Stiftungsgründung zum 200. Weule-Geburtstag

Am Schreibtisch von Johann Friedrich Weule: Prof. Dr. Hartrmut Weule und Ehefrau Karen unterzeichnen die Stiftungsurkunde. Den Vorsitz der Stiftung übernimmt Bürgermeister Martin Bartölke, die Geschäftsführung Kerstin Warnecke (rechts). (Foto: Knoblich)
 
Besuch der Sonderausstellung: Das Ehepaar Weule mit den beiden Ururururenkelinnen des Firmengründers, Amelie (links) und Anna. (Foto: Knoblich)

Startvermögen von 100.000 Euro / Kirche, Museum und Hauptschule sind Adressaten / Sonderausstellung im Turmuhrenmuseum

Ein schönes Geschenk für die Stadt Bockenem: Anlässlich des 200. Geburtstages von Johann Friedrich Weule richteten der Ururenkel des Turmuhrenfabrikanten, Prof. Dr. Hartmut Weule, und dessen Ehefrau Karen (besser bekannt unter ihrem Rufnamen "Suse") eine Stiftung ein. Wenn man so will, wird damit eine Tradition fortgesetzt. Bisher hat es schon vier Stiftungen der Familie Weule gegeben; diese sind aufgrund der Geldentwertungen aber längst nicht mehr existent.

Von Karsten Knoblich

Bockenem. Die Stiftungsurkunde unterzeichnete das Ehepaar Weule im Bockenemer Turmuhren- und Heimatmuseum, und zwar an genau dem Schreibtisch, den schon der Firmengründer einst für seine Geschäftskorrespondenz und für das Aufzeichnen neuer Ideen nutzte.
Aktuell beläuft sich das Stiftungsvermögen auf 100.000 Euro. "Sollte die Stiftung gut arbeiten, wird das Vermögen in fünf Jahren verdoppelt", stellte Prof. Weule in Aussicht. Die Zinserträge sollen der Arbeit des Turmuhrenmuseums mit seinem großen Schatz an Weule-Uhren sowie der evangelischen Kirchengemeinde für soziale und kirchenmusikalische Zwecke zugute kommen, und sie sollen außerdem der Förderung der Hauptschüler der Bockenemer Ambergauschule dienen. Den Stiftungsvorsitz übernimmt Bockenems Bürgermeister Martin Bartölke, die Geschäftsführung Kämmerin Kerstin Warnecke. Einmal im Jahr will man sich treffen, um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen.
Die Weules, die schon seit fast 40 Jahrzehnten im Süddeutschen leben, fühlen sich mit dem Ambergau eng verbunden. "Die schönste Zeit haben wir in Bockenem verbracht, und nur hier kommt ein richtiges Heimatgefühl auf", sagt Karen Weule mit Blick auf glückliche Kindheits- und Jugendjahre. Und Ehemann Helmut ergänzt: "Schon seit 1958 sind wir unzertrennlich." Gern erinnert man sich an die gemeinsamen Besuche in der Badeanstalt, und "Suse" Weule besonders an die Zeit, in der sie als Junglehrerin an der Ortshäuser Schule unterrichtete.
Erfindergeist und technisches Verständnis scheint den Weules in die Wiege gelegt zu sein. Christian Weule, Sohn des Stifterehepaars, ist ebenfalls Ingenieur – nun schon in sechster Generation. "Ich bin nie auf die Idee gekommen, etwas anderes zu machen", sagt er. Ebenfalls mitgereist nach Bockenem waren Tochter Julia Pluecker-Weule und die Enkelkinder Anna und Amelie, sieben und vier Jahre alt. Sie alle nutzten nach der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde die Gelegenheit, sich im Museum die Sonderausstellung zum 200. Geburtstag von Johann Friedrich Weule (19. April 1811 – 12. Oktober 1897) anzuschauen. Prof. Dr. Hartmut Weule würdigte nicht nur hier, sondern auch bei der sich anschließenden Feierstunde mit geladenen Gästen im benachbarten Gemeindehaus das Wirken seines Vorfahren. "Er hat als Autodidakt eine Ingenieurleistung erster Klasse vollbracht". Genial sei sein Produktbaukasten gewesen, der alles miteinander kombinierbar gemacht habe. Außerdem sei er mit der Strukturierung eines Produktes, dessen methodischer Verbesserung und der Reduzierung der Fertigungskosten seiner Zeit weit voraus gewesen. "Er kann daher zu Recht als führender Turmuhrenkonstrukteur seiner Zeit bezeichnet werden", sagte Hartmut Weule.
In der Ausstellung, die ab sofort bis Ende August immer zu den Öffnungszeiten des Museums (sonnabends und sonntags, jeweils von 15 bis 17 Uhr) besucht werden kann, findet sich auch ein Foto der Weule-Belegschaft von 1897, dem Todesjahr des Firmengründers. "Damals hatte Weule 75 Mitarbeiter, die Firma Bosch aber gerade einmal 20", weiß der Ururenkel. Bei alledem dürfe man nicht vergessen, dass Johann Friedrich mit Ernestine, mit der er seit 1837 verheiratet war, eine kluge und starke Frau an seiner Seite hatte. Sie bildete den ruhenden Gegenpol zu Johann Friedrich, der zwar äußerst selbstbewusst war und wegen seiner Uneigennützigkeit in großem Ansehen stand, der aber auch schnell aufbrausend war und Widerspruch kaum duldete.
Die Ausstellung nimmt den Besucher auf sieben hochwertigen Transparenten mit auf eine Zeitreise. Dem Leben Johann Friedrich Weules und der Entwicklung der Fabrik werden die Geschehnisse in Bockenem und in der Welt zur Seite gestellt. Außerdem lässt sich etwas über den passionierten Obstbaumzüchter Weule in Erfahrung bringen. In den Vitrinen sind persönliche Gegenstände wie Aktentasche und Brille sowie Originaldokumente zu finden. Ein besonderer Blickfang ist die Fotoserie "In den Werkstätten" mit Aufnahmen aus dem Bildarchiv des Historischen Museums Hannover. Prof. Dr. Hartmut Weule lobte Museumsleiter Jörg-Dieter Besch und sein Team für die liebevolle Zusammenstellung, und Bürgermeister Martin Bartölke wiederum dankte Weule, der diese Sonderausstellung zum größten Teil finanzierte. Das Stiftungswesen bezeichnete der Verwaltungschef – auch mit Blick auf die Bürgerstiftung – als "zartes Pflänzchen, das langsam in die Kommune hineinwächst". Man sei dankbar dafür, dass die Familie Weule etwas für Bockenem und den Ambergau tue, und weitere Zustiftungen seien ausdrücklich erwünscht.