Reste einer Hansekogge in der Nette gefunden!

Nur wenig haben die Spezialisten von der etwa 500 Jahre alten Hansekogge zurück gelassen. Dazu zählt die Schiffsglocke, die hier Holger Pieper (links) von der Stadtverwaltung mit den beiden „Entdeckern“ Bruno Kluger und Bernd Lagershausen präsentiert. (Foto: Knoblich)
 
So könnte die rekonstruierte Kogge aussehen.

Betriebshof-Mitarbeiter machen Sensationsfund / Schiffsglocke wird bei Hansetagen im Mai zu sehen sein

Von Karsten Knoblich

Bockenem/Werder. Bruno Kluger und Bernd Lagershausen, beide Mitarbeiter des Baubetriebshofes der Stadt Bockenem, haben gerade ihre Frühstückspause beendet. Frisch gestärkt machen sie sich weiter an die Arbeit. Die Sonne scheint, die Nette führt gerade Niedrigwasser; ideale Voraussetzungen, um im Uferbereich des Flusses am Ortseingang von Werder ein wenig Ordnung zu schaffen. Plötzlich stoßen sie erst auf zwei, dann auf immer mehr brüchige Holzbohlen, die in regelmäßigen Abständen nur wenige Zentimeter aus dem Boden ragen. Zu diesem Zeitpunkt können sie noch nicht ahnen, dass sie hier einen Sensationsfund gemacht haben. Ganz geheuer ist ihnen die Sache nicht. Da gibt es nur eins: Erst einmal Rücksprache im Rathaus halten.
Hier nimmt sich Bereichsleiter Holger Pieper der Sache an. Und das ist ein Glücksfall. Was die Geschichte der Stadt Bockenem angeht, macht ihm so schnell keiner was vor. Vor Ort sagt ihm sein geschulter Blick: Hier wurde ein Holzgerippe freigespült, das schon Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte im Schlick gelegen haben könnte. Sofort werden die Aufräumarbeiten gestoppt. Holger Pieper zählt eins und eins zusammen. Im Jahr 1427 ist Bockenem Mitglied der Hanse geworden. Könnte es nicht sein, dass während der dann folgenden 200 Jahre auch kleine Handelsschiffe, so genannte „Koggen“, den Weg ins Binnenland fanden? „Dass von und nach Bockenem zu dieser Zeit Waren nur per Planwagen transportiert wurden, das kann nicht alles gewesen sein“, zeigte sich Holger Pieper bei einem Pressegespräch an der Fundstelle in Werder sicher. Für den Verwaltungsmitarbeiter passen alle Puzzleteile zusammen. Die Hansekogge nahm ihren Weg von der Weser über Aller und Leine in die Innerste, und von dort weiter in die Nette. Ziel könnten neben Bockenem die gräflichen Herren der einstigen Wasserburg in Werder gewesen sein.
Doch ins Blaue zu spekulieren, das half hier nicht weiter. „Der Fund löste einen regelrechten Marathon durch die zuständigen Behörden aus“, sagt Holger Pieper rückblickend. Letztendlich machte sich ein achtköpfiges Spezialisten-Team des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven auf den Weg in den Ambergau, darunter auch zwei Unterwasserarchäologen. Nach und nach kamen große Teile eines Schiffswracks zum Vorschein. Vorsichtig wurde jedes einzelne Stück geborgen, Planke für Planke katalogisiert und zu weiteren genauen Untersuchungen nach Bremerhaven gebracht. Dort soll unter anderem anhand der Jahresringe eine Altersbestimmung vorgenommen werden. Waren die Experten von der Küste zunächst noch von einem Wikingerschiff ausgegangen, so brachte die ebenfalls im Schlick gefundene Schiffsglocke den entscheidenden Hinweis. Vorbehaltlich der ausstehenden Datierung handelt es sich bautechnisch gesehen wohl tatsächlich um eine Kogge aus dem 15. Jahrhundert. Die Öffentlichkeit wurde bis jetzt übrigens ganz bewusst außen vor gelassen, um die Arbeiten nicht zu stören. Und auch die Einwohner von Werder haben „dicht gehalten“.
Im Rathaus hatte Holger Pieper ob seiner Idee zunächst nur ungläubige Blicke und Kopfschütteln geerntet. „Die Kollegen haben mich schon für verrückt erklärt“, sagt er. Nun wurden sie eines Besseren belehrt. Dabei hätten sie um den Spürsinn Piepers wissen müssen. Schon einmal hatte er den richtigen Riecher. Vor zwei Jahren war es ihm im Vorfeld der Bockenemer Hansetage gelungen, im Stadtarchiv Braunschweig jene bis dato verschollene Urkunde zu entdecken, die den Beitritt Bockenems zur Hanse besiegelte. Und jetzt, kurz vor den 3. Bockenemer Hansetagen am 14./15. Mai, dieser Paukenschlag, der die Stadtgeschichtsschreibung auf den Kopf stellen dürfte.
Damit die Stadt nun bei den Hansetagen nicht ganz mit leeren Händen dasteht, wurde ihr leihweise wenigstens die Schiffsglocke überlassen. Sie wird an beiden Veranstaltungstagen zu sehen sein. Und die aufmerkamen Finder Bruno Kluger und Bernd Lagershausen? Für sie wird wohl eine dicke Belohnung fällig.