„Aus den Augen aus dem Sinn geht nicht“

Auf Einladung von Hochschulpfarrer Dr. Heiner Wajemann (links) weilte Ministerpräsident Stephan Weil (Mitte) an der TU Clausthal und wurde von Universitätspräsident Professor Thomas Hanschke begrüßt.

Ministerpräsident Weil äußert sich an der TU Clausthal zum Umgang mit Atommüll

„Vertrauen ist der Anfang von allem.“ Mit diesen Worten leitete Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil seine „Gedanken zu einer Technikethik am Beispiel der Atommüll-Endlagerung“ ein

. Er sprach darüber in der Aula Academica der TU Clausthal innerhalb der Vortragsreihe „Wissenschaft, Technik und Ethik“, die von der Evangelischen Studentengemeinde veranstaltet wird.
Unter den rund 150 Zuhörern saßen viele, die fachlich einen Bezug zu der Materie haben. In Clausthal, wo seit 240 Jahren auf dem Gebiet von Energie und Rohstoffen geforscht wird, gibt es seit 2007 das Institut für Endlagerforschung. „Es ist das einzige Universitätsinstitut in der Bundesrepublik Deutschland, das sich in Forschung und Lehre umfassend mit diesem Thema beschäftigt“, sagte TU-Präsident Professor Thomas Hanschke in seiner Begrüßung. Seit Anfang 2013 bringt sich das Institut um Professor Klaus-Jürgen Röhlig überdies in den vom Bund geförderten interdisziplinären Forschungsverbund ENTRIA ein. Die Abkürzung steht für „Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe“.
Ministerpräsident Weil gab zunächst einen geschichtlichen Abriss über die Nutzung der Kernenergie in Deutschland. So habe es in den 1960er Jahren, als hierzulande die ersten Kernkraftwerke anliefen, kaum Kritik gegeben. Erst in den 1970er Jahren sei eine Gegendebatte aufgrund der mit der Technologie verbundenen Risiken entstanden. „Die Anti-Atomkraft-Bewegung war prägend für eine ganze Generation, und ich beziehe mich da ein“, sagte Weil. Eine konstruktive Auseinandersetzung sei damals aber nicht entstanden. „Die Folge war tiefes Misstrauen unter Gegnern und Befürwortern, verbunden mit einer wechselseitigen Blockade.“ Der Landeschef sprach die Endlagerdebatte um den Standort Gorleben und die Missstände in der Schachtanlage Asse an, in der schwach- und mittelradioaktive Abfälle lagern – beide Orte liegen in Niedersachsen. Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima infolge eines Seebebens beschloss der Bundestag dann 2011 den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie.
Nun müsse das Erbe der Technologie, die Entsorgung des radioaktiven Abfalls, geklärt werden, so Weil. Dafür ist in 2013 ein Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager auf den Weg gebracht worden. „Das Vorhaben schleppt das Problem mit sich herum, von sehr tiefem Misstrauen der Beteiligten geprägt zu sein. Wichtig ist es, einen Teamgeist zu entwickeln“, betonte der Politiker. Der Zeitplan, eine Lagerungsstätte in etwa 30 Jahren in Betrieb zu nehmen, sei wahrscheinlich zu optimistisch. Im Zuge des Verfahrens müssten sowohl technisch-naturwissenschaftliche Fragestellungen als auch ethische Aspekte und Generationsgesichtspunkte integriert werden. Um die ethischen Kriterien zu betonen, seien auch Kirchenvertreter in der zuständigen Kommission. „Es geht um Vertrauen und Transparenz“, setzt der Ministerpräsident auf Versöhnung.
Nach dessen Ansicht ist es die Gretchenfrage der gesellschaftlichen Debatte, ob der Atommüll künftig wieder rückholbar sein soll oder nicht. Derzeit lassen sich die radioaktiven Stoffe nicht entschärfen. „Aber wir dürfen die Entschärfung nicht ausschließen“, verweist Weil auf Erkenntnisfortschritte in der Zukunft. Die radioaktiven Reststoffe zur Entsorgung ins Ausland zu schaffen, ist hingegen keine Option für ihn: „Aus den Augen aus dem Sinn geht nicht.“