Ein Salonkonzert der anderen Art

Brillant: Hagen Schwarzrock wurde in Bockenem gefeiert. (Foto: Voß)

Hagen Schwarzrock im Kulturladen

Bockenem (huc). „Salonkonzert“ nannte der Pianist Hagen Schwarzrock augenzwinkernd sein Konzert in der Kulturscheune des Kulturladens in Bockenem. Was dann als „2. Serenade im Hof“ im romantischen Ambiente dieses Kulturzentrums folgte, hatte natürlich mit dem herkömmlichen Salonkonzert mit Stehgeiger, Walzerseligkeit und Polkaklängen nichts zu tun. Der aus Magdeburg angereiste Künstler hatte vielmehr den bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts vor Augen, in dem die Musik, wie er sie nun spielen wolle, zu Hause gewesen sei.
Den ersten Teil des Programms beherrschten die „Lyrischen Stücke“ des norwegischen Romantikers Edvard Grieg. Schon mit den ersten Anschlägen des „Valse-Impromptu“ machte der in Hildesheim aufgewachsene Pianist klar, dass er keine süßlich-schwelgende Klangseligkeit zulassen würde, denen diese Stücke leicht zum Opfer fallen. Da saß ein Künstler am Klavier, der aus verdächtig harmlos klingenden Titeln wie „Albumblatt“, „Hallig“, „Springtanz“ oder „Zug der Trolle“ die Melancholie, Zerrissenheit und Ambivalenz zwischen Abgrund und Aufstieg mit zartem Tastengefühl oder leidenschaftlichem Zugriff herausfilterte. Da lachten die Trolle bösartig durch die alte Scheune, da weiteten sich die harmonischen Grenzen des Stückes „Hirtenknabe“ zukunftsweisend aus und da zeigte das „Scherzo“ einen innovativen, alle Konventionen verlassenden Grieg auf. Es gelang dem zu Recht preisgekrönten Künstler, die romantischen Bilder dieser musikalischen Kostbarkeiten zu deuten und in ihrer Tiefe auszuloten. Seine Interpretation zeigte, dass die Kunst jeder Epoche „zeitgenössisch“ sein kann, wenn sie von jemandem kommuniziert wird, der hohe Musikalität, technisches Können und geistige Durchdringung zu einer Einheit zu verschmelzen weiß. Bei Hagen Schwarzrock ist das der Fall.
Das galt dann auch, als Schwarzrock sich im zweiten Teil des Konzertes mit Mazurkas, Nocturnes und einer Polonaise von Frederic Chopin auseinander setzte. Die vertrackten technischen Anforderungen und extremen Dynamik-Ausbrüche überforderten hier und den ansonsten wunderbar intonierten historischen Flügel, der ein baugleiches Exemplar darstellt, wie ihn Clara Schumann besessen und begeistert gespielt hatte. Auch hier erwies sich der Pianist als kompromisslos nachforschender Musiker, der die bewegende und aufregende Hintergründigkeit der technisch perfekt gespielten Werke aufdeckte und ihr nachlauschte.
Da hatte es dann die wunderbar gespielte „Pavane pour une infante défunte“ von Maurice Ravel nicht leicht, sich zu behaupten. Aber die hatte der immer wieder kurz und geistreich moderierende Pianist ja auch als „Abschied von der alten Kultur“ angekündigt.
Das Publikum feierte den Künstler mit lang anhaltendem Beifall, der mit seinem Programm aus der alten Scheune einen musikalisch-philosophischen Salon gemacht hatte.