Dampflokfans reisen sogar aus Australien an

Die Fahrgäste warten auf dem Bornumer Bahnhof auf das Eintreffen des Zuges. (Foto: bo)
 
Claudia Weber, 44, ist mit ihrem achtjährigen Sohn Henry an diesem Nachmittag unterwegs, um die alte Eisenbahntechnik hautnah zu erleben. „Das ist schon eine besondere Atmosphäre in solch einem Dampfzug“, berichtet die Hildesheimerin. Die Kinder wären natürlich gerne vorne mit im Führerstand unterwegs. Sie hat natürlich Verständnis dafür, dass dieser Wunsch an dem Tag nicht in Erfüllung gehen kann. „Aber vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit“, hofft Claudia Weber. (Foto: bo)

Historischer Reichsbahnzug zuckelte am Wochenende wieder durch das Nettetal

Nur noch selten erleben es die Anlieger am Bockenemer Bahnhof, dass sich die Schranken mit einem lauten „Ping, Ping, Ping“ schließen. Nur wenn Güterzüge von HAW Linings die Strecke befahren oder der historische Reichsbahnzug durch das Nettetal schnauft, kommt die Bahnstrecke zu neuen Ehren. Bei der ersten Dampflokfahrt in dieser Sommersaison haben sich jedenfalls viele Fans der alten Technik den Dampf um die Nase wehen lassen. Sogar Fahrgäste aus Pisa oder Australien tauchten in die Welt von gestern ein.
„Das Interesse an den Fahrten ist heute sehr groß. Wir werden jetzt in Bornum einen weiteren Waggon ankoppeln, damit alle einen Sitzplatz bekommen“, berichtet Uwe Schulz von der Hildesheimer Dampfzugbetriebsgemeinschaft, die für die Touren verantwortlich zeichnet. Einige hätten zwar auf der ersten Runde zwischen Derneburg und Bornum stehen müssen, das habe aber an der guten Stimmung nichts geändert. Außerdem gebe es ja an den Bahnhöfen stets einen Wechsel der Mitfahrer. Einige steigen aus, andere klettern dagegen in die historischen Waggons des Reichsbahnzuges. Wenn es schnauft, ruckelt und pfeift, spätestens dann kommt bei den Fans von Dampflokomotiven große Freude auf.
Das gilt aber auch für Lokführer Oliver Lampe, der bereits seit seiner Kindheit von der alten Technik begeistert ist. Von seinem Fenster im Kinderzimmer konnte er als junger Bursche immer die Loks sowie die Signale auf der gegenüberliegenden Strecke beobachten. Als weiterer Aspekt kam hinzu, dass sein Vater ebenfalls Dampfzüge steuerte. „Davon habe ich mich anstecken lassen“, berichtet der Eisenbahner aus Bad Gandersheim. Der Radio- und Fernsehtechniker hat quasi nebenbei das Steuern von Dampfloks erlernt. Viel Zeit nahm der theoretische Teil in Anspruch. Schließlich muss er über das gleiche Wissen wie ein Zugführer bei der Deutschen Bahn verfügen. Selbst beim Führerschein gibt es keine Unterschiede. Bevor er jedoch selbst das Steuer übernehmen konnte, musste Oliver Lampe erst einmal zahlreiche Stunden als Heizer auf dem Führerstand verbringen. „Die Technik begeistert mich immer wieder aufs Neue. Eine Dampflokomotive lebt“, erklärt der Lokführer.
In der Zwischenzeit hat er die 103 Jahre alte Dampflok der Reihe 897513 auf ein Abstellgleis am Bornumer Bahnhof gesteuert. Die erste Hin- und Rückfahrt des Tages ist vorüber. Während eine Diesellok nun den Zug mit den Gästen durch das Nettetal zieht, muss Oliver Lampe das Dampfross für die nächste Tour vorbereiten. Er muss Wasser nehmen und das Feuer putzen, wie es bei den Eisenbahnern heißt. Auch die Schlacke muss raus. Pro Hin- und Rücktour kalkuliert er gut 500 bis 600 Kilogramm Kohle, die dafür sorgen, dass die Lok nicht schlapp macht.
Mittlerweile hat Uwe Schulz das Signal zur Abfahrt gegeben. Erst zuckelt der Zug ganz langsam durch die Landschaft, dann ziehen Äcker und Wiesen ganz schnell an den Fahrgästen vorbei. Die Kinder haben längst die besten Plätze an den Fenstern eingenommen. Aber nicht nur im Zug ist jede Menge los. Auch entlang der 20 Kilometer langen Strecke hat es viele Neugierige gegeben, die ihre Objektive auf den Reichsbahnzug gerichtet haben. Besonders auf den Bahnhöfen klicken und surren die Fotoapparate und Camcorder. Die alte Technik fasziniert auch im Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge, die mit über 300 Stundenkilometer durch das Land brausen.
Mit versiertem Blick beobachtet Lokführer Lampe die teilweise recht kurvige Strecke. Immer wieder quietschen die Bremsen. Vor jedem Bahnübergang muss der Zug stoppen, damit jemand die Schranken per Hand schließen kann. Auf den Bahnhöfen geht es scheinbar gemächlicher zu. Entspannt verfolgen die Fahrgäste das An- und Abkoppeln der Lok, bevor dann alle wieder eilig die Waggons besteigen. Die nächsten Fahrten mit dem historischen Dampfzug finden am 7. September statt.