Krankenwagenfahrer sind sie schon lange nicht mehr

Rettungssanitäter in Bockenem sind jeden Tag 24 Stunden im Dienst

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr sind sie vor Ort, 75.000 Einsätze sind sie im vergangenen Jahr gefahren. Die Mitarbeiter der insgesamt sechs Rettungswachen im Landkreis und zwei in der Stadt Hildesheim hatten auch in 2013 wieder viel zu tun. Ein Jahr zuvor waren es noch rund 5000 Einsätze weniger.

Noch nicht einmal eingerechnet sind dabei zum Beispiel Dialysefahrten, wie Frank Saradeth, Leiter der Bockenemer Rettungswache, im Gespräch mit dem „Beobachter“ berichtete. Grund für den Anstieg ist unter anderem die geringere Anzahl an Hausärzten. Aber auch die sinkende Hemmschwelle den Notruf zu wählen, spielt eine Rolle. Allerdings wird, besonders im ländlichen Gebiet, tatsächlich hauptsächlich nur dann angerufen, wenn auch wirklich Hilfe benötigt wird. „In der Stadt sieht das teilweise anders aus. Da wird auch schon einmal wegen Kleinigkeiten nach einem Krankenwagen gerufen“, so Saradeth. Wichtig, darauf weißt der Wachenleiter besonders hin, sind die bekannten fünf „W-Fragen“: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele verletzte Personen? Welche Verletzungen haben diese Personen und besonders wichtig, warten auf Rückfragen, also nicht sofort auflegen.
Bis 1989 wurde die Wache vom Landkreis berieben, seitdem ist sie in privater Hand. Bis zum 31. März 2012 war dies das Deutsche Rote Kreuz. Nun hat der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) das Sagen. Für sechs Jahre, also noch bis 2018, haben sie die Lizenz. Dann gibt es erneut eine Ausschreibung. Die Mitarbeiter sind beim letzten Betreiberwechsel jedoch geblieben. Das ist nicht immer so, wie Saradeth zu berichten weiß: „In Hannover und Teilen Ostdeutschlands gab es mehr Ärger. Da wurden die Mitarbeiter nicht unbedingt übernommen.“ In Bockenem sind derzeit 14 Rettungsassistenten hauptberuflich beschäftigt, darunter sind drei Auszubildende. Hinzu kommen noch zirka zehn Aushilfskräfte. „Viele von uns sind schon lange hier. Die Personalfluktuation ist sehr gering“, berichtete Alexander Heinz, ebenfalls Rettungsassistent in Bockenem.
Über die Feiertage gab es überraschend wenige Einsätze. Lediglich die „üblichen“ Stresskrankheiten wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle waren zu verzeichnen, auch einige Gestürzte, die versorgt werden mussten. In der Silvesternacht gab es eine alkoholbedingte Schlägerei ­– alles nichts bemerkenswertes. Überhaupt gab es in letzter Zeit nur wenige größere Einsätze, zum Beispiel der Gasaustritt bei der Meteor oder der Brand in einem Volkersheimer Altenheim vor eineinhalb Jahren. Zudem soll es wieder mehr gemeinsame Übungen mit den örtlichen Feuerwehren geben. Im vergangenen Jahr wurden diese nach einigen Jahren Pause wieder aufgenommen.
Das Einsatzgebiet der Bockenemer reicht von Derneburg im Norden, bis Rhüden im Süden, wenn die Seesener gerade keinen Wagen bereitstellen können. Auch nach Bodenstein geht es ab und an. „Die landkreisübergreifende Zusammenarbeit ist sicher eine Besonderheit und auch nicht überall üblich. Aber das klappt hier gut“, stellt Saradeth heraus. Auch die Autobahn sorgt natürlich immer wieder für Arbeit. Allerdings, durch die Baustelle war dies in den vergangenen zweieinhalb Jahren überraschend weniger. Im Vorfeld waren zahlreiche Unfälle prophezeiht worden. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kam es kaum noch dazu. „Das liegt wohl an der geringeren Geschwindigkeit“, mutmaßt Heinz. Da nun in Richtung Norden der dreispurige Ausbau beendet ist, wird die Bahn nun wohl wieder „zur Rennstrecke“, befürchtet er.
Eine Besonderheit im Kreis Hildesheim ist auch die GPS-Ausstattung der Fahrzeuge. So kann die Leitstelle jederzeit sehen, wo sich welcher Wagen gerade befindet und entsprechend reagieren.
24 Stunden am Stück dauert ein Dienst, anschließend hat man zwei Tage frei. Während des Dienstes wird natürlich nicht pausenlos umhergefahren. Zu knapp 2000 Einsätzen rücken die beiden Wagen pro Jahr in etwa aus. Einer der beiden Wagen steht rund um die Uhr bereit, der andere ist von 7 bis 23 Uhr besetzt. Jeweils zu Zweit geht es los. Ein Einsatz dauert im Schnitt eineinhalb Stunden. Darüberhinaus hat jeder Mitarbeiter auch noch eine bestimmte Funktion. Materialversorgung, Qualitätsmanagement, Desinfektion der Fahrzeuge, Hausmeisterarbeiten – die Liste der Aufgaben neben der eigentlichen Menschenrettung ist lang. Und natürlich sind auch Fortbildungen nötig. 30 Stunden im Jahr sind vorgeschrieben.
Vieles hat sich verändert in den vergangenen 25 Jahren. Von den reinen „Krankenwagenfahrern“ sind die Rettungsassistenten heutzutage weit entfernt. Sie durchlaufen eine zweijährige Ausbildung, die mit einem Staatsexamen endet. Wobei es auch hier gerade wieder zu Änderungen kommt. In Zukunft heißt es „Notfallsanitäter“. Inwieweit sich die Ausbildung ändert, ist jedoch noch unklar. „Wir können und dürfen viel mehr Tätigkeiten als früher durchführen. In unseren Fahrzeugen haben wir eine kleine Intensivstation. Von Blutabnehmen, Wiederbelebung bis hin zur Narkose können wir alles“, hebt Frank Saradeth heraus. So ist es klar, dass sie sich schon etwas ärgern, wenn einige Leute immer noch denken, dass die Rettungsassistenten außer der Fahrt zum Krankenhaus nichts ausrichten können. „Eine Begrüßung wie ‘Die Krankenwagenfahrer kommen’ ist nicht sonderlich schön“, ärgert sich dann auch Alexander Heinz. Zu den Feiertagen wurde den Mitarbeitern dann aber auch einmal gedankt. Einige der Transportierten bedankten sich zu Weihnachten noch einmal mit einem kleinem Geschenk. Da ist dann auch der kleine Ärger erst einmal verflogen.