"Der Drang zum Leben ist auf das Tiefste verwurzelt"

Sally Perel machte während seiner Reise durch Deutschland auch in der Wilhelm-Busch-Realschule Bockenem Station. (Foto: Vollmer)
 
Zahlreiche Schüler ließen sich Perels Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ signieren. (Foto: Vollmer)

Der als "Hitlerjunge Salomo" bekannt gewordene Sally Perel besucht Wilhelm-Busch-Realschule

Bockenem (vo). In der Pausenhalle des Schulzentrums Bockenems ist es mucksmäuschenstill als Sally Perel seinen Vortrag beginnt. „Vier Jahre können eine Ewigkeit sein“, sagt der 86-Jährige mit fester Stimme. Genau für diese Zeit musste Perel als Jude in der Hitlerjugend untertauchen. Und das während der Wirren des Zweiten Weltkriegs, inmitten des unübersehbaren Rassenwahns der Nationalsozialisten. Jede Sekunde musste er befürchten, entdeckt und getötet zu werden. Ein Albtraum, der ihm letztlich aber das Leben rettete. Denn als der aus Peine stammende Mann nach der Flucht aus Deutschland in Polen von der Wehrmacht aufgegriffen wird, behauptet er: „Ich bin Volksdeutscher.“ Aus Salomon Perel wird Josef Perjell, später von seinen Kameraden „Jupp“ genannt.
Die Geschichte nimmt bis zur Befreiung durch die US-Truppen ihren Lauf. „Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer“, sagt der Gast aus Tel Aviv. Aus der Geschichte könne jeder lernen, was in Deutschland damals falsch gemacht wurde. Dieser Fehler dürfe sich niemals wiederholen, so Perel. Ihn würde Auschwitz ewig verfolgen, „es lässt sich nicht wie Staub vom Stoff abschütteln.“ Dass sechs Millionen Juden aus rassischen Gründen vom NS-Regime qualvoll ermordet wurden, sei unvorstellbar. „Ich war vier Jahre versteckt unter der Haut des Feindes. Dabei habe ich niemals aufgegeben oder gar an Selbstmord gedacht“, erinnert sich Sally Perel. Stattdessen habe er stets neuen Mut geschöpft. Trotz des Hakenkreuzes auf der Uniform sei es für ihn immer darum gegangen, die Seele des jüdischen Ursprungs zu bewahren.
Immer wieder gab es Situationen, wo der 16-Jährige an die Grenzen des Selbsthasses stieß. Nachdem er zwei Jahre an der Front gegen die Russen kämpfte, wurde er ins „Vaterland“ versetzt. In Braunschweig kam Perel in eine Schule der Hitlerjugend. Aufgrund der ständigen Gegenüberstellung des Nationalsozialismus in der Schule fing er an, sich mit dieser Politik zu identifizieren. Später beschrieb er die Diktatur als Gift, das jeden Tag in die jungen Gehirne getropft wurde. „Ich war nicht nur als Hitlerjunge verkleidet. Ich wurde es. Dabei nahm ich auch die NS-Ideologie mit einer Ausnahme an. Nicht einverstanden war ich mit der Ausrottung des jüdischen Volkes“, so der 86-Jährige. Seine Devise lautete: Ich bin 16 Jahre und will leben.
Ganz gebannt hören die Schüler zu als Sally Perel davon erzählt, wie er sich vor den deutschen Soldaten erklären musste. Die Antwort auf die Frage, ob er Jude sei, würde schließlich über sein Leben entscheiden. Sein Vater gab ihm mit auf den Weg: „Vergiss nie, wer du bist“. „Sally, du sollst leben“, lauteten dagegen die Worte seiner Mutter, als er sich im Ghetto in Polen von ihnen verabschiedete. Entweder für den Glauben sterben oder das Leben wählen. Er entschied sich dafür, auf seine Mutter zu hören. Und so erklärte er den Soldaten, ein Volksdeutscher zu sein.
„Ich musste so handeln, um zu überleben. Der Drang zum Leben ist auf das Tiefste verwurzelt“, erläuterte Perel, der seine Autobiographie unter dem Titel „Ich war Hitlerjunge Salomon“ verfasste. Sein Buch wurde 1990 verfilmt. Die Wilhelm-Busch-Schüler hatten sich mit dem Streifen zuvor im Unterricht intensiv beschäftigt. „Wenn ich nur einen jungen Menschen mit rechter Gesinnung zur Umkehr bewegen kann, hat es sich gelohnt. Hitler wurde vielleicht militärisch besiegt, aber geistig noch lange nicht“, sagt Perel.
Geschichtslehrer Rolf Gude hatte den Kontakt zu dem besonderen Zeitzeugen hergestellt. Mit Hilfe der Friedrich-Naumann-Stiftung, der Sparkasse Hildesheim und der örtlichen Volksbank gelang es schließlich, den Termin in Bockenem perfekt zu machen. Nach seinem zweistündigen Vortrag ließen sich viele der Schüler das Buch mit persönlicher Widmung signieren.
Während seiner mehrwöchigen Leserreise war Sally Perel auch im Kulturladen auf dem Buchholzmarkt bei der Familie Heinke zu Gast.