Postkartenausstellung porträtiert Dichterfürsten Goethe

Dieses Postkartenmotiv zeigt Goethe mit Friederike von Sesenheim.
 

Stiftung Schulmuseum der Universität Hildesheim gibt Einblicke in Leben und Werk

Bockenem/Hildesheim (bo). Nachdem bereits mehrere Ausstellungen „Schulklassikern“ wie Friedrich Schiller oder Heinrich Heine gewidmet waren, ist nunmehr Johann Wolfgang von Goethe in der Stiftung Schulmuseum der Universität Hildesheim in der Domäne Marienburg an der Reihe. Der Titel „Johann Wolfgang von Goethe – Das Portrait eines Dichterfürsten“ scheint dem Umstand Rechnung zu tragen, dass man bei Schiller eher geneigt ist, auf das „von“ zu verzichten, obgleich das 19. Jahrhundert auch ihm das Adelsprädikat verliehen hat.
Nicht zuletzt der Enge des Raums ist es geschuldet, dass auch diese Ausstellung auf Postkarten ausgerichtet ist. Dr. Otto May, bekannt als Sammler historischer Postkarten, hat gerade für dieses Genre die Augen geöffnet, das wie kein anderes den Spiegel vorhält für die Popularität der Dichter und die Mentalität ihrer Verehrer zugleich. Für die Mentalität der beiden Jahrhunderte nach dem Tod dieser „Schulklassiker“ Goethe und Schiller spricht die Auswahl und Vielzahl der Zitate und Verse, die aus ihren Werken den Postkartenrang erreichten. Der Überblick von Dr. May im Ausstellungskommentar sagt: Die Postkartenzahl erreicht bei Beiden die gleiche Größe, obgleich Schiller nur fast die Hälfte der Lebensjahre erleben konnte und der Umfang von Goethes Werken die von Schiller bedeutend übertrifft. Die Ausstellungsmacher führen dies auf den Anreiz des Schillerschen Idealismus für das Bürgertum um 1900 zurück. Aber Goethes Attraktivität greift früher. Sie ist eng mit der Anfangszeit der Postkartengeschichte verbunden, allerdings sind es um 1870 noch fast ausschließlich Schwarz-Weiß-Drucke.
Die Ausstellung gibt unter vier Teilbereichen einen Überblick über den Dichter und sein Werk.
Zum Beginn ist es die Biographie, deren Postkartenzeugnisse die Städte Frankfurt/Main (Geburtsort), Leipzig und Straßburg (Studienorte) und Weimar herausheben, begleitet von den ins Bild gebrachten Lebensbegleiterinnen Marianne Willemer, Friederike von Sesenheim, Charlotte Buff, Frau von Stein und seine Frau Christiane in Weimar, die im Gedächtnis der Folgezeit neben seinem Totengedenken eine besondere Postkartenbedeutung erlangten. Herausragend im Postkartenarsenal ist auch eine Karte, die Goethes Begeisterung für Napoleon darstellt anlässlich seiner Begegnung mit ihm in Erfurt im Oktober 1808, obgleich er seiner Revolutionsabneigung in dem bürgerlichen Drama „Hermann und Dorothea“ deutlich Ausdruck verleiht.
In der Ausstellungsabteilung, die Ausschnitte aus Goethes Werken zur Darstellung bringt, zeigt dieses bürgerlich-idyllische Drama eine besondere Präsenz, ebenso das Lied: „Sah ein Knab' ein Röslein stehen“ sowie der „Erlkönig“ und das Mignon-Motiv (aus „Wilhelm Meister“), wobei letzteres seiner Italiensehnsucht geschuldet ist („Kennst Du das Land wo die Zitronen blühn“). Selbstredend nimmt Goethes Faust unter den zitierten Werken die Hauptrolle ein, ins Bild gebracht werden besonders die Gretchen-Motive.
Bei der Mentalitätsbetrachtung der Postkartenschau kommt dem Thema „Politische und Ideologische Indienstnahme“ immer eine besondere Bedeutung zu – so auch bei Goethe. Seine Zitate und Motive reizen auch ausländische Ansichtskarten zum Beispiel zum Spott über Wilhelm II. oder Adolf Hitler, aber gleichzeitig stellen sich inländische in den Dienst für kräftige Zitate: „Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten“, oder, um die Opferbereitschaft des Volkes zu erhöhen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, oder es werden in propagandistisch – pathetischer Manier die Goethe-Worte eingesetzt: „Du musst herrschen und gewinnen, oder dienen und verlieren, leiden oder triumphieren, Amboss oder Hammer sein!“.
Eine vierte Abteilung soll wie bisher schon bei den „Schulklassikern“ Schiller und Heine der Auseinandersetzung von Schülern mit Goethe gewidmet sein. Hier werden Schüler des Scharnhorst-Gymnasiums unter dem Thema: „Was sagt uns Goethe heute“ noch Beiträge liefern – aber die Einladung des Schulmuseums geht auch an Schüler anderer Schulen. Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Schulmuseums ohne Eintrittsgeld (Spende erwünscht) zugänglich: am Dienstagvormittag und Mittwochnachmittag und jeweils am 1. Sonntag der Monate (Mai bis Oktober, 15 bis 18 Uhr). Die Schriftenreihe des Schulmuseums hält auch für diese Ausstellung ein kommentierendes Begleitheft mit den Postkarten-Abbildungen bereit.