Große Resonanz auf Symposium „Ethik und Intensivmedizin"

Die Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin, die Kirchen, die Hospizinitiative und die Krankenausseelsorge hatten zum Symposium eingeladen; 5. v. l. Landesbischof Prof. Weber, 6. v. l. Prof. Dr. Jan R. Ortlepp. (Foto: Knoblich)
 
"Ethik und Intensivmedizin": Die Veranstaltung war hervorragend besucht. (Foto: Knoblich)

Gemeinsame Veranstaltung von Kirchen und Asklepios Kliniken Schildautal zum Thema Palliation am Lebensende

Auf Einladung beider Kirchen, der Krankenhausseelsorge, der Horizont Hospizinitiative Seesen sowie der Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin fand in diesen Tagen unter Leitung von Prof. Dr. Jan R. Ortlepp ein offenes Symposium zum Thema "Ethik und Intensivmedizin – Spannungsfeld zwischen Leben und Tod" in den Asklepios Kliniken Schildautal statt.

Seesen (bo). Nach den Grußworten von Geschäftsführer Stefan Menzel, leitete Professor Ortlepp in die Thematik ein. Er verwies darauf, dass heutzutage die maximale mögliche Lebensspanne immer häufiger erreicht und die Pflegebedürftigkeit am Lebensende – oft begleitet von einer Demenz – immer häufiger zur Regel werde. Neben der medizinischen Versorgung würden zu dieser Entwicklung vor allem die guten hygienischen Umstände inklusive sauberem Wasser und ausreichender Ernährung beitragen. Der Tod scheine mithin in jungen Jahren besiegt. Das führe zur Tabuisierung der eigenen Sterblichkeit und zur Delegation des Lebensendes an andere, vor allem an Ärzte, Pfleger, Seelsorger. "In der postmodernen Gesellschaft in Deutschland ist ein Versterben zuhause somit auch zunehmend die Ausnahme und das Lebensende in einer Einrichtung wie Pflegeheim oder Krankenhaus die Regel", so Prof. Ortlepp.

Nächstenliebe und Mut sind gefordert

Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber führte in einer theologisch versierten und dennoch eindringlichen Rede aus, dass trotz allen Fortschritts die Würde des Menschen als von Gott gegeben auch am Lebensende das Wesentliche ausmache. "Somit gibt es von Seiten der christlichen Kirchen kein ethisches Gebot, medizinische Leistungen auszuschöpfen", sagte der Bischof. Vielmehr seien am Lebensende Mut und Nächstenliebe gefordert. Es gelte daher, diesen Mut bei allen Betroffenen zu stärken. Genauso wie die Kirchen eine aktive Sterbehilfe ablehnen, lehnen sie auch Medizin um jeden Preis ab.
Amtsgerichtdirektor i. R. Heinz Peter Lüders machte noch einmal klar, dass aktive Sterbehilfe klar verboten und mit Gefängnisstrafe versehen sei. Jedoch gebe es, analog zur theologischen Stellungnahme, auch juristisch kein Gebot auf Ausschöpfung der maximal möglichen Therapie; aber auch kein Gebot, sich überhaupt in medizinische Hilfe begeben zu müssen. Entscheidend sei immer der erklärte Patientenwille, der zur juristischen Sicherheit am besten schriftlich
niedergelegt werden sollte. Lüders verwies darauf, dass diese geltende Rechtslage häufig auch unter Ärzten wie Richtern leider noch nicht in aller Gänze bekannt sei.
Prof. Dr. Jan R. Ortlepp wies in seinem Beitrag auf die Problematik der diagnostischen und prognostischen Unschärfe auch der hochmodernen
Intensivmedizin hin. Die Intensivmedizin könne häufig das Sterben abwenden. Die individuellen Prognosen blieben aber unsicher. "Die Intensivmedizin kann im Sinne einer Brücke reißende Ströme überwinden, nicht aber den Ozean. Da Medizin nicht göttlich ist, ist sie immer auch fehlbar. Diese Unsicherheit gilt für Patienten, Angehörige, Pflegende und Ärzte gleichermaßen und kann nur durch ein gegenseitiges Vertrauen erträglich gemacht werden", betonte der Mediziner. Wichtig sei es, dass sich jeder Mensch seiner Lebensweise bewusst sei und an sein eigenes Ende denke. Die eigene Vorsorge, am besten in Form von schriftlicher Vorsorgevollmacht, könne Ärzte in schwierigen Situationen die Entscheidung für oder gegen Ausschöpfung maximaler Therapien einfacher machen.

Palliativzimmer als Pilotprojekt

Prof. Ortlepp hielt auch fest, dass am Lebensende die menschliche Zuwendung immer im Mittelpunkt stehen müsse. Man brauche dann nicht zwingend die Medizin, wenn man Menschen habe, die einen tragen und mit Mut und Liebe begleiten. Das Problem bestehe jedoch darin, dass soziale Kontakte häufig weniger werden und deswegen Patienten am Lebensende nun eben doch ins Krankenhaus eingeliefert werden. Angekündigt wurde, dass noch im laufenden Jahr ein extra Palliativzimmer als Pilotprojekt in der Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin initiiert wird.
Nach einer kurze Pause mit Imbiss führte Ulrich Domdey vom katholischen Bistum Hildesheim aus, wie wichtig die psychosoziale Betreuung sterbenskranker Menschen am Lebensende ist. "Neben spirituellen Wünschen gibt es auch wichtige letzte Wünsche wie Aussöhnung mit Familienangehörigen. Diese Bedürfnisse gilt es im Einzelfall herauszufiltern", sagte der Referent. Durch die Vernetzung von Ärzten, Pflegenden, Seelsorgern, Sozialarbeiter, Ehrenamtlichen könne auch in schwierigen Situationen eine menschliche Begleitung ermöglicht werden.
Zum Abschluss referierte Dr. Rainer-Joachim Glöckner über die palliative Schmerztherapie mit unterschiedlichen Präparaten und hielt fest, dass insbesondere die Angst vor Opioid-Wirkstoffen unbegründet sei. Diese könnten einen festen Platz in der Palliation am Lebensende haben. Neben den somatischen Scherzen gäbe es aber auch den sozialen und seelischen Schmerz, der wiederum mit sozialer Zuwendung behandelt werden müsse.