Bockenemer Oberschüler bauen Vorurteile ab

In der Oberschule findet für die neunten und zehnten Klassen aktuell eine Ausstellung über Migration statt. Anhand von mehreren Familien wird zum Beispiel die Geschichte der Russlanddeutschen vorgestellt. (Foto: Klaube)

Ausstellung zum Thema Migration kommt bei den Schülern der neunten und zehnten Klassen gut an

Ausländer, Asylbewerber, Aussiedler und Aufnahmegesellschaft in Deutschland. Wohl jeder junge Mensch wird früher oder später mit dieser Thematik konfrontiert. Mehr noch. Russlanddeutsche und die häufig geäußerte landläufige Meinung hierzu: Das sind doch gar keine Deutsche. Die sprechen doch nur russisch und können gar kein deutsch. Sie haben nichts in die Rentenkasse eingezahlt, erhalten aber eine Rente. Der Staat schenkt ihnen zudem Geld zum Bau oder Kauf eines Hauses. Sie nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg, neigen zu Gewalttätigkeiten und sind häufig kriminell. Die wollen sich doch gar nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren.
In weiten Teilen der Bevölkerung sind solche Vorurteile vorhanden. Man hört sie immer wieder, und nicht nur von jenen, denen es an Wissen zu dieser Thematik mangelt oder von jenen, die von den tatsächlichen Fakten gar nichts wissen wollen.
Um so dankbarer zeigten sich jetzt Lehrer und Schüler der Bockenemer Oberschule über die Möglichkeit, Aufklärung zu erhalten und ihr Wissen und ihre Kenntnisse zu den drei Themenkomplexen Zuwanderungspolitik, Integration und Geschichte und Gegenwart der Rußlanddeutschen zu erweitern. Gelegenheit dazu bot sich ein über neun Doppelstunden erstreckender Unterricht in den Klassen neun und zehn mit dem russlanddeutschen Historiker Josef Schleicher, der bis 1991 in der vormaligen Sowjetunion als Chefredakteur einer in Westsibirien bekannten deutschen Zeitung gearbeitet hat und dank seines großen Erfahrungsschatzes unter Fachleuten als exzellenter Kenner der Materie gilt. Ganz abgesehen davon, dass er als Wissenschaftler auch zahlreiche Veröffentlichungen vorweisen kann. Zusammen mit einem Kollegen ist er seit neun Jahren innerhalb eines Projektes des Bundesinnenministeriums in allen Teilen Deutschlands unterwegs, um vor Schülern, vor Politikern und Fachleuten, in Rathäusern, in Kirchen und auf öffentlichen Veranstaltungen spezielle Aufklärung und Bildungsarbeit zu leisten.
Den Kontakt an die Bockenemer Oberschule vermittelte Manfred Klaube, der Josef Schleicher seit 1989 kennt und von ihm damals bei seinen Untersuchungen zu deutschen Ortschaften in Westsibirien und später in Mittelasien und Fernost unterstützt wurde.
Insgesamt trug Josef Schleicher in neun Oberklassen vor, wobei er rund 250 Jugendliche erreichte. Das durchweg große Interesse ergab sich aber nicht nur vom Thema her, sondern weil Josef Schleicher den Stoff immer wieder aus seinen Erfahrungen und seinem persönlichen Erleben bereichern konnte, moderne Unterrichtstechniken anwendete und diverse Medien einsetzte. Bei manchen seiner jungen Zuhörer weckte er dabei das Interesse, doch einmal mehr über die eigene Familie zu erfahren, denn immerhin besitzen mittlerweile 15 der 82 Millionen Bundesbürger – also 19 Prozent – einen Migrationshintergrund.
Von den um ihre Meinung zu dem Unterrichtsprojekt befragten Schülerinnen und Schülern äußerten sich durchweg alle dahingehend, dass es spannend und informativ gewesen sei, und Steve aus der Klasse 10a meinte, dass „die Geschichte und Integration der Deutschen aus Russland ein sehr spannendes und interessantes Thema ist, über das man sehr gut diskutieren kann.“ Sein Klassenkamerad Jonas ergänzte: „Ich weiß jetzt, was Aussiedler sind.“ Allesamt waren die Schüler der Meinung, dass sie viel Neues gelernt hätten. Josef Schleicher war mit der Beteiligung der Jugendlichen zufrieden: „Einige machen zwar mehr mit als andere, aber das ist normal. Gut hat mir in Bockenem gefallen, dass die Organisation gut geklappt hat. Das ist nicht überall so. Da wissen teilweise die Lehrer nicht, um was es überhaupt geht.“ Im vergangenen Jahr war er in insgesamt 118 Städten und Gemeinden. Teilweise entfaltet die Ausstellung auch eine nachhaltige Wirkung in den Schulen. Immer wieder hört er von nachfolgenden Projekten oder Besuchen in Asylbewerberheimen oder dem Grenzdurchgangslager in Friedland. „Das erfreut mich, dass ist genau das, was wir erreichen wollen“, freut sich Josef Schleicher.