Marlen Busche ist die Hüterin des Rosenstockes

Wer zu den Wurzeln von Stadt und Bistum Hildesheim will, kommt an ihr nicht vorbei: Seit 1995 sitzt Marlen Busche (52) fast täglich im Domlädchen neben dem Dom vor dem 1000-jährigen Rosenstock, verkauft Bücher, Andenken und natürlich Eintrittskarten für diese weltbekannte Hildesheimer Sehenswürdigkeit, die für die Gründung von Bistum und Stadt Hildesheim steht. Die Sanierung des Doms bekommt aber auch sie zu spüren, denn die Zahl der Besucher hat seit Januar deutlich nachgelassen.

„Wissen Sie zufällig, ob Augsburg schon einen neuen Bischof hat?“ Seit Tagen wandelt Margot Herberholt mit dem Bayrischen Pilgerbüro auf den Spuren der Deutschen Fachwerkstraße in Norddeutschland und macht dabei natürlich auch Station in Hildesheim und am Rosenstock. Die 74-Jährige aus dem Bistum Augsburg hat wohl gehört, dass der Bischofstuhl ihres Bistums wieder besetzt sein soll, weiß aber nichts Genaues. Marlen Busche kann ihr weiter helfen: Der Görlitzer Bischof Konrad Zdarsa soll nach Augsburg wechseln.
Nicht immer sind es solche netten Gespräche, die sich beim Kassieren des Eintrittsgeldes zwischen Glasscheibe und Eingangstür ergeben. So mancher Besucher habe noch nicht gehört, dass der Dom bis 2014 geschlossen ist und beschwere sich dann, „nur“ den Rosenstock sehen zu können, klagt Marlen Busche. Oft seien das die Gelegenheitsbesucher, die sich von den touristischen Hinweisschildern an der Autobahn zu einem Spontanbesuch verleiten lassen. „Jetzt sind wir extra von der Autobahn abgefahren und können den Dom trotzdem nicht sehen“, hört sie dann von den Enttäuschten. Die meisten aber wissen um die Sanierungsbedürftigkeit der Hildesheimer Bischofkirche und haben sich darauf eingestellt – oder kommen auch gar nicht mehr. Um fast die Hälfte ist die Zahl der Touris­ten gesunken, seitdem der Dom im Januar geschlossen wurde, um zur 1200-Jahrfeier des Bistums im Jahre 2015 frisch saniert in neuem Glanz zu erstrahlen. Konnte Marlen Busche im Januar 2009 noch rund 1620 Rosenstock-Besucher begrüßen, so waren es im selben Monat dieses Jahres – dem Monat der Domschließung – noch rund 900. Ähnlich deutlich die Zahlen für den Juni: Im vergangenen Jahr zog es noch 9490 Touristen in den schattigen Kreuzgang zum Rosenstock. In diesem Jahr kamen gerade noch 5340. Etwa jeder Vierte davon dürfte aus dem Ausland kommen, schätzt Busche. Holländisch und Französisch hört sie jedenfalls relativ häufig.
Der Besucherrückgang wirkt sich natürlich auch auf den Umsatz aus, wenn auch nicht im gleichen Maße. Wer also kommt, der kauft trotz des geschlossenen Doms – oder gerade deswegen – Bücher über die Bischofskirche und ihre Kunstschätze, der lässt Geld für Postkarten mit hölzernen Engelfiguren oder vertraut sich dem Schutz kleiner Patronale an, bronzener Engelfiguren für einzelne Vornamen. Rund 100 Artikel hat Marlen Busche in den Auslagen rund um ihren Glaskasten im Angebot und mit Hilfe von Spiegeln auch immer fest im Blick. Wie viel Geld die Käufer dabei lassen, will sie nicht verraten. Zu groß ist die Angst, dadurch unliebsame „Besucher“ anzulocken, die weniger die Kunst als vielmehr Busches Kasse im Blick haben könnten. Eine Befürchtung, die seit der Domschließung nicht grundlos ist. „Vor allem am Wochenende bin ich hier weit und breit alleine“, klagt die Dame. An hellen Sommertagen ist das kein Problem, doch bald werden die Tage wieder kürzer, das Licht spärlicher und die Besucher noch seltener. Das Bistum jedenfalls hat Vorsorge getroffen, um ihr ein sicheres Gefühl zu geben. Genaueres will die Dame an der Kasse nicht verraten, nur so viel: Es gibt eine direkte Verbindung zur Polizei!
Trotz der möglichen Gefahr liebt die kontaktfreudige Frau ihren Arbeitsplatz. Wenn sie keine Eintrittskarten verkauft, dann ordnet sie die Auslagen oder liest schon mal ein gutes Buch. Auch Kreuzworträtsel erlaubt sie sich, schließlich verzichtet sie während der Öffnungszeiten meist auf ein Mittagessen und verlässt ihren Arbeitsplatz nur für Toilettengänge.
Sechs Tage pro Woche hütet sie den Zugang zum Rosenstock. Nur an ihrem freien Dienstag und während ihres Urlaubs wird sie von Kollegin Bärbel Segade vertreten. Und schließlich hat ihr Arbeitsplatz einen großen Vorteil, vor allen an heißen Sommertagen: Das Kassenhäuschen wurde in das Gewölbe des Kreuzgangs hinein gebaut und ist damit immer angenehm kühl.
Seit 1995 schon sitzt Marlen Busche dort sechs Tage pro Woche. Zuvor war die gelernte Hauswirtschafterin aus Hasede bei der Bundesschule des DGB in Springe angestellt, die dann aber geschlossen wurde. Über einen damaligen Domküster hörte sie von der frei gewordenen Stelle am Rosenstock und wurde genommen. Zugeordnet war sie zunächst dem Domdechanten Weihbischof Hans-Georg Koitz.
Inzwischen gehören ihr Arbeitsplatz und der Domladen zur Bernward Mediengesellschaft, einem Tochterunternehmen des Bistums. Die alleinstehende Frau fühlt sich wohl zwischen Kreuzgang und Rose. „Hier weiß ich, was ich habe“, sagt die 52-Jährige. In ihrem eigentlichen Beruf als Hauswirtschafterin würde sie jedenfalls weniger verdienen und sicher nicht so viele nette Gespräche führen können, wie zum Beispiel im Winter mit dem inzwischen verstorbenen Altbischof Dr. Josef Homeyer. „Schön, dass Sie hier den Dom hüten“, lobte er die Frau lächelnd bei einem Besuch am Rosenstock. Und wer ist den Wurzeln von Stadt und Bistum schon so nahe wie sie?