In die Wilhelmshütte zieht wieder Leben ein

 

Königsdahlumer baut die große Fabrikhalle zu einer Werkstatt für Hobbybastler um

Jeder Bornumer weiß, dass die Geschichte seines Dorfes eng mit der Wilhelmshütte verbunden ist. Wäre sie im 18. Jahrhundert hier nicht entstanden, der Ort hätte eine völlig andere Entwicklung genommen. Am 22. Oktober 1727 war der zuvor errichtete Hochofen zum ersten Mal angeblasen worden. Sein Betrieb endete gut hundert Jahre später, nachdem die Hütte 1857 von der herzoglichen Kammer in Braunschweig verkauft worden war. Doch wurde das Werk nicht stillgelegt, denn auf dem großen Betriebsgelände produzierte fortan eine Eisengießerei, die sich mit der Zeit auf Öfen und Herde spezialisierte und sich bis 1965 halten konnte, zuletzt mit 450 Beschäftigten. Bornum war mit diesem Unternehmen und ab 1899 mit den Harzer Achsenwerken zu einem reinen Arbeiterdorf geworden, in dem die Zahl der in der Industrie Beschäftigten bei 1600 Personen und damit deutlich höher als in Bockenem lag, vergleichbar in etwa mit Seesen.
Seit den sechziger Jahren ist das große Wilhelmshüttengelände in Bornum eine Industriebrache. Der vordere Bereich konnte gewerblich zwar wieder in Nutzung gebracht werden, doch der hintere blieb in schlimmen Zustand und verfiel, eingeschlossen das herrliche und unter Denkmalsschutz stehende Faktoreigebäude, das im Frühjahr 1729 errichtet worden war. Als Industriedenkmal konnte auf Initiative des Bockenemer Stadtheimatpflegers lediglich der historische Hochofen gerettet werden, während die Denkmalsschutzbehörde des Landkreises die Rolle des fernen Betrachters einnahm.
Nun tut sich erfreulicherweise wieder etwas auf dem hinteren und nach Süden hin gelegenen Areal des Betriebsgeländes, das in den letzten Jahren abgesperrt worden war. Nachdem viele LKW-Ladungen mit Müll und Unrat abgefahren wurden, erhält der gesamte Komplex eine Befestigung mit Kies, so dass er jetzt wieder gut befahren werden kann. Die 3500 Quadratmeter große Halle ist ausgeräumt, und nach Ausbesserung ihres Daches sieht sie einer neuen Nutzung als Werkstatt entgegen. Zwar sieht das Faktoreigebäude noch wie eine Ruine aus, doch nachdem in dem Nachbarbau alles wieder begehbar gemacht und auch das Leitungswasser wieder zum Fließen gebracht wurde, gibt es auch Pläne für das Hauptgebäude; langfristig gesehen der Ausbau mit Zimmern und die Einrichtung einer Bibliothek für Oldtimerfreunde.
Der Investor Heina Gruber, der das gesamte Gelände gepachtet und mittlerweile schon beachtliche Summen investiert hat, arbeitet mit zwei hiesigen Oldtimer-Clubs zusammen, dem Old Motor Club Bockenem-Bornum und der Old Motor Compagny aus Bockenem-Königsdahlum. Beide hatten im letzten Monat ihre Zusammenarbeit besiegelt und diesen Verbund zünftig auf dem neuen Vereinsgelände gefeiert. Die alte Hüttenschleiferei ist mit ihren vier Kellergewölben nämlich zu einem rustikalen Domizil ausgebaut worden, dass im Übrigen an jedem Freitag ab 14 Uhr alle Interessenten zu einem „Stammtisch“ willkommen heißt. Diese ehemalige Schleiferei - das ist kaum bekannt - diente während des Zweiten Weltkriegs für die Bornumer als Luftschutzkeller.
Investor Heina Gruber, seit über zehn Jahren in Königsdahlum wohnhaft, „Freier Erfinder und Metallbauer“, wie seine Visitenkarte ausweist, ist beruflich ein viel herumgekommener Mann, früher zeitweise auch Besitzer des Sägewerks in Rhüden. Mit diesem Projekt in der Wilhelmshütte möchte er einen Markstein in seinem Lebenswerk setzen. „Ich werde im Alter jetzt meinem Hobby nachgehen und mein Wissen an andere weitergeben“, verrät er. Das Gelände soll zu einer großen Werkstatt werden, die dann jeder Interessierte nutzen kann. Die mit allem Werkzeug, mit Geräten und inzwischen mit Hebebühnen ausgestattete große Halle, soll all jenen angeboten werden, die hier an ihrem Auto selbst schrauben und basteln wollen. Alles Material wird gestellt und mit ihrem Wissen und ihrer Hilfe werden ein Meister und ein Geselle jederzeit ansprechbar sein und zur Verfügung stehen. Da die Nutzer alles selbst machen werden - unter Anleitung, wenn gewünscht - werden sie viele Kosten sparen können.
Heina Gruber denkt dabei vor allem an Oldtimerfans, und geht man durch die riesige Halle, stehen jetzt dort bereits über zwei Dutzend Oldtimer jeder Marke und Couleur. „Es wird eine Werkstatt zum Selbstschrauben sein, an ihrem Ende mit einer kompletten TÜV-Überwachung für jedes Fahrzeug, vom PKW bis hin zum Wohnmobil“, ist sich der Unternehmer sicher. Selbstbastler werden also die Nutzer sein. Dass mit dieser Initiative die Industriebrache in diesem Teil der Wilhelmshütte jetzt ein Ende gefunden hat, darüber dürfen sich die Bornumer sicherlich freuen.