„Trauer ist nicht Trostlosigkeit“

Hildesheims Oberbürgermeister Kurt Machens dankt dem Verein für seine Arbeit. Fotos: Mumot
 
Vereinsvorsitzender Friedrich Wißmann begrüßt die Gäste im Andreashaus.

Hildesheimer Hospizverein „Geborgen bis zuletzt“ feiert im Andreashaus zehnjähriges Arbeitsjubiläum

Rund hundert Menschen im Andreashaus halten den Atem an und lauschen. Denn vor ihnen steht ein freundlich lächelnder Herr, zupft ein paar Töne auf seiner Laute und beginnt, ein Märchen zu erzählen. Eine nicht ganz alltägliche Situation, gewiss, aber vielleicht schlägt sie die Zuhörer auch gerade deshalb so in ihren Bann. Heinrich Dickerhoff beschwört eine alte Geschichte aus Südamerika, erzählt von einer Witwe, die ins Totenreich geht, um noch eine Zeit mit ihrem geliebten Mann verbringen zu können, die schwanger zurückkehrt zu den Lebenden und weitermachen kann, weil sie die Vergangenheit in ihre Gegenwart integriert. Aber das ist schon eine der Deutungen, die im Nachhinein entstehen können und die Heinrich Dickerhoff, der Präsident der Europäischen Märchengesellschaft, ganz bewusst den Zuhörern überlässt.
Dass der Erzähler und Theologe, der als pädagogischer Leiter der Katholischen Akademie Stapelfeld tätig ist und zahlreiche Workshops zu Märchen und Theologie veranstaltet, hier zum Thema „Trauer und Trost“ spricht, hat einen weitreichenden Grund: Der Hospizverein „Geborgen bis zuletzt“ feiert das zehnjährige Bestehen seiner einzelnen Gruppen, die sich vor etwa vier Jahren unter dem Dach des evangelisch-lutherischen Kirchenkreisverbandes Hildesheim zu ihrer heutigen Vereinsform zusammengefunden haben. „Ich möchte mich an dieser Stelle vor allem bei all den Ehrenamtlichen bedanken, die sich hier mit so viel persönlichem Einsatz engagieren“, sagte Vereinsvorsitzender Friedrich Wißmann bei der Eröffnung der Feierstunde.
Rund 70 Personen betätigen sich bei „Geborgen bis zuletzt“ als Sterbebegleiter/innen – und jeder von ihnen ist entsprechend ausgebildet worden und wird regelmäßig fortgebildet und geschult. Die Gruppen in Hildesheim, Salzhemmendorf/Coppenbrügge und Bockenem/Hoheneggelsen stehen sterbenden Menschen und ihren Angehörigen zuhause, in Alten- und Pflegeheimen und in Krankenhäusern bei. „Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen“, wie Friedrich Wißmann betont, „und auch darüber nachzudenken, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Tod so stark verändert hat, dass das Sterben oft weggeschoben und verdrängt wird.“
Auch Christian Castel, Superintendent des Kirchenkreises Hildesheimer Land-Alfeld ging in seinem Gruß- und Dankeswort auf diesen Punkt ein. „Wo gibt es das heute noch, dass eine Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach lebt, und das Sterben von Familienmitgliedern als etwas Natürliches erlebt? Und in unserem heutigen Pflegebetrieb, wo alles nach erbrachten Leistungen abgerechnet werden muss, haben die Pflegekräfte nur selten Zeit, sich neben den medizinischen Bedürfnissen auch um die seelischen Bedürfnisse zu kümmern.“
Oberbürgermeister Kurt Machens, der ebenfalls ein Grußwort sprach, stimmte hier zu. „Das ist eine große Aufgabe für unsere Gesellschaft. Wir müssen auch unsere Vorstellung von Pflegeleistungen ändern. Menschliche Zuwendung kann nicht auf Marktwirtschaftlichkeit ausgerichtet sein, die Marktwirtschaftlichkeit der Pflege aber muss sich nach Kriterien der menschlichen Zuwendung richten.“
Manchmal, das wissen die Sterbebegleiter, kann das Halten einer Hand oder das Erzählen einer Geschichte schon genügen. „Trauer ist nicht Trostlosigkeit“, sagt Heinrich Dickerhoff, „aber wir brauchen deutende Bilder, um damit umgehen zu können.“ Und so erzählt er dann mit großer Selbstverständlichkeit noch das Eskimomärchen von einem Fischer und seiner Angst vor einer gestorbenen Frau und von einem schwedischen Kind, dem es gelingt, dem Tod mit einer Scheibe Knäckebrot ein Schnippchen zu schlagen. Aber das ist dann auch schon wieder eine andere Geschichte.