„Mit wem soll ich dann Fußball spielen?“

Oskar (links, sechs Jahre) und Jakob (sieben Jahre) sind neben dem Kinder- und Jugendheim die letzten beiden Kinder in Henneckenrode. Sie wollen ihre Spielkameraden nicht verlieren.
 
Auch ein Filmteam des NDR war am Dienstagabend bei der Mahnwache vor Ort. Auf der Bühne stehen drei der ehemaligen Heimbewohner, die den Protest mit initiiert haben (von links): Dominic Witt, Yvonne Bendler und Jessica Saslona-Wunnenberg.

Lichterfest wirbt für Erhalt des Kinder- und Jugendheimes in Henneckenrode

„Das hier ist erst der Anfang“, Yvonne Bendler gibt sich kämpferisch. Sie hatte gemeinsam mit einigen weiteren ehemaligen Bewohnern des Kinder- und Jugendheimes Henneckenrode am Dienstagabend ein Lichterfest zum Erhalt der Einrichtung im Schloss organisiert. Ob sie mit ihren Mitstreitern Erfolg hat, dürfte mehr als fraglich sein. Schon als es im Jahr 2010 darum ging, die katholische Don Bosco-Schule in Hildesheim zu schließen, hatte der große Protest nichts genutzt. Auch damals ging es vor allem um finanzielle Gründe.

Klaus Huchthausen, Bürgermeister der Gemeinde Holle hatte schnell zugesagt, als die Organisatoren darum baten, das Fest vor dem Rathaus veranstalten zu dürfen. „Eigentlich geht es die Gemeinde nichts an, wenn eine private Einrichtung wegziehen möchte“, meinte Huchthausen, der einer der Sprecher auf der kleinen Bühne war. Doch aus mehreren Gründen sei dies in diesem Fall anders. Die als Waisenheim gegründete Einrichtung sei das Vermächtnis eines Holler Bürgers und habe eine fast 200-jährige Tradition: „Herr Blum würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das mitbekäme.“ Er finde es unverständlich, wenn eine solche Einrichtung aufgrund von Brandschutzgründen aufgegeben werde und fragte: „Was passiert eigentlich mit dem Gebäude, wenn die Einrichtung auszieht? Wird das Dach dann nicht repariert und die ganze Anlage dem Verfall preisgegeben?“ Huchthausen zweifelte zudem das mit 2,1 Millionen Euro bezifferte Vermögen der Stiftung an. Seiner Ansicht nach müsste es um einiges höher liegen.
„Ich erkläre mich solidarisch mit den Protesten, weil mich viele Leute um Unterstützung gebeten haben. Ich hoffe, dass diese Entscheidung noch keine Endgültige ist.“ Als Gemeinde könne man aber wenig ausrichten. Er habe einen Brief an Bischof Norbert Trelle geschrieben und empfehle dem Rat, bei seiner nächsten Sitzung eine Resolution zu verabschieden. „Das hier muss ein Zeichen sein, dass in Hildesheim gehört und gesehen wird.“

NDR-Filmteam fing Stimmung und Stimmen ein

Das kann es durchaus beides, denn vom NDR war ein Filmteam vor Ort und fing Stimmen und Stimmung der Veranstaltung ein. Dort waren neben einigen Mitarbeitern und Bewohnern des Schlosses auch zahlreiche Menschen aus der Umgebung gekommen. Mit dabei war auch der Landtagsabgeordnete Markus Brinkmann. Traurig über die geplante Verlegung sind auch Oskar und Jakob. Die sechs- beziehungsweise siebenjährigen sind die beiden letzten Kinder in dem kleinen Dörfchen. „Wenn das Kinderheim schließt, mit wem soll ich dann Fußball spielen“ stand groß auf dem Schild, welches er um den Hals hängen hatte.
Ein paar Worte sprach auch der örtliche Pfarrer Stefan Lampe. Er wurde von der Nachricht der Schließung des Schlosses ebenso überrascht, wie alle anderen. „Inzwischen hat sich der Bischof für die schlechte Kommunikation bei mir entschuldigt.“ Das sei schon ungewöhnlich, normalerweise sei das eher umgekehrt. Auch er machte den Anwesenden wenig Hoffnung, dass die Entscheidung vielleicht doch noch zurückgenommen werde. Als Vorschlag brachte er Übergangsfristen ins Gespräch, sodass zumindest die derzeitigen Kinder und Jugendlichen nicht umziehen müssten. Mit einem Fackel- und Kerzenumzug ging es anschließend bei eisigen Temperaturen durch die Straßen, bevor die Veranstaltung ausklang.
„Wir danken dem DRK, der Feuerwehr und der Musikschule, die sich spontan bereit erklärt haben, uns zu unterstützen“, sagte Yvonne Bendler zum Abschluss und versprach, über weitere Aktionen über Presse und die Facebook-Gruppe „Wir kämpfen für das Zuhause von Kindern“ zu informieren. Dieser sind inzwischen über 400 Facebook-Mitglieder beigetreten. Ihre Mitstreiter dankten Bendler für den großen Einsatz der inzwischen in Ostfriesland wohnenden, dreifachen Mutter.

„Mitarbeiter haben den Zusammenhang verstanden“

Bei einer Mitarbeiterversammlung am gestrigen Mittwoch wurde diesen noch einmal die Beweggründe der Verlegung erläutert. „Ich hatte das Gefühl, dass die Mitarbeiter den Gesamtzusammenhang verstanden haben“, erklärte Dr. Stefan Witte, Vorsitzender der betreibenden Stiftung „Katholische Kinder- und Jugendhilfe im Bistum Hildesheim“. Er habe keine übermäßige Trauer erkennen können. Die Fragen der Mitarbeiter hätten sich eher um die Zukunft gerichtet, beteuerte auch Helmut Müller von der Finanzdirektion des Bistums, der die Blumsche Waisenhausstiftung verwaltet. „Sie haben verstanden, dass sich Jugendhilfe verändern muss. Es ist wichtig, dass wir jetzt in die Entwicklungsarbeit gehen können“, führte Witte weiter aus. Im Januar solle nun an einem neuen Konzept gearbeitet werden.
Dies beinhalte in jedem Fall die Dezentralisierung, sprich Aufteilung der Gruppen auf mehrere Standorte. Wo diese sich in Zukunft befinden, kann oder wollte von den Verantwortlichen noch niemand sagen. Von den derzeit zirka 40 Mitarbeitern müsse sich jedenfalls niemand Sorgen um seinen Job machen, verkündete Witte. Alle würden in den neuen Standorten übernommen werden. Von den Mitarbeitern selbst wollte sich nach der Versammlung niemand zu den Plänen äußern.