem eine alte Schranktür als Basis diente, besteht unter anderem aus echten Uhrenteilen, Detailfotos von Turmuhren aus dem Bockenemer Museum und vielen weiteren Teilen aus Metall und Holz. Hier kann jeder Besucher selbst auf Entdeckungsreise gehen. Ulrike Große steuert zur Ausstellung auch „Waldi“ bei. Das ist kein Hund, sondern ein aus Weichholz geschnitzer Waldgeist, der aufrecht auf einem Uhrensockel thront – samt kleinen Zweigen als Stunden- und Minutenzeiger.
Ansonsten darf man sich in der Ausstellung beispielsweise auf drei große selbstgefertigte Sonnenuhren, ein Memory-Spiel aus Holz, zerfließende Zeit aus Pappmaschee sowie Kirchenmodelle aus Holz samt Glockenturm und – natürlich – Kirchturmuhr freuen. Eine kleine Präsentation von Fotos, die während der Arbeiten an dem Projekt entstanden sind, runden die Ausstellung ab.


Zu sehen ist die Ausstellung „U(h)rzeiten“ im Turmuhrenmuseum ab kommendem Samstag, 10. März, bis Ende April. Auch wenn es eine offizielle Eröffnung im eigentlichen Sinne nicht gibt, so würde sich Museumsleiter Jörg-Dieter Besch doch freuen, am Samstag gegen 15 Uhr interessierte Gäste begrüßen zu können. Geöffnet ist das Museum immer samstags und sonntags, jeweils von 15 bis 17 Uhr.