Interessanter Abend zum Thema Inklusion

Arthur Antons hatte ein sehr interessiertes Publikum vor sich. (Foto: Bordfeld)
 
Anne Leinwetter. (Foto: Bordfeld)

Schulleiterin Rotraut Dröge hatte zu einem Gesamtelternabend in der Grundschule Gittelde eingeladen

Inklusion ist nicht bloß eine gute Idee, sondern auch ein Menschenrecht, welches festschreibt, dass niemand ausgeschlossen, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt werden darf. Und an der Grundschule Gittelde werden bereits seit drei Jahren beim Lernen beeinträchtigte und von körpermotorischer Entwicklungsverzögerung betroffene Kinder in den Klassen integriert unterrichtet.
Bevor dieser Schritt gewagt und der Weg eingeschlagen wurde, setzte sich das Lehrerkollegium mit den Eltern zusammen, die den Wunsch geäußert hatten, dass ihre Kinder aus sozialen Gesichtspunkten heraus nicht ausgegrenzt werden sollten. Als beide Seiten auf einen Nenner gekommen waren, galt es noch die Landesschulbehörde einzuschalten, und die stimmte dem Vorhaben zu.
Weil jetzt nach den Sommerferien an allen Grundschulen im Landkreis Osterode laut Gesetz die Inklusion in die Praxis umgesetzt werden soll, und weil die Grundschule Gittelde mittlerweile mit Anne Leinwetter eine bereits seit fast 20 Jahren im Beruf tätige Sonderschulpädagogin von der Wartbergschule Osterode abgeordnet bekam, lud Schulleiterin Rotraut Dröge zu einem Gesamtelternabend ein. An dem nahmen neben vielen Erziehungsberechtigen auch Vertreterinnen der Kindergärten, Kolleginnen und Kollegen, Kooperationspartner und Samtgemeindebürgermeister Harald Dietzmann, als Schulträger teil, um den Referenten, Arthur Antons, Rektor der Wartbergschule, zuzuhören und anschließend Fragen zu stellen.
Und der Gastredner ging gleich auf den Start von Anne Leinwetter ein. Bis zu dem Zeitpunkt habe die Wartbergschule immer mehrere Kollegen/innen für einzelne Kinder nach Gittelde geschickt. Jetzt habe es sehr gut gepasst, die Kollegin, die übrigens auch an der Grundschule Bad Grund tätig ist, gehen zu lassen. Denn nach den großen Ferien werde es nicht nur in Gittelde so sein, dass eine Föderschullehrkraft an einer Grundschule vor Ort sein werde, und sie so fest zum Kollegium gehört.
Die Schule dürfe nicht stehen bleiben. Bereits seit einigen Jahren habe man große Veränderungsimpulse in der Schule verfolgen können. Einmal seien beispielsweise viele Fortbildungen in ein Projekt investiert worden, welches vor acht Jahren noch ein Schlagwort gewesen sei und sich mittlerweile etabliert habe: „Fördern und Fordern“.
Diese beiden Begriffe sollten Tätigkeiten beschreiben, die eine Lehrkraft in der Klasse zu erledigen hat: Fördern auf der einen Seite, Fordern auf der anderen. Das wiederum sei ein großes Spektrum in der Erziehungsarbeit, denn Kinder lernten alle anders. Die einen hätten den Stoff schneller verstanden, die anderen bräuchten länger und mehr Hilfe.

Jedes Kind auf seinem Level fördern

Früher, zu seiner Schulzeit, hätten alle gleichzeitig und im Gleichschritt begreifen und lernen müssen. Denn Aufgaben waren in der ganzen Klasse gleich und sollten funktionieren. Die einen bekamen eine Fünf, die anderen eine Eins. Der große Berg habe in der Mitte gelegen, und genau daran habe man sich orientiert und damit weiter gemacht. „Die guten Schüler wurden ausgebremst, die anderen mitgezogen“. So war es immer und ist heute oftmals noch immer so.
Dabei sollte jedes Kind auf seinem Fähigkeitslevel gefördert und gefordert werden. „Wir können nicht alles gleichmachen“, so Antons weiter. Planarbeiten seien bereits über viele Jahre durchgeführt worden. Bei diesem „Stationslernen“ habe sich jeder einzelne Schüler schwerpunktmäßig heraussuchen dürfen, was er sich zutraute. Leistungsstarke hätten sich für schwere Aufgaben entschieden, andere hätten sich auf einfacherem Niveau bewegt.
Dass dies alles aber in einer Klasse von einer Lehrkraft geleistet werden soll, ist ein schwieriges Unterfangen. Das sei ganz bestimmt keine Pflicht, sondern eine Kür. Auch die Inklusion setze viel Vorbereitung voraus, weil alles sehr stark differenziert werden müsse.
Nicht nur in Gittelde, sondern an allen Grundschulen steht eine Grundversorgung für lernbeeinträchtigte Mädchen und Jungen fest. Sie beträgt zwei Stunden pro Woche und Klasse, was in der Grundschule am Kaisergarten schon mal 16 Stunden bedeutet, welche von der Förderschulkraft, in dem Falle von Anne Leinwetter, abgedeckt sind.
Bei den anschließenden Fragen und Antworten war auch zu vernehmen, dass oftmals die Barrieren in den Köpfen und der Seele der Menschen liegen, welche die Inklusion nicht in das Bildungssystem einfließen lassen wollen. Diese müssten Stück für Stück beseitigt werden. Denn die Inklusion an sich habe keine Grenzen, vielmehr sollen sie diese einreißen.
Auch ist es falsch anzunehmen, dass sich die Lehrer im Unterricht zu sehr um die Kinder kümmern werden, die eine Behinderung haben, sodass ihr eigenes Kind benachteiligt wird. Es müsse mit den Eltern gesprochen und sich mit den Bedenken konkret auseinandergesetzt werden.

