Das Ladensterben in der Innenstadt geht weiter

Auch die Gewerbevereinsvorsitzende Sylvia Klingemann (links) sieht sich gezwungen, ihr Geschäft „Little Foot“ aufzugeben. (Foto: Klaube)
 
„Schlecker“ in Bockenem: Kurz vor der Schließung gibt’s mittlerweile noch einmal 75 Prozent auf alles. (Foto: Klaube)

Bockenemer Gewerbevereinsvorsitzende Sylvia Klingemann schließt ihr Geschäft zum 30. September

Bockenem (LB). Als ob es nicht schon genug wäre: Viele Bockenemer sind stinksauer, weil in der nächsten Zeit vier weitere Geschäfte schließen werden, darunter auch das der Gewerbevereinsvorsitzenden Sylvia Klingemann in der Königstraße.
Die Ankündigung, die sie außen in Gelb angebracht hat, ist unübersehbar, zumal sie jeder zur Kenntnis nehmen muss, der aus der Marktstraße auf die Königstraße einbiegt. „Ja, dieses Mal stimmt es. Wir schließen zum 30. September.“ Da Sylvia Klingemann nun mit einem Rabatt von 30 Prozent wirbt, stellt sich jetzt wieder etwas mehr Kundschaft ein. Doch das hilft jetzt auch nichts mehr. Sie habe schon lange über eine Schließung nachgedacht. Die endgültige Entscheidung sei im letzten Urlaub gefallen.
Jedem ist klar: Sylvia Klingemann ist in der Bockenemer Geschäftswelt nicht irgendwer. Zu gut kennt sie die Szene. Ihr Geschäft „Little foot“ (Kleiner Fuß) mit Kinder- und Damenschuhen und etwas Bekleidung betreibt sie seit 2004, anfangs in der Bönnier- und seit 2007 in der Königstraße. In den ersten Jahren sei es recht gut gelaufen. Daher sei sie auch drei Jahre nach der Eröffnung in die Königstraße umgezogen. Doch nachdem in dieser „Hauptgeschäftsstraße“ der Stadt die Geschäfte von „Ernsting’s Family“ und „Schlecker“ geschlossen hätten, sei auch die Kundschaft weniger geworden. Die Stammkunden kämen zwar bis heute immer noch, doch je weniger Geschäfte es mittlerweile in Bockenem und auch in der Königstraße geworden wären, desto weniger Leute könne man dort heute noch sehen. Die Innenstadt werde zunehmend leerer.
„Die Anpflanzungen in der Königstraße, die Rosenstöcke vor den Anwesen und die Bilderausstellungen in den sonst leeren Geschäftsauslagen machen es nicht. Die Leute vermissen die Geschäfte in der Stadt, und deshalb sind auch die Straßen leer“, resümiert die Gewerbevereinsvorsitzende frustriert.
„Wir bräuchten hier in der Innenstadt Geschäfte von größeren Ketten mit Angeboten zu akzeptablen Preisen, die dann hier auch gezahlt werden können“, meint Sylvia Klingemann. Im gleichen Atemzug stimmt sie jedoch zu, dass für solche Ketten die meist kleinen Geschäftsräume in den Innenstadtstraßen nicht interessant sind und der Rückgang inzwischen ein solches Ausmaß angenommen hat, dass das Fazit, „der Zug für Bockenems Enzelhandel sei inzwischen abgefahren“, nicht mehr von der Hand gewiesen werden könne. Die Geschäfte mit der Grundversorgung der Bevölkerung liefen noch, auch die Apotheken und der Verkauf von Zeitungen und Rauchwaren. Alles andere aber sei verloren.
Und als ob das alles nicht stimmt, schimpfen und klagen die Leute auf der Straße und dieser Tage auch im Geschäft von Sylvia Klingemann. „Bockenem kann man doch jetzt zuschieben“, meint auch die Passantin F. Mühlenberg angesichts dieser Situation. Besonders beklagte sie sich darüber, dass die beiden Geschäfte, wo sie ein kleines Schmuckstück für ihre Enkeltochter zu kaufen gedachte, dieser Tage geschlossen haben. „Die hätten sich doch einmal absprechen können“, so die Großmutter der enttäuschten Kleinen.
Jürgen Wundenberg, der sich immer noch als Mentor des Bockenemer Einzelhandels versteht und erst kürzlich im Rahmen der Ortsratsssitzung mit Kritik nicht zurückgehalten hatte, nahm die neuerliche Situation dieser Tage zum Anlass, Ortsbürgermeister Siegfried Berner eine E-Mail zu schreiben. Doch was soll der Chef dieses Gremiums machen? Auch er sieht die Situation des Bockenemer Einzelhandels realistisch – und das trotz der offensichtlichen Zuversicht, die einige der Ortsratsmitglieder auf besagter Sitzung immer noch an den Tag legten.
Die 10.000 Euro teure und von der Stadt in Auftrag gegebene Bestandsaufnahme dieses einstigen Aushängeschilds der Stadt – Bockenem als Einkaufsmetropole für den Ambergau – hat bei vielen Kopfschütteln hervorgerufen. Jetzt wird gespannt auf das „Handlungskonzept“ der federführenden Bockenemer Kommunalpolitiker gewartet, das diesem „Einzelhandelskonzept“ folgen soll.
Sylvia Klingemann jedenfalls würde sich für den Bockenemer Einzelhandel wieder eine hoffnungsvollere Zukunft wünschen. Doch sieht sie die Situation realistisch. Ihr Geschäft gibt sie insofern nicht völlig auf, als sie über das Internet verkaufen wird; eine Sparte, die ihr in der letzten Zeit schon so viel einbrachte, dass sie damit das Minus des Ladens in der Königstraße abdecken konnte. Und was den 47 Mitglieder zählenden Gewerbeverein „Bockenem – mein Ziel“ angeht, so würde sie hier weiter aktiv mitwirken wollen, wenn es denn gewünscht werde. Ihr Geschäft in der Königstraße hätte sie gern weitergeführt, doch es trägt sich eben nicht mehr.