Glücklicherweise war es nur ein Testlauf

Nur eine der Schwierigkeiten bei der Übung: Ein Container des ZAH war auf ein Auto gerutschte, in dem Pkw war eine Person eingeklemmt.
 
Zwei Autos brannten, die Insassen konnten sich selbst retten. Im Hintergrund ein Reisebus.

Katastrophenübung auf der K 304 zwischen Heersum und Hockeln / 27 Verletzte waren zu versorgen

Zerquetschte Autos, ein qualmender Bus, wimmernde Verletzte: Den Rettern bot sich am Sonnabend auf der Kreisstraße 304 zwischen Heersum und Hockeln ein schreckliches Bild. Mehr als 20 teils schwer verletzte Menschen mussten versorgt werden. Einige von ihnen hatten schlimme Brandverletzungen erlitten. Andere konnten sich nicht mehr selbst aus ihrem Fahrzeug befreien.
Zum Glück entpuppte sich das alles nur als ein groß angelegtes Übungsszenario, an dem auch zahlreiche Beteiligte aus den Regionen Bornum, Rhüden und Seesen beteiligt waren. „Im Kreis gibt es in der Regel jährlich eine Übung mit einer großen Anzahl an Verletzten. Sie findet immer in einer anderen Region statt. Oftmals bot bisher auch die ICE-Strecke ideale Bedingungen für solch ein Szenario“, berichtete Kreisbrandmeister Josef Franke. Für die größte Übung des Jahres 2012 im Landkreis zeichnete der Brandabschnitt Ost verantwortlich.
Schon vor Monaten begann der stellvertretende Ortsbrandmeister aus Holle, Marcus Gehrke, und seine Kollegen mit den Vorbereitungen für die Unfall-Katastrophe. Alle Fakten wurden exakt in einem Handbuch festgelegt. Einfach machte es der Organisator seinen Kollegen jedenfalls nicht. Für die Rettungskräfte gab es auf der K304 allerhand zu tun. Durch eine stark verschmutzte Fahrbahn waren einige Fahrzeuge ins Schleudern geraten und miteinander kollidiert. Andere schafften es noch, rechtzeitig zu bremsen. Mit einem lauten Knall setzte ein Laster des Zweckverbandes Abfallwirtschaft Hildesheim (ZAH) einen wuchtigen Container auf einen Personenwagen, in dem sich noch die Insassen befanden. Da näherte sich auch noch ein Reisebus der Unfallstelle. Der Fahrer erkannte die Situation zwar noch, aufgrund der Vollbremsung kam es allerdings zu einer starken Rauchentwicklung im Innenraum des Busses. Andere Fahrer hatten weniger Glück, sie konnten nicht mehr bremsen und kollidierten miteinander. Zwei Autos brannten lichterloh.
„Aufgrund der Zahl an verunglückten Menschen löste die Leitstelle die dritte Stufe bei einem Massenanfall von Verletzten aus“, erklärte Holles Gemeindebrandmeister Joachim Schaper, der als Gesamteinsatzleiter fungierte. Da die Einsatzstelle sehr langgezogenen war, wurden für die 161 Feuerwehrleute aus der Gemeinde Holle und dem Stadtgebiet von Bad Salzdetfurth zwei Abschnitte gebildet.
Als sehr knifflig hat sich die Rettung der Insassen aus dem unter dem Container verkeilten Auto erwiesen. „Das hat gut funktioniert. Damit die Menschen aus ihrer sicherlich nicht angenehmen Lage befreit werden konnten, wurde der Behälter zunächst abgestützt“, erläutert der Kreisbrandmeister. Überraschte Gesichter gab es ein paar Schritte weiter vor dem Reisebus. Eigentlich waren die Retter davon ausgegangen, dass sich aufgrund des verqualmten Innenraums die meisten Fahrgäste bereits an der frischen Luft befanden. Vor Ort stellten die Feuerwehrleute jedoch fest, dass sie sich noch im Bus befanden. Unter schwerem Atemschutz mussten einige sogar noch hinaus getragen werden. „Rettung und Koordination haben insgesamt gut funktioniert“, meinten die Verantwortlichen. Erschwerend seien auch die Aussagen des Busfahrers gewesen, der unterschiedliche Angaben zur Zahl der Fahrgäste gemacht hat, ergänzte Holles Ortsbrandmeister Gerhard Grothe, der für diesen Teil der Unfallstelle zuständig war.
Für den westlich gelegenen Abschnitt lag die Verantwortung in den Händen von Bad Salzdetfurths Stadtbrandmeister Matthias Bellgardt. „Wir wurden zur nachbarschaftlichen Unterstützung gerufen“, sagte Bellgardt. Seine Feuerwehrleute holten fünf eingeklemmte Personen aus den Wracks. Zum Glück hätten sich die Insassen aus dem brennenden Auto bereits selbst befreien können.
Die insgesamt 27 Verletzten riefen den Rettungsdienst aus Hildesheim und dem gesamten Landkreis mit insgesamt 50 Aktiven auf den Plan. In erster Linie rasten Fahrzeuge der Schnelleinsatzgruppen (SEG) zur Unfallstelle. Die DRK-Schnelleinsatzgruppe Bornum/Rhüden, die zum erweiterten Rettungsdienst gehört, erreichte mit einem Geräte-, Mannschaftstransport- und einem Rettungswagen die Unfallstelle. Die 20 Kräfte kümmerten sich unter anderem um die Betreuung der Unfallopfer.
Zur Versorgung der Männer und Frauen bauten die Retter auf einem nahe gelegenen Hof einen speziellen Behandlungsplatz mit mehreren Zelten auf, der bei einer so hohen Zahl an Verunglückten zum Einsatz kommt. Diese bei der Berufsfeuerwehr Hildesheim stationierte Ausrüstung wurde vor einem Jahr angeschafft. Im Landkreis ist der Behandlungsplatz bei dieser Übung erstmalig unter realen Bedingungen getestet worden. „Wir mussten uns zuerst mit der unklaren Ortsangabe arrangieren. Aufgrund der weitläufigen Strecke haben wir die Schnelleinsatzgruppen zunächst in Heersum zurückgehalten“, berichtet der Leitende Notarzt Peter Schmidt.
Die insgesamt zehn alarmierten Rettungswagen hätten ausgereicht, es sei aber anfangs wenig Personal vor Ort gewesen, um die fünf Schwer-, elf Mittel- und elf Leichtverletzten zu versorgen. „Gerne hätten wir auch noch ein paar Ärzte mehr gehabt“, erläuterte der Mediziner anschließend. Außerdem seien die Platzverhältnisse, gerade auch für den Aufbau der Zeltstadt, sehr schwierig gewesen.
Bei der anschließenden Pressekonferenz berichteten die Vertreter Feuerwehr und des Rettungsdienstes, dass es zuvor eine Übung der dritten MANV-Stufe ohne den Rettungszug der Bahn noch nicht gegeben hat. Eine erste Bilanz fällt bei Einsatzleiter Joachim Schaper positiv aus: „Die Übung ist insgesamt gut verlaufen. Einzelne Punkte, wo es unter Umständen hätte besser laufen können, werden wir in einer ausführlichen Nachbesprechung erörtern.“ Die Verantwortlichen dankten allen Beteiligten für ihr Engagement. So wurden bereits mehr als drei Stunden zuvor die von der Stadtfeuerwehr Seesen gestellten Verletzten von Mitgliedern des Roten Kreuzes aus Holle und Sarstedt geschminkt. Ebenso musste auf der gesperrten Kreisstraße das Szenario unter Hilfe von schwerem Gerät vorbereitet werden.