Von Kupferhütte über Papiermühle zur Spinnerei

Ortsbürgermeisterin Doris Fischer und Edeltraut Schoenke (rechts) präsentieren das neue Schild, dass auf die ehemalige Spinnerei aufmerksam macht. (Foto: Strache)

Geschichtsträchtiges Grundstück in der Berliner Straße in Engelade / 1966 die Tore für immer geschlossen

Engelade (bo). In dem kleinen Seesener Stadtteil Engelade, der vor zwei Jahren sein 800-jähriges Bestehen feiern konnte, gab es nur wenig Industrie. Das bekannteste Unternehmen mit einem historischen Hintergrund war die in der Ortsmitte gelegene Spinnerei und Weberei Roselieb. Auf dem Areal des Unternehmens war die ehemalige Kupferhütte „Casa Cichencove“ angesiedelt. Noch heute weisen zahlreiche Schlackenreste darauf hin.
Die Hütte gehörte ursprünglich der adeligen Familie von Freden auf Kirchberg. 1299 wurde sie von dem Eigentümer, dem Ritter Lippold von Freden und seinen Söhnen, mit allem Zubehör – insbesondere mit der Schlacke und Wasserrechten – an das Kloster Walkenried verkauft. Das Kloster verhüttete seinerzeit weit über 100 Jahre die Kupfererze des Goslarer Rammelsberges.
Die nach dem Schmelzprozess anfallende Schlacke wurde seitlich des Teichdammes aufgeschüttet und erst im 18. und 19. Jahrhundert größtenteils abgefahren, als sie zur Festigung der Feldwege und Straßen wieder verwendet wurde. Der Versorgung der Hütte diente der unmittelbar danebenliegende Dohnen-Ackerhof.
Es ist anzunehmen, dass schon damals innerhalb der Hüttenanlage und des Versorgungsbetriebes eine Mahlmühle bestanden hat, zumal die Klosterbetriebe immer darauf bedacht waren, von anderen unabhängig zu sein.
Als die Pest (1347/49) und Grubeneinstürze (1376) den Rammelsberger Erzbergbau lahmlegten, wird wohl auch die „Casa Cichencove“ ihre Hüttentätigkeit eingestellt haben. Damit gaben auch die Walkenrieder Mönche ihre Besitzrechte auf.
Der vorhandene Hüttenteich und die Seckau werden aber Veranlassung genug gewesen sein, die alten Anlagen als Mahl- und Ölmühle fortzuführen. Von 1620 bis 1866 stand hier eine Papiermühle, die große wirtschaftliche Bedeutung im norddeutschen Raum hatte.
Das Gebäude brannte zwar 1838 ab, doch noch im gleichen Jahr wurde es, dem heutigen Aussehen entsprechend, mit dem geschweiften Giebelaufsatz über der Haustür und den über­einander liegenden Trockenbögen für das hergestellte Papier, wieder aufgebaut und diente weiterhin als Firmensitz. Nach mehreren Wechseln der Besitzverhältnisse begann dann die Geschichte der „Weberei und Spinnerei Roselieb“.
1869 kaufte der technisch sehr begabte Wilhelm Roselieb seinen ersten eigenen Betrieb. Erfahrungen hatte er zuvor in einer Spinnerei in Osterode gesammelt. Auch Sohn Theodor beschäftigte sich früh mit dem Handwerk seines Vaters und doch sollte es zunächst bergab gehen. Nachdem Wilhelm Roselieb sich finanziell übernommen hatte, musste er die Firma aufgeben, kaufte aber gleich wieder einen kleineren Betrieb in Teichhütte. 1893 erstand die Familie Roselieb die Weberei und Spinnerei in Engelade, die dann 1899 von Sprößling Theodor Roselieb übernommen wurde. Auch ihm war keine erfolgreiche geschäftliche Zukunft beschieden, so dass er im Jahr 1930 Konkurs anmelden musste. Aber wieder schaffte es die Familie, mit Hilfe von Theodors Frau, Helene, die Firma zu erhalten.
1941 kam die neue Generation zum Zuge: Nach dem Tode Theodor Roseliebs gründete Sohn Franz Roselieb, zusammen mit einer Frau Maria Weiske aus Hof die Firma „Streichgarn-Spinnerei“ und Weberei Roselieb & Co. Es wurden nunmehr Garne und Stoffe hergestellt. Auf diese Weise waren die Überlebenschancen in den immer schlechter werdenden Zeiten größer.
1956 kamen die ersten kleinen Spinnereien in Bedrängnis. Automatisierte Großfirmen und die preiswert aus Italien importierte Ware erhöhten den Konkurrenzdruck, so dass letztendlich auch die Spinnerei und Weberei Roselieb & Co. von ihrem Platz verdrängt wurde.
Dem Wandel der Zeit war auch die Produktion unterworfen. Wurde in den Anfangsjahren noch „Beiderwand“, ein strapazierfähiger Stoff für Arbeitsschürzen hergestellt, stieg man später auf „Schuss“ für Handweber um. Die Nachfrage bestimmte auch damals schon die Produktion. In den Kriegsjahren waren es gesponnene Fäden für Unterwäsche, nach dem Krieg Garne für Handstickerei und etwa ab 1950 Lodenstoffe für Damenmäntel. Die letzten Be­triebs­jahre waren durch das Militär geprägt; man sponn reine Wolle für die Bundeswehr-Unterwäsche.
Dem starken Konkurrenzdruck der großen Textilfirmen war die kleine Engelader Firma Roselieb & Co. nicht gewachsen, so dass sie 1966 die Tore für immer schließen musste. Heute befindet sich dieses denkmalgeschütze Gebäude in der Berliner Straße im Privatbesitz.
Um auf dieses geschichts­trächtige Gelände respektive Gebäude Einwohner und Gäste aufmerksam zu machen, wurde nun ein Schild erstellt und vor dem Grundstück platziert. Die Abbildung zeigt im Hintergrund die Roseliebsche Fabrik, die im Vordergrund abgebildeten Gebäude existieren bis auf eines nicht mehr.
Neben dem Bild ist zudem das im Jahr 2000 vom Ortschronis­ten Karl Oberbeck erstellte Ortswappen zu sehen. Das Wappen zeigt einen silbernen Krummstab vor blauem Hintergrund, daneben fünf goldene Ähren, ebenfalls vor blauem Hintergrund, und darunter auf gelbem Untergrund ein grünes Lindenblatt mit erniedrigt eingebogener Spitze.
Die Hintergrundfarben Blau-Gelb (Gold) erinnern an die frühere braunschweigische Landeszugehörigkeit, der Krummstab kündet von den Besitzrechten und der Hüttentätigkeit der Walkenrieder Mönche im 13. und 14. Jahrhundert.
Die goldenen Ähren symbolisieren die Landwirtschaft als Erwerbszweig der Einwohner, und das grüne Lindenblatt verweist auf die über 400-jährige Linde die auf dem ehemaligen Seckauberg (heute Bereich Eichenstraße-Am Brink) stand.
Die Idee und Umsetzung zur Aufstellung einer Erinnerungstafel auf historischem Boden stammt von Edeltraut Schoenke. Nachdem Gelder aus den Mitteln der 800-Jahr-Feier bereitgestellt worden waren, genehmigte der Ortsrat unter Leitung der Ortsbürgermeisterin Doris Fischer dieses Projekt.
An der Ausführung der Arbeiten waren Ortschronist Karl Oberbeck, Dirk Tünnermann (Stadt Seesen)und weitere fleißige Helfer beteiligt.