Weiter Wirbel um Schloss Henneckenrode

Ein Schloss als Zuhause: Das könnte für die Kinder- und Jugendhilfe in Henneckenrode bald Geschichte sein.

Stiftungsvertreter bekräftigen Verlegung der Kinder- und Jugendhilfe / Ehemalige Bewohner planen Protestaktion

Eigentlich wollte sich Hildesheims Weihbischof Heinz-Günther Bongartz bei einem Rundgang durch die Anlage des Schlosses in Henneckenrode die Arbeit der dortigen Kinder- und Jugendhilfe anschauen. Er ist auf dem bereits seit einem Jahr geplanten Pastoralbesuch in der Gemeinde Holle. Doch durch die in der vergangenen Woche bekannt gewordene Verlegung der Einrichtung (der „Beobachter“ berichtete) gab es erst einmal andere Dinge zu erledigen. Denn Mitarbeiter, betroffene Kinder, aber auch Lokalpolitik und der örtliche Pfarrer wurden von den Plänen völlig überrascht und teilweise vor den Kopf geschlagen.
Bongartz erfuhr am Wochenende durch die Presse von dem beginnenden Konflikt. „Bischof bedeutet auch ‘Brückenbauer‘. Wir müssen nun alle gemeinsam neu ins Gespräch kommen“, sagte er nun. Er räumte „Kommunikationsdissonanzen“ ein und entschuldigte sich dafür gegenüber der Mitarbeitervertretung. In einem Gespräch, bei dem auch Dr. Stefan Witte von der betreibenden Stiftung Katholische Kinder- und Jugendhilfe im Bistum Hildesheim, Einrichtungsleiter Wolfgang Linke-Jahnel und Helmut Müller von der Finanzdirektion des Bistums vor Ort waren, wurde seiner Meinung nach eine Einigung erzielt. In der kommenden Woche soll diese den restlichen Mitarbeitern erläutert werden.
1838 wurde in dem Schloss ein Waisenhaus eröffnet, so wie es der vorherige Besitzer Friedrich Blum verfügt hatte. Der Blumschen Waisenhausstiftung gehört heute noch die Anlage und einige weitere Ländereien in der Umgebung, die sie verpachtet hat. Die Einrichtung selbst betreibt die Stiftung Katholische Kinder- und Jugendhilfe. Beide Stiftungen haben einen Vertrag geschlossen, in der die „Blumsche“ der Kinder- und Jugendhilfe die Gebäude zur Verfügung stellt. Erstere bezahlt die Instandhaltung der Gebäude und schüttet die Überschüsse der Erträge an die Kinder- und Jugendhilfestiftung aus.
Dies ist, so Helmut Müller, auch einer der Gründe für den Auszug aus dem Schloss Henneckenrode. In den vergangenen Jahren wurden bereits einige Investitionen in Höhe von rund 530.000 Euro, teilweise mit EU-Geldern, an der Fassade getätigt. Auch der Teich im hinteren Bereich wurde mit 300.000 erneuert. „Im Laufe der Zeit hat sich jedoch herausgestellt, dass weitere Investitionen in Höhe von rund 2,2 Millionen Euro nötig sind. Darunter fallen 1,2 Millionen für den Brandschutz und jeweils 500.000 Euro für das Dach und Veränderungen an den Räumlichkeiten.“ Ob für das denkmalgeschützte Gebäude Zuschüsse von verschiedenen Seiten möglich wären, wurde nicht erläutert.
Das ist in etwa die Höhe des Stiftungskapitals, das laut Angaben von Müller bei 2,1 Millionen Euro liegt. Würde das komplette Geld nun investiert werden, könne man mindestens zehn Jahre lang keine Ausschüttung mehr tätigen, so der Finanzdirektor weiter: „Das kann nicht im Sinne von Friedrich Blum sein.“ Zu dieser Auffassung sei auch eine Justitiarin des Bistums gekommen. Daher sei man im Generalvikariat schnell zu dem Entschluss gekommen, das Geld nicht in das Gebäude zu stecken, sondern sich nun auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten zu begeben.
Dieser Auffassung widersprechen Anwälte, die von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung beauftragt wurden, sich das Testament anzuschauen. Sie meinen, dass die Einrichtung zwar nicht im Schloss, aber zumindest in Henneckenrode betrieben werden müsste. Nur so wäre der Wille Blums weiter gewährleistet.
An der Entscheidung der Schließung des Standortes Henneckenrode werde aber nicht mehr gerüttelt, stellte Dr. Stefan Witte noch einmal fest. Er wies zudem daraufhin, dass mit einer Verlegung auch eine Modernisierung erfolgen könne. So sei geplant, die derzeitigen Gruppen zu dezentralisieren und auf mehrere Standorte aufzuteilen. Dabei könnte man auch näher an eine größere Stadt heranrücken. Das genaue Konzept solle gemeinsam mit den Mitarbeitern in einem Workshop Anfang des kommenden Jahres erarbeitet werden.
Genau das derzeitige Konzept und die Lage der Anlage wird allerdings, auch von der Stiftung selbst, als das Besondere herausgestellt. So heißt es auf der Seite der Stiftung Erziehungshilfe: „Die ländliche Umgebung und das besondere Flair des Schlosses unterstützen unsere Arbeit. [...] Die Natur gibt Freiheit und setzt zugleich den Rahmen.“ Auch die Kinder und Jugendlichen sind von dem derzeitigen Gelände begeistert.

„Immer noch ein wichtiger Anlaufpunkt für uns“

Auch viele ehemalige Bewohner des Schlosses waren von der Nachricht schockiert. „Das ist ein Ding der Unmöglichkeit“, empört sich bespielsweise Janina Degener, die sich telefonisch in der Redaktion meldete. Für sie, die von 1997 bis 2006 das Heim bewohnt hat, und auch für viele andere ist das Gebäude auch heute noch immer ein wichtiger Anlaufpunkt: „Das ist dort eine große Familie mit einem tollen Zusammenhalt. Der Kontakt dorthin ist für uns sehr wichtig.“
In der Facebook-Gruppe „Wir kämpfen für das Zuhause von Kindern“, der sich gestern bereits über 220 Personen angeschlossen hatten, organisieren sie ihre Proteste. Für den kommenden Dienstag, 2. Dezember, ist ein „Lichterfest“ geplant. Um 19 Uhr wollen sie sich vor dem Rathaus in Holle treffen und Kerzen entzünden, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Chor wird mit dabei sein, auch das DRK und Bürgermeister Klaus Huchthausen haben ihre Unterstützung zugesagt.
Hauptorganisatorin ist die ehemalige Heimbewohnerin Yvonne Bendler. Die wohnt inzwischen in Ostfriesland und ist bei den Protesten trotzdem ganz vorne mit dabei. Ein weiteres Zeichen für die große Verbundenheit der (ehemaligen) Bewohner mit „ihrem“ Schloss.