Der Schwedenkelch – Wie kam er nach Gittelde?

Pastorin Melanie Mittelstedt (links) und die Pfarrsekretärin bewundern den historischen Kelch.

Eines der ältesten sakralen Geräte der St. Mauritiuskirche kommt am Donnerstag zum Einsatz

Am bevorstehenden Gründonnerstag erinnern die christlichen Kirchen an das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend des Karfreitags eingenommen hat. In der St. Mauritiuskirche Gittelde wird dieser Gedenkgottesdienst seit alten Zeiten mit einem historischen Abendmahlskelch begangen.
Dieser besondere Abendmahlskelch gehört zu den ältesten sakralen Geräten der Kirche, der eine interessante aber ungelöste Geschichte aufzuweisen hat. Der Kelch wurde erstmals im Jahr 1751 anlässlich einer Kirchenvisitation im Güterverzeichnis der Kirche aufgeführt. In der jüngeren Vergangenheit wird der Kelch in Unterlagen ohne Begründung als „Schwedenkelch“ bezeichnet. In einer großen Studie des dänischen Nationalmuseums Kopenhagen wird er wiederum als hochrangiges dänisches Kulturgut beschrieben. Wie er letztlich nach Gittelde und in den Besitz der Kirche gekommen ist, ist nicht bekannt. Der materielle Wert ist eher gering einzuschätzen, ihm ist jedoch eine große kulturhistorische Bedeutung beizumessen.

Der „Schwedenkelch“ aus
Dänemark

Die Bezeichnung „Schwedenkelch“ ist zunächst irreführend, da er nachweislich nicht aus Schweden stammt. In Deutschland gibt es jedoch in einigen Kirchen historisch interessante Abendmahlskelche, die aus den Wirren des 30-jährigen Krieges aufgetaucht sind, die Bezeichnung „Schwedenkelch“ tragen, tatsächlich aber aus Dänemark, Schweden oder sogar aus Deutschland stammen. Die Herkunft des Gittelder Kelches ist einwandfrei nachweisbar. Er wurde im Jahre 1595 von dem dänischen Adelsmann und Landgerichtsrat Anders Dresselberg, Gutsbesitzer zu Vognserup, auf Kosten der Kirche und der Gemeinde Kundby (auf Seeland / Dänemark) in Auftrag gegeben. Angefertigt wurde er von dem Goldschmied Johann Neue in Kopenhagen. Die Kundby-Kirche liegt in der Kirchspielgemeinde Kundby-Sogn, auf der dänischen Insel Seeland.
In einer Studie des historischen Nationalmuseums Kopenhagen aus dem Jahr 1982 und in einem späteren kunsthistorischen Katalog über Kirchen im dänischen Holbaeker Amt wird im Abschnitt „Schwedenkelche“ der Gittelder Kelch als hochrangiges dänisches Kulturgut beschrieben. In Kundby ging man früher immer davon aus, dass der Kelch verloren gegangen ist. Es waren nur Skizzenzeichnungen und die Inschriften des Kelches aus dem Pastoratsarchiv der Kundby-Kirche bekannt. Nach deren Informationen stammt der heute dort vorhandene Kelch eindeutig aus der nachfolgenden Zeit. In der Amtszeit des Gittelder Pfarrers Karl-Heinz Paessler (von 1948 bis 1974) hat die dänische Kirchengemeinde die ersten Kontakte mit der St. Mauritiuskirche aufgenommen. Wie die Dänen die Existenz des „Svenskekalken im kleinen Gittelde im Harzen“ herausgefunden und den Kontakt zur St. Mauritiuskirche gefunden haben, ist nicht nachvollziehbar.
1986 wurde auf Initiative des dänischen Gemeindepfarrers Finn Rosenberg, der Gutsbesitzerin Ilse Teisen und durch die inzwischen verstorbene Gittelderin Lore Schreiber ein persönlicher Kontakt mit der Kirchengemeinde Gittelde aufgenommen. Der Kelch mit der Patene wurde von einem Kunsthistoriker des dänischen Nationalmuseums in der Gittelder St. Mauritiuskirche begutachtet und fotografiert.

Wie ist der Kelch nach
Gittelde gekommen?

Die Bezeichnung „Schwedenkelch“ steht zunächst ohne Begründung. Die im 30-jährigen Krieg in Deutschland herumvagabundierenden Truppen des schwedischen Königs Gustav II Adolph und die Truppen des dänischen Königs Christian IV von Dänemark hier eventuell mitgewirkt haben. Sie plünderten Kirchen und Klöster. Im Jahre 1626 fand die große Schlacht bei Lutter am Barenberge zwischen den Heeren von König Christian und dem Feldherrn Tilly statt, die mit einer Niederlage von König Christian endete. Vor dieser entscheidenden Schlacht kam es in der Nähe von Stauffenburg zwischen der Nachhut des Heeres von König Christian und dem Vortrab des Heeres von Tilly zu einem schweren kriegerischen Kampf. Auf beiden Seiten sollen insgesamt 20.000 Soldaten gekämpft haben. Der kleine Flecken Gittelde wurde gebrandschatzt und 80 Häuser fielen in Schutt und Asche. Nur die beiden Kirchen und wenige freistehende Häuser blieben verschont. Viele obdachlose Bürger zogen in das befestigte Osterode. Es kann angenommen werden, dass der Kelch verschleppt und bei dieser kriegerischen Auseinandersetzung in Gittelde geblieben ist.
Eine weitere Möglichkeit könnten die „Karl-Gustav- Kriege“ (1657 bis 1660) gewesen sein. Der schwedische König Karl X Gustav führte in seiner kurzen Regierungszeit (von 1654 bis 1660) mehrere wagemutige Feldzüge. Für diese Kriege waren vorwiegend deutsche Soldaten angeworben. Die Vermutung liegt nahe, dass während der schwedischen Besatzungszeit der Kelch gestohlen wurde. Ein deutscher Soldat hat den Kelch aus Dänemark mitgenommen und später der Gittelder Kirche geschenkt.
Durch den Jahrhunderte langen Gebrauch wies der Kelch erhebliche Gebrauchs- und Transportspuren auf. Außerdem hatte die Säure des Abendmahlweines erhebliche Schäden an der Vergoldung angerichtet. Deshalb wurde der Kelch vor einigen Jahren durch gesammelte Spenden aus der Gemeinde restauriert. Noch heute kommt bei besonderen Gottesdiensten mit Abendmahl dieser Kelch zum Einsatz.