Flüchtlinge lernen die Verkehrsregeln

Für die Räder der Männer gab es beim Check nicht nur Bestnoten. (Foto: Vollmer)
 
Wilhelm Meyer erläutert den Flüchtlingen mittels eines Computerprogramms die wichtigsten Grundbegriffe für das richtige Verhalten im Straßenverkehr. (Foto: Vollmer)

Für die Fahrräder gibt es von der Verkehrswacht Bockenem und Umgebung nicht nur Bestnoten

Wo sie herkommen, gibt es kaum Ampeln oder Verkehrsschilder, und manch einer saß noch nie auf einem Fahrrad. Für die Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind, ist in Deutschland vieles anders als in ihrer Heimat. Dazu zählen auch unbekannte Verkehrsregeln, die erst einmal zu erlernen sind. Das alles machte die Sache für Wilhelm Meyer, der eine Gruppe Bockenemer Flüchtlinge in Sachen Verkehr schulte, nicht einfacher.
Dennoch verstand es der Mann von der Verkehrswacht Bockenem und Umgebung, den Männern in einer ersten Lektion einige wichtige Grundregeln zu vermitteln. Wann muss ich als Radfahrer Handzeichen geben? Wie verhalte ich mich am Zebrastreifen? Wer hat an einer Kreuzung Vorfahrt? Auf diese Fragen gab es von dem ehemaligen Fahrlehrer eine Antwort. „Es geht zunächst aber auch um die Rücksichtnahme zwischen den unterschiedlichen Teilnehmern im Straßenverkehr, ganz gleich ob jemand zu Fuß unterwegs ist oder eine Strecke mit dem Rad zurücklegt. Da gibt es ganz einfache Regeln, die zu beachten sind. Diese möchte ich den Männern näher bringen“, erklärte Wilhelm Meyer.
Zum besseren Verständnis wurden alle wichtigen Punkte dann noch ins Englische übersetzt. „Wichtig ist auch, die Bedeutung verschiedener Sonderzeichen deutlich zu machen“, erklärt der Mitarbeiter der Verkehrswacht. Als Beispiel nennt er zum Beispiel Schilder, die die alleinige Benutzung von Straßen durch bestimmte Fahrzeugtypen regeln. Auf bestimmten Straßen hätten nun mal Räder nichts zu suchen. „Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob die Flüchtlinge mit dem Rechtsverkehr vertraut sind“, so Wilhelm Meyer, der modernste Technik aufgefahren hatte.
Mittels eines Computerprogramms wurden alltägliche Situationen im Straßenverkehr, zum Beispiel an einer Ampel oder Kreuzung, simuliert. Dass die Neubürger es genauso machen wie die Einheimischen, kann auch ins Auge gehen. Sie radeln ohne Licht, ziehen dunkle Kleidung an, fahren auf dem Radweg in die falsche Richtung oder sausen bei Rot noch schnell über die Ampeln. „So ein Verhalten ist natürlich nicht förderlich“, sagt der Fahrlehrer. Jeder sollte sich an die eigene Nase fassen.
Im zweiten Teil der Unterrichtseinheit nahm der Referent dann mehrere Räder der Männer in Augenschein. „Die Verkehrssicherheit spielt natürlich auch eine wichtige Rolle“, erläutert Meyer. Doch so ganz zufrieden ist er am Ende mit dem Ergebnis nicht. Bei einem Drahtesel fehlt die Klingel, bei einem anderen die Reflektoren an den Speichen. Die Männer versprachen, die fehlenden Sachen schnellstmöglich nachzurüsten. Meyer wird schon bald wieder die Gruppe der Asylbewerber, die zum Beispiel aus Syrien, Pakistan, der Elfenbeinküste oder Eritrea stammen, besuchen. Dann soll eine praktische Lektion auf einem eigens dafür aufgebauten Parcours folgen.
Ursula Lother, die sich in der Bockenemer Flüchtlingsarbeit stark macht, ist dankbar für den Vortrag, der Bestandteil des Deutschkurses gewesen ist. Daran beteiligen sich regelmäßig 64 Personen. „Fast alle von ihnen sind mit Fahrrädern unterwegs“, betont die Vorsitzende des AWO-Ortsvereins, der sich seit Beginn in der Flüchtlingsarbeit einbringt. Einer radelt zum Beispiel regelmäßig von Upstedt nach Bockenem. Bereits im Oktober 2013 wurden in Bockenem die ersten Deutschkurse angeboten. „Da war die Flüchtlingssituation bei weitem nicht so wie heute“, erinnert sich Ursula Lother. Die Spracheinheiten hätten bei vielen schon beachtliche Erfolge erzielt.
Osman aus dem Sudan kannte noch vor einiger Zeit kaum das Alphabet. „Mit viel Übung liest und rechnet er“, erläutert Ursula Lother. Andere würden sich dagegen schwer mit der deutschen Sprache tun. Ein besonderes Lob richtet sie an die Dozenten, die sich sehr gut mit der Gruppe verstehen. Die Arbeiterwohlfahrt sei als Bindeglied immer mit dabei gewesen. Das AWO-Lädchen übernimmt zudem die Einkleidung der Neubürger.
Ursula Lother ist immer als Ansprechpartnerin da. „Big Mama“, wie sie von einigen nur genannt wird, hilft schon mal beim Ausfüllen von Formularen oder auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. „Die Menschen geben auf der anderen Seite etwas zurück“, freut sich die ehrenamtliche Helferin. In den Deutschstunden wird aber nicht nur gebüffelt. So lernten die Flüchtlinge Fahrpläne lesen, schauten sich die Kirche an oder besuchten die Stände am Markttag. Zuletzt unternahm die Gruppe einen Abstecher ins Turmuhrenmuseum. So viele große Uhren hatte keiner von ihnen jemals zuvor gesehen.