Wenn die Schulden überhand nehmen

Ilona Heitmann berät Menschen, die nicht mehr aus den Schulden herauskommen. Die Hilfesuchenden kommen dabei nicht nur aus dem Stadtgebiet, sondern auch aus den Nachbarkommunen oder darüberhinaus.

Evangelischer Jugenddienst in Bockenem bietet Schuldnerberatung an / Jedes Alter und Milieu betroffen

Der Handy-Vertrag, Käufe im Internet oder kostenpflichtige Apps – die Gründe, mit denen Menschen zu Ilona Heitmann kommen sind vielfältig. Heitmann arbeitet bei der evangelischen Jugendhilfe in der Schuldnerberatung.

„Die meisten Schuldner versuchen ihre Probleme erst einmal selbst zu regeln und mit ihren Gläubigern zu sprechen. Erst, wenn sie nicht mehr weiterwissen, kommen sie zu mir“, erklärt sie. Die Probleme sind dann in der Regel nicht mehr ein nicht zu finanzierender Handy-Vertrag, sondern eher Mietschulden oder nicht bezahlte Stromrechnungen.
Wenn der Gerichtsvollzieher da war oder die Räumung aus der Wohnung oder dem Haus angekündigt wurde, dann kann Heitmann auch nicht mehr viel helfen. „In diesem Fall geht es vor allem darum, persönliche Dokumente zu sichern“, rät die Diplom-Sozialwissenschaftlerin. Problematisch wird es bei einer Wohnräumung. Denn die meisten Vermieter erkundigen sich bei der Schufa. Wenn sich dort negative Einträge häufen wird es schwer, ein neues zuhause zu finden. In diesem Fall müssen die Kommunen einspringen.
Die tun das allerdings nur im äußersten Notfall, wie Klaus Heckel vom Bockenemer Ordnungsamt betont. Denn zunächst einmal können Betroffene natürlich auch bei Angehörigen oder Freunden unterkommen. Nur, wenn es gar nicht anders geht, springe eine Kommune ein. Während einige Gemeinden entsprechende Notunterkünfte aufgegeben haben, weil solche Fälle extrem selten vorkommen, und dann im Bedarfsfall privat Wohnungen anmieten müssen, gibt es in Bockenem zumindest für einzelne Personen noch einen solchen Wohnraum.
Seit 30 Jahren arbeitet Ilona Heitmann in der Schuldnerberatung, seit 2013 arbeitet sie bei der evangelischen Jugendhilfe, die zu diesem Zeitpunkt ihre Beratungsstelle einrichtete. Zu ihr kommen Personen jeden Alters und aus jedem Milieu: „Das geht vom Rotlichtmilieu bis zum Professor, der sich verzockt hat.“ Heutzutage sei es jedoch wesentlich einfacher aus den Schulden herauszukommen. Während eine Entschuldung früher nur mit gütlicher Einigung des Schuldners möglich gewesen sei, erlaube das Gesetz seit 1999 auch eine Privatinsolvenz.
Insofern kann sie sagen, dass jeder, der in die Beratung komme, die Schulden hinter sich lassen könne. Das könne nach drei Monaten oder zwei Jahren sein. Das Problem sei dann eher, hinterher auch schuldenfrei zu bleiben. Oft kämen die Personen später wieder. „Aber auch das ist ja ein Erfolg, wenn sie zumindest wissen, wo sie sich Hilfe holen können“, so Heitmann.
Gründe für eine Verschuldung sei auch ein immer höheres Anspruchsdenken: „Jeder Jugendliche und junge Erwachsene erwartet heutzutage ein Handy, Fernseher, Internet und iPod zu besitzen.“ Internet und Telekommunikation sei daher inzwischen Verschuldungsgrund Nummer eins. Früher seien es eher nicht finanzierbare Verbauchsgegenstände gewesen, stellt Heitmann im Laufe der Zeit durchaus eine Veränderung fest. Gerade bei Jugendlichen entstünden Schulden vor allem für „Dinge, die die Welt nicht braucht.“
Da es kein engmaschiges Beratungsnetz gibt, kommen die Menschen aus einem größeren Raum nach Bockenem. Neben dem Stadtgebiet sind auch Menschen aus den Nachbarkommunen Holle, Bad Salzdetfurth, Seesen, Lamspringe und teilweise sogar Baddeckenstedt, Hohenhameln oder Herzberg dabei. Gut 70 waren es im vergangenen Jahr, in den ersten rund fünf Monaten des Jahres 2015 kamen gut 30 Personen zur Beratung. Der erste Kontakt findet in der Regel in der Beratungsstelle statt. Ilona Heitmann bietet neben Sprechstunden in Ausnahmefällen aber auch Hausbesuche an.
Ab Montag findet die Bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatung statt. „Wir wollen einfach auf dieses Problem aufmerksam machen. Auch darauf, dass man arm sein kann, obwohl man arbeitet.“ Fortbildungen und Prävention seien daher weitere wichtige Eckpfeiler der Arbeit der Schuldnerberatungen.

Die Schuldnerberatungsstelle der evangelischen Jugendhilfe befindet sich in Bockenem, Vogesberg 20 (ehemalige Rettungswache). Sprechzeiten sind Montag von 14 bis 16 Uhr. Weitere Termine können telefonisch unter (05067) 99427 oder per Mail an sb@jugendhilfe-bockenem.de vereinbart werden.