„Frauenbewegung ist immer noch quicklebendig!“

Ausstellung „Frauenleben im Ambergau 1911 und 2011“ eröffnet: Gleichstellungsbeauftragte Anne Schnieder-Böttinger (links) und Festrednerin Brigitte Pothmer (MdB). (Foto: Knoblich)
 
Witzig, böse, stimmgewaltig: Cornelia Zander-Prigge in Aktion. (Foto: Knoblich)

Brigitte Pothmer (MdB) hält in Bockenem Festrede zum 100. Internationalen Frauentag / Ausstellung eröffnet

100 Jahre Internationaler Frauentag: Dieses Jubiläum wurde auch in Bockenem in besonderer Weise begangen – mit einer feierlichen Ausstellungseröffnung, um genau zu sein. Wohl niemanden dürfte die große Resonanz mehr gefreut haben als die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Anne Schnieder-Böttinger. Der große Sitzungssaal des Rathauses platzte fast aus allen Nähten; so musste auch Bürgermeister Martin Bartölke mit ran, um noch weitere Sitzgelegenheiten für die vielen Gäste zu organisieren.

Von Karsten Knoblich

Bockenem. „Raus mit den Männern aus dem Reichstag...“, diese wenig bescheidene Forderung stand am Beginn der Veranstaltung. Gesanglich ausdrucksvoll formuliert wurde sie von Cornelia Zander-Prigge. Von Gennady Plotnikov am Piano begleitet, lockerte sie die Feierstunde mit „Berliner Schnauze“ à la Claire Waldoff und einigen der bekanntesten witzig-boshaften Emanzipationshymnen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf.
Somit war der Weg bereitet für die Begrüßung durch Anne Schnieder-Böttinger, die die Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer (Bündnis 90/Die Grünen) als Festrednerin ganz besonders willkommen hieß. Die Gleichstellungsbeauftragte schickte erst einmal ein dickes Lob an die Adresse der Frauen des Arbeitskreises für deren Engagement – namentlich Gisela Gaubatz, Tanja Lichthardt, Ingrid Linde, Ute Pätz, Ingrid Pelz, Helga von Watzdorf, Jutta Walter, Beate und Martina Ziegenfuß. In der Ausstellung „Frauenleben im Ambergau 1911 und 2011“ stecke schließlich viel Arbeit, aber auch viel Begeisterung, Freude und kreative Zusammenarbeit. „Wir haben viel Neues kennengelernt und immer wieder gestaunt, dass heute Selbstverständliches nicht immer so war“, sagte Anne Schnieder-Böttinger. So habe es anno 1911 in den heute eher typischen Frauenberufen nur Männer, also Schneider oder Friseure, gegeben. In der Saison hätten aber auch viele Frauen in der Bockenemer Konservenfabrik Arbeit gefunden. In manchen Bereichen wie im Sport oder auf kulturellem Gebiet – Stichwort: „Männerturnverein“ und „Männergesangvereine“ – habe man vergebens nach Frauen gesucht. „Deutlich wurde uns aber auch, dass Frauen in den letzten 100 Jahren vieles erreicht haben, aber längst noch nicht alles“, so die Gleichstellungsbeauftragte weiter. Sie verwies auf die Bildtafel vom „Waschtag“ in der Ausstellung. Gerade im Haushalt sei heute vieles einfacher geworden; aber die Doppelbelastung durch Beruf, Haushalt und Familie liege auch heute noch hauptsächlich auf weiblichen Schultern.
Im Anschluss bedankten sich Bürgermeister Martin Bartölke und Ortsbürgermeisterin Christina Philipps bei dem Vorbereitungsteam für die Idee zur Ausstellung und deren gelungene Umsetzung. Bartölke betonte, dass die Stadt ihre Hausaufgaben in Sachen Gleichstellung mache. Der Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe man mit der Abschaffung der Kernarbeitszeiten und der Einrichtung des Familien- und Kinderservice-Büros Rechnung getragen.
Von „einem besonderen Tag für uns Frauen“ sprach Christina Philipps. Die Gleichstellung sei aber noch nicht vollendet. Nicht Gleichmacherei, sondern partnerschaftliche Zusammenarbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche berufliche Chancen und eigenständige soziale Absicherung müssten die Ziele sein, sagte die Ratsherrin, pardon: Ratsfrau.
Von einem „Frauenhaus“ im Reichstag könne auch heute noch keine Rede sein, sagte Festrednerin Brigitte Pothmer in Anspielung auf das erwähnte Lied zu Beginn der Feierstunde. Dennoch: Man müsse in puncto Gleichstellung nicht nur unerfüllte Ziele und Wünsche, sondern auch die Erfolge im Blick haben. Von ganz normalen Frauen sei eine kleine Revolution ausgegangen, erinnerte die Bundestagsabgeordnete. Brigitte Pothmer: „Auch viele Frauen in diesem Raum haben selbst Geschichte geschrieben, in dem sie vielleicht die Ersten aus der Familie waren, die Abitur machten; die Ersten, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienten.“ Aus diesen kleinen Geschichten werde große Geschichte geschrieben. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts, der Festschreibung gleicher Bezahlung oder der Abschaffung der sogenannten „Haufrauen-Ehe“ sei schon viel erreicht worden. Auch die Alleinverdiener-Familie sei dank der Bildungsexpansion im Rückzug. Trotzdem gebe es noch viel zu tun. „In Politik und Wirtschaft sind Frauen immer noch in der Minderzahl, Frauen verdienen durchschnittlich 23 Prozent weniger als Männer und nur drei Prozent aller Vorstände sind Frauen“, konstatierte die Politikerin. Überall könne und müsse daher am Marsch in die Chefetagen gearbeitet werden. Pothmers Fazit: Die Frauenbewegung sei auch nach 100 Jahren quicklebendig, in der Frauendebatte gehe es lustvoll und streitbar zu, und: „Die Zukunft der Arbeit ist weiblich“.
Anschließend schauten sich die Gäste in der Ausstellung „Frauenleben im Ambergau 1911 und 2011“ um. Insgesamt 14 Themen – angefangen von Bildung und Haushalt über Humor, Industrialisierung und Landfrauen bis hin zu Politik, Schönheit und Waschtag – haben Anne Schnieder-Böttinger und der Frauenarbeitskreis erarbeitet. Die Ergebnisse werden in Form von Bildtafeln und Original-Exponaten präsentiert.

Zu sehen ist die Ausstellung ab sofort bis Ende April im Rathaus der Stadt Bockenem während der Öffnungszeiten (montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr sowie zusätzlich dienstags von 14 bis 16.30 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr). Mehr unter www.beobachter-online.de