Wie im Actionfilm: Geldtransporter überfallen

Ein Mitarbeiter dieses Geldtransporters wurde vor der Bockenemer Sparkassen-Filiale angegriffen.
 
Ein Kripo-Beamter führt den 36 Jahre alten Mann in Handschellen ab. Der Hildesheimer muss sich nun wegen räuberischer Erpressung verantworten.

Ehemaliger Mitarbeiter geht mit Revolver auf ehemaligen Kollegen los / Täter geschnappt / Alles nur ein Spaß?

War das alles nur ein übler Scherz auf Kosten seiner ehemaligen Kollegen oder wollte der Mann tatsächlich vor der Sparkasse in Bockenem einen Geldtransporter überfallen? Mit dieser Frage muss sich seit Montag die Hildesheimer Polizei beschäftigen.

Es ist kurz nach 10 Uhr als der gepanzerte Geldtransporter eines hannoverschen Unternehmens in der Bürgermeister-Sander-Straße vor der Sparkassen-Filiale parkt. Während der Fahrer aus Sicherheitsgründen am Steuer bleibt, nimmt sein Kollege wie gewohnt einen Koffer und entriegelt die Tür. Der 46 Jahre alte Geldbote aus der Region Hannover betritt – so schreiben es die Regeln vor – durch den Haupteingang den Schalterraum der Bank. Der erfahrene Mitarbeiter liefert den Angestellten Hartgeld ab und nimmt im Gegenzug eine unbekannte Menge Geld im Koffer mit. „Über die Höhe können wir keine Auskunft geben“, berichtet die Pressesprecherin der Polizei Hildesheim, Dagmar Coldewei.

Täter geht mit Revolver
auf Mitarbeiter zu

Nachdem alle Formalien erledigt sind, will der 46-jährige durch den Nebeneingang zurück zu dem in der Nähe parkenden Werttransporter. Vor der Glastür sieht er einen Mann in Arbeitskleidung sitzen. „Der Geldbote hat vermutet, dass auf dem Außengelände jemand Ausbesserungsarbeiten vornimmt“, erläutert die Polizeibeamtin. Als der 46-Jährige allerdings die Tür öffnet, steht die Person unvermittelt auf, stülpt sich einen beigefarbenen Jutebeutel über den Kopf und zückt einen Revolver. „Der Beutel hat noch nicht mal einen Schlitz gehabt. Er konnte praktisch gar nichts dadurch sehen. Der Mann hat dabei kein Wort gesprochen“, teilt Dagmar Coldewei mit. Für den Angestellten ist es nicht ganz klar, in welche Richtung er die Waffe richtet. Geistesgegenwärtig drückt er die Pistole herunter und schiebt die Person aus der Tür. Dabei erleidet der 46-Jährige leichte Schürfwunden an der Hand. Er rennt zurück zu der Mitarbeiterin der Sparkasse. Der Maskierte bleibt vor der Tür zurück. Plötzlich steht ihnen der mutmaßliche Täter in der Schalterhalle ohne Jutebeutel und Waffe gegenüber. Der Geldbote erkennt ihn aber an seiner blauen Latzhose wieder.
Wenig später kann er ihn sogar mit Namen begrüßen. Es ist ein ehemaliger Kollege, der von dem Transportunternehmen freigestellt wurde. Über die Gründe ist nichts Näheres bekannt. Der 36 Jahre alte mutmaßliche Täter, der in Hildesheim lebt, ist da plötzlich ganz kleinlaut. Es sei alles nur ein Scherz gewesen. Der Hildesheimer bittet darum, keine Polizei zu rufen. Er unternimmt keinen Fluchtversuch, bleibt bei dem Geldboten und der Sparkassenangestellten. Doch in dem Moment ist der Großalarm bereits angelaufen. Aus allen Richtungen rasen sechs Streifenwagen herbei. Ausgerüstet mit schusssicheren Westen gehen die Beamten vor der Bank in Stellung. „Niemand kann sagen, wie sich die jeweilige Situation gestaltet“, sagt der Leiter des Einsatz- und Streifendienstes des Polizeikommissariats Bad Salzdetfurth, Lutz Ike.
Die Kollegen können schnell Entwarnung geben. Von dem mutmaßlichen Täter geht keine Gefahr mehr aus. Später stellt sich heraus, dass es sich um einen echten Revolver handelt. Die ersten Recherchen ergeben, dass er als Jäger sogar zum Führen der Waffe berechtigt ist. Patronen werden nicht gefunden. Die Polizei hat den Revolver sichergestellt. In der Zwischenzeit ist auch ein Rettungswagen in der Bürgermeister- Sander-Straße eingetroffen. Die Sanitäter behandeln den unter Schock stehenden Mitarbeiter. Auch eine Mitarbeiterin der Sparkasse hat der Vorfall sichtlich mitgenommen. Auch nach ihr müssen die Retter sehen.
Die Tatortgruppe aus Hildesheim übernimmt die weiteren Ermittlungen vor Ort. Ein Kripo-Mann führt den Tatverdächtigen in Handschellen ab. Der Bankbetrieb läuft ohne Einschränkungen weiter. Das hannoversche Unternehmen schickt zwei neue Mitarbeiter, die den Transport des Geldes wie geplant fortsetzen. Viele Kunden wollen aber von den Bankleuten wissen, was geschehen ist. Eine Antwort auf die Frage erhalten sie aber nicht. Die Vernehmungen des Hildesheimers ziehen sich bis in die Abendstunden hin. Zentrale Frage dabei ist, ob er sich wirklich nur einen Spaß machen wollte.

Alles nur ein
Scherz gewesen?

Er bleibt bei der Feststellung, dass alles nur ein Scherz gewesen ist. „So einen Fall habe ich noch niemals erlebt“, sagt die Polizei-Sprecherin. Ihre Kollegen werden ihr da bestimmt nicht widersprechen. Dem Mann, der der Polizei wegen kleinerer Delikte bekannt ist, dürfte sein „Scherz“ teuer zu stehen kommen. Gegen ihn wird nun wegen schwerer räuberischer Erpressung mit Einsatz einer Schusswaffe ermittelt. „Es gibt aber noch sehr viele Detailfragen zu klären“, so die Beamten. Nach der Vernehmung wurde der 36-Jährige wegen fehlender Haftgründe nach Hause entlassen.