Vom Schrott-Haufen zum Traum-Gespann

In der hauseigenen Werkstatt schraubte Sebastian Frank zwei Jahre lang jede freie Minute an seinem Wehrmachtsgespann BMW R 12 aus dem Jahr 1939.

Sebastian Frank hat seine BMW, ein Wehrmachts-Motorrad aus dem Jahr 1939, nach zwei Jahren Arbeit zum Leben erweckt

Sie ist Zeitzeugin der Geschichte und eine echte Rarität. Und wenn man sich stolzer Besitzer einer BMW R 12 nennen kann, liegt in den meisten Fällen noch eine Menge Arbeit vor einem.

Oftmals sind viele Teile wegen Verwitterung und Rost nicht mehr zu reparieren oder fehlen sogar ganz. Sebastian Frank bastelte und schraubte etwa zwei Jahre lang in der hauseigenen Werkstatt an seinem alten Wehrmachtsgespann aus dem Jahr 1939. Jede freie Minute ging dabei drauf. Und es war viel Geduld und Leidenschaft dafür nötig oder wie er selbst sagt „man muss bekloppt sein, um ein solches Vorhaben durchzuziehen“.
Als Sebastian Frank das 70 Jahre alte Gespann kaufte, war von der ursprünglichen Form des Motorrads nicht mehr viel zu erkennen. „Der Zustand war eine echte Katastrophe. Im Grunde hatte ich einen Rahmen, einen Motorblock und ein Getriebe“, erzählt Frank „die Maschine sah aus wie ein Haufen Schrott auf drei nicht zusammengehörenden Rädern“. Zudem stammte der aufmontierte Lenker von einer Zündapp und der Zündverteiler war russischer Herkunft.
„Beiwagen, Kotflügel, Radkästen und noch viele andere Teile waren nicht mehr zu gebrauchen, da die Jahre ihren zerstörerischen Beitrag geleistet hatten“, berichtet Sebastian Frank „ebenso musste ich die Felgenringe und die Speichen komplett erneuern.“
Schon als Kind habe er sich viel von seinem Großvater Hans Frank, der gelernter Kraftfahrzeughandwerker ist, abgeschaut, sei sozusagen schon von klein auf mit viel Metall und Fahrzeugtechnik großgeworden und hat schnell seine Leidenschaft für altes Blech und vor allem für die historische Technik entdeckt. Auch bei diesem Vorhaben erhielt er viel Unterstützung von seinem Großvater, der inzwischen 83 Jahre alt ist. „Ohne meinen Großvater hätte ich so manches Mal auf dem Schlauch gestanden. Der kennt sich einfach bestens aus.“

Ersatzteilsuche erwies sich als Sisyphusarbeit

Die erste Ersatzteilsuche habe ein gutes halbes Jahr gedauert und sei eine echte Sisyphusarbeit gewesen. Wenn überhaupt, so bekäme man viele Teile aus Lettland, Polen oder Russland, teilweise auch aus Griechenland. Vieles laufe auch über Auktionsplattformen im Internet. Die Beschaffung koste viel Geduld, Zeit und vor allem Geld.
„Viele Teile können aber einfach nur noch originalgetreu nachgebaut werden“, erzählt der gelernte Werkzeugmacher. „Die Maschinen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg einfach auf dem Feld liegengelassen, sodass die meisten Ersatzteile wegen Rost und Verwitterung gar nicht mehr zu gebrauchen sind.“ Der Beiwagen sei gar nicht mehr zu retten gewesen, und so musste ein neuer her. Zusammen mit einem Freund, der als Techniker für die Restauration im Landesmuseum Wismar arbeