Das Singen kommt vor dem Sagen

Die Kirchenkreis-Kantoren Christina Kothen aus Alfeld und Christoph Pannek aus Bockenem.

Die Musik wird im Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld groß geschrieben – rund 1000 Menschen sind aktiv dabei

„Ich komme aus einer Generation, in der die Kirche zuerst kam“, erzählt Christoph Pannek. Der 60-jährige Bockenemer ist Kantor des evangelischen Kirchenkreises Hildesheimer Land-Alfeld. Auch Superintendentin Katharina Henking aus Alfeld (53) hat das in ihrer Kindheit noch so erlebt: „Sonntags geht man zur Kirche, das wird nicht diskutiert.“ Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, der sonntägliche Kirchgang ist nur in wenigen Familien noch eine Selbstverständlichkeit. Doch nach wie vor gibt es reichlich Möglichkeiten, am Gemeindeleben aktiv teilzunehmen, zum Beispiel in einem der vielen Chöre.

30 Erwachsenenchöre und sechs Kinderchöre mit rund 750 Sängerinnen und Sängern zählen die Gemeinden des Kirchenkreises. Das reicht von Mutter-Kind-Singgruppen wie in Sibbesse über klassische Kirchenchöre bis zu den Gospelchören, die zwischen der Hildesheimer Börde und dem Ith immer beliebter werden. Darüber hinaus bestehen zehn Posaunenchöre mit 200 Bläserinnen und Bläsern, dazu Bands, Gitarren- und Flötenkreise und viele andere musikalische Angebote. Man kann sogar das Spiel auf einer Kirchenorgel erlernen.
Diese Zahlen liefert der kürzlich veröffentlichte „Grundstandard Kirchenmusik und kirchliche Kulturarbeit im Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld“. Ein hauptamtlicher Kantor und eine Kantorin unterstützen die Gruppen – Christoph Pannek in Bockenem und Christina Kothen in Alfeld. Die tägliche Arbeit vor Ort erledigen jedoch andere. 90 nebenberufliche Kirchenmusiker sind in den Gemeinden beschäftigt, ehrenamtliche Kräfte kommen noch hinzu. „In unseren Chorleiterinnen haben wir echte Schätze, die das Gemeindeleben mit tragen und viel zur Vernetzung beitragen“, freut sich Katharina Henking.
Für sie persönlich seien Musik und Gesang die „geistige Muttermilch“, sagt die Superintendentin. Die Liebe zur Musik sei der Schlüssel für ihren Werdegang gewesen, erzählt sie, „ich wäre sonst nie Theologin geworden“. Schon Luther habe bei der Verkündigung des Evangeliums das Singen vor das Sagen gestellt. Trost, Segen und Gebet seien darin enthalten. „Es macht Freude, es tut Leib und Seele unglaublich gut“, schwärmt Katharina Henking, die mit Superintendent Christian Castel im Ephoralen Quartett singt. Schon in den evangelischen Kitas werde deshalb viel Wert auf das gemeinsame Singen gelegt.
„Ich wüsste nichts, womit man die Menschen so tief berühren kann“, findet auch Christina Kothen. Sehr skeptisch ist sie allerdings in Bezug auf die vielen Projektchöre, die landauf, landab aus dem Boden sprießen. Die Stimmen zu bilden und einen Ensembleklang zu formen, der höheren Ansprüchen genügt, das gehe nur in einem Chor, dessen Mitglieder sich regelmäßig treffen, sind sich Christina Kothen und Christoph Pannek einig.
Zugleich wissen sie darum, dass sich die Bedürfnisse der Menschen ändern und dass die Kirche in Zukunft stärker darauf reagieren muss. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Orgelmusik. Im Moment sind die Gemeinden noch gut mit Kirchenmusikern versorgt, doch es ist absehbar, dass es Nachwuchsprobleme geben wird. Viele Kinder und Jugendliche sind durch die Schule so belastet, dass ihnen schlichtweg die Zeit fehlt, um nebenher noch die „Königin der Instrumente“ zu erlernen.
Dabei verfügen die Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis über eine riesige Orgellandschaft, darunter viele historische Orgeln. Die gute Nachricht: Man kann Orgelspielen auch noch im höheren Alter lernen. Die meisten der jetzigen Orgelschüler der Kirchenkreiskantorin sind über 40 Jahre alt. Doch Katharina Henking ist um die Kirchenmusik nicht bange. Sie strahlt Optimismus aus, als sie prophezeit: „Die Formen werden sich verändern, aber der Hunger nach dieser Musik wird nicht aussterben.“