Der Elternwille steht ganz vorne an

Arthur Antons versicherte aber auch, dass mit der Inklusion die Wartbergschule ganz bestimmt nicht überflüssig und vielleicht sogar geschlossen wird. Sie steht allen Kindern offen, die in einer geschützteren Umgebung optimaler gefördert werden könnten.
Betroffene Eltern sollten zur jeweiligen Grundschule gehen und ihren Wunsch vorbringen. Denn der Elternwille stünde ganz oben an. Wenn sich dann rausstellen sollte, dass das Kind das Grundschul-Pensum nicht mithalten kann, werde seitens der Fachpädagogin ein Gutachten erstellt. Außerdem erfolge eine Beratung seitens einer Förderkommission, die aus Eltern und Lehrern besteht. Das alles bedeute nicht, dass das Kind aus dem Klassenverband herausgenommen werden soll. Es erhalte aber ein anderes Lernpensum. Es werde dann auch nicht die Bewertung der Grundschule erhalten, sondern die einer Förderschule, was auf dem Zeugnis vermerkt ist.
Harald Dietzmann ließ durchblicken, dass die Samtgemeinde Bad Grund mit der Grundschule Lasfelde zusammenarbeiten wird, die behindertengerecht ausgestattet ist. Übrigens muss bis 2018 jede Schule barrierefrei ausgestattet sein. Dietzmann versicherte, dass der Schulträger dieser Aufgabe auch nachkommen werde. Allerdings bleibe abzuwarten, wie viele Grundschulen dann noch benötigt werden.
Antons rief zur Gelassenheit auf, was die Investitionen betrifft. Es sei sicherlich übertrieben, alle Schulen beispielsweise unverzüglich mit einem Aufzug auszustatten. Und die Wartbergschule ist als Förderschule für den gesamten Landkreis zuständig. Er geht davon aus, dass es auch ab 2018 keinen Run auf Regelschulen von Eltern stark behinderter Kinder geben werde. Die Wartbergschule sei nicht nur barrierefrei, sondern stelle auch die gesamte Versorgung für Schüler/innen, die Pflege bräuchten. Immerhin sind fünf Krankengymnasten, zwei Ergotherapeuten und eine Logopädin stets im Einsatz.
Auch die Frage, welche Personen an den Schulen als Integrations-Assistenten/innen beschäftigt sind, ließ er nicht unbeantwortet. Er mahnte an, dass die Vorstellung, die Inklusion mit vielen Integrationsassistenten umsetzten zu wollen, falsch sei. Integrationsassistenten seien nur zur Unterstützung in ganz speziellen Fällen sinnvoll.


Anne Leinwetter

Die Sonderschulpädagogin ist 44 Jahre alt, und ist 1994 in Clausthal-Zellerfeld Lehrerin geworden. Im Bereich Lernen und Sprache hat sie schon viel Erfahrung gesammelt, in andere Bereiche wird sie sich einarbeiten. Als sie vernahm, dass die Inklusion mit dem Schuljahr 2013/14 starten wird, hat sie sich freiwillig bei der Grundschule Gittelde gemeldet. Und die Aufnahme in der Schule habe sie sehr familiär erlebt. Sie will sich jetzt voll in diese Thematik reinknien. Es gibt zwar keine Patentrezepte, aber es lässt sich ihrer Auffassung nach auf dem gemeinsamen Weg viel gestalten. Es gilt halt die Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Irrwege abzusperren. Und sie ist überzeugt, dass nicht nur was draus werden kann, sondern werden wird.