Statistik und gefühlte Sicherheit passen nicht zusammen

Uwe Semper, Leiter des Polizeikommissariats Bad Salzdetfurth, stellt sich den Fragen der Bürger. (Foto: Berner)
 
Von links: Barthold von Gadenstedt, Thomas Schneider, MdL Markus Brinkmann, Bürgermeister Martin Bartölke, Uwe Semper, Polizeidirektor Uwe Ippensen. (Foto: Berner)
 
Von links: Uwe Semper, Martin Bartölke, Uwe Ippensen, Markus Brinkmann, Thomas Schneider und Barthold von Gadenstedt. (Foto: Berner)

Informationsabend des Bürgervereins zum Thema „Polizeipräsenz in Bockenem“ / PI- und PK-Leiter standen Rede und Antwort

Der Bürgerverein Bockenem hatte jetzt seine Mitglieder und interessierte Bürger eingeladen, um sich in sachlicher Diskussion des Themas „Polizeipräsenz in Bockenem“ anzunehmen.

Von Gertrud Berner

Bockenem. „Den Anlass für diesen Dämmerschoppen haben Nachfragen aus der Bevölkerung gegeben“, sagte der Vorsitzende des Bürgervereins, Thomas Schneider, zu Beginn der Sitzung. Immer wenn man die Polizei brauche, sei sie nicht da, hätten ihn Bockenemer Mitbürger angesprochen und um Hilfe gebeten. Schneider konnte an diesem Abend den Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim, Uwe Ippensen, und den Leiter des Polizeikommissariats Bad Salzdetfurth, Uwe Semper, begrüßen. Auch dem Landtagsabgeordneten Markus Brinkmann und Bürgermeister Martin Bartölke sowie den anwesenden Ratsherren dankte er für die Teilnahme am Bürgergespräch.
In vielen Gesprächen mit Bürgern habe er wahrgenommen, dass das Thema Polizeipräsenz in Bockenem viel diskutiert werde, so Polizeidirektor Uwe Ippensen, seit 2006 Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim. Obwohl es sehr schwer sei, das subjektive Sicherheitsempfinden im positiven Sinne zu beeinflussen, so versuchte er, anhand von Zahlenbeispielen die objektive Sicherheit in Bockenem zu verdeutlichen. Dies machte er an den Häufigkeitszahlen für Straftaten und der Aufklärungsquote fest. Lägen die Landeszahlen in Niedersachsen bei 7426 Straftaten je 100.000 Einwohner, seien es in Hildesheim 6210 Straftaten und in Bockenem 4900. Damit liege Bockenem deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Bei der Aufklärungsquote liege der Landesschnitt bei 61 Prozent. Bockenem habe auch in 2009 schon deutlich darüber gelegen und für 2010 sähe der Trend sogar noch besser aus. Hierfür könne er seinen Mitarbeitern nur seinen Dank aussprechen.
Neben der Kriminalitätsbekämpfung sei ein weiteres Aufgabenfeld der Polizei die Verkehrssicherheitsarbeit. Man sei bemüht, so Ippensen, bei den verstärkten Verkehrskontrollen die Fahrzeugführer gleich vor Ort auf das Fehlverhalten hinzuweisen. Dies halte er für sinnvoller, als im Nachhinein Bußgeldbescheide zu verschicken. Schwerpunkt der Polizeiarbeit sei nach wie vor das Verhindern von Straftaten und Unfällen. Kommissariatsleiter Uwe Semper und auch Polizeihauptkommissar Lothar Steinmann (Polizeistation Bockenem) wären jederzeit bereit, im Rahmen der Präventionsarbeit mit Vorträgen zur Verkehrssicherheit von Schulkindern, zur Drogen- und Gewaltprävention, Schutz von Senioren vor Betrügern oder zur Internetkriminalität Schulen und Institutionen zu unterstützen. Derzeit erarbeite man gemeinsam mit den Schulen ein Notfallmanagement und Notfallpläne für das Vorgehen bei Amoktaten. Nicht wegdiskutieren ließe sich die durch die Nähe zur Autobahn A 7 begünstigte Tatgelegenheitssituation. Andererseits könne aber auch die Autobahnpolizei bei Bedarf schnell zur Unterstützung der Kollegen vor Ort in Bockenem sein.
Uwe Semper, seit August 2009 Leiter des Polizeikommissariats Bad Salzdetfurth und damit zuständig für das große Gebiet von Bad Salzdetfurth, Bockenem, Holle, Söhlde, Lamspringe und Schellerten gab vertiefende Einblicke. Er bedauerte einen Presseartikel, in dem die Polizeiarbeit wegen mangelnder Polizeipräsenz negativ dargestellt worden sei. Anhand von drei Beispielen mit zeitlicher Dokumentation der Einsatzverläufe, vom Anruf bei der Einsatzleitstelle bis zur Ankunft der Beamten am Tatort, versuchte er aufzuzeigen, dass die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen stark vom objektiv dokumentierten Verlauf abweiche. Die Serien von Einbrüchen und Sachbeschädigungen in Bockenem seien aufgeklärt worden. Die Tatverdächtigen seien bereits in Haft oder in einem laufenden Gerichtsverfahren. „Zurzeit herrscht Ruhe in Bockenem“, so Semper. Trotz der optisch vielleicht nicht immer ausreichend wahrzunehmenden Anzahl von Polizeibeamten sei die Arbeit seiner Mitarbeiter wirkungsvoll. Polizeipräsenz würde zu Recht gefordert, könne aber auch wie beim Beispiel der Radarkontrolle persönlich wehtun und den Unmut der Bürger herausfordern.
Nach diesen einleitenden Worten konnten die Bürger ihre Probleme vortragen. Ausgesprochen wurden Bedenken, dass von den 55 im Bereich Hildesheim tätigen Polizeibeamten, weitere für Großeinsätze in Gorleben und Castortransporte abgestellt werden müssten oder bei Großveranstaltungen zum Dienst eingeteilt würden. Somit werde die Anzahl der für den Bereich zur Verfügung stehenden Polizisten unzumutbar reduziert.
Breite Zustimmung bei den Anwesenden fand die Forderung, die Polizei möge doch endlich einmal gegen jugendliche Randalierer einschreiten. Am Beispiel von immer wieder ausreißenden Rottweilern festgemacht, wurde der mangelnde Einsatzwillen der in Bockenem tätigen Beamten beklagt. Selbstverständlich könne man nicht verlangen, dass sich die Beamten selbst in Gefahr begäben. Trotzdem müsse in diesem Fall eine Lösung gefunden werden.
Semper und Ippensen bezweifelten, dass sich dieser Vorfall so abgespielt habe. Sie versprachen aber, den Hinweisen nachzugehen und den Sachverhalt zu klären. Sie wiesen nochmals darauf hin, dass ohne Hinweise aus der Bevölkerung eine Verhinderung oder die Aufklärung einer Straftat kaum möglich sei. Die Beamten der Polizei seien feinfühlig genug, die Anzeigenden nicht dem Täter bekannt zu machen. „Wir leben von diesen Hinweisen und wir geben den Hinweisgeber nicht der Öffentlichkeit preis“, so Ippensen in seinem Appell um Unterstützung der Polizei. Gute Beschreibungen der Täter, die Kfz-Kennzeichen verdächtiger Fahrzeuge, all das sei sehr wichtig. Manchmal könne schon eine einfache Vernehmung auf dem Polizeirevier das Selbstvertrauen der ermittelten Täter ankratzen und somit ihr Verhalten ändern. Die objektive Sicherheit in Bockenem sei gegeben, er habe aber Verständnis für die subjektive Angst. Vielleicht könne die Kommune helfen, durch bauliche Veränderungen, wie zum Beispiel mehr Licht, zum Sicherheitsgefühl der Bürger beizutragen.
Doch es gab auch Lob für die Polizei aus den Reihen der Zuhörer. Nicht nur dank der guten Zusammenarbeit der Autobahnpolizei mit den örtlichen Beamten hätten Straftaten verhindert werden können.
Ein weiteres Thema war die nach wie vor nicht befriedigende Situation des Schwerlastverkehrs rund um den Autohof. Bürgermeister Martin Bartölke betonte, dass die Verkehrskommission mit dem Schild „Block umfahren“ ein offizielles Verkehrszeichen habe aufstellen lassen. Barthold von Gadenstedt bedauerte, dass ein Bürgermeister nicht an einer solchen Verkehrsschau teilnehmen dürfe. Manche Fehler könnten vermieden werden, wenn Orts- und Problemkundige mit vor Ort wären. Polizeidirektor Uwe Ippensen wies darauf hin, dass der Landkreis auf eine fehlende Notausfahrt für Lkw am Tankstellengelände angesprochen werden müsse. In diesem Fall sei die Polizei nicht zuständig. Er bat aber darum, sich ohne Scheu bei allen Problemen an ihn oder seine Kollegen zu wenden. Im Anschluss an die Versammlung wurde den Bürgern noch einmal ausführlich Gelegenheit gebeben, zu den angesprochenen Problemen zu berichten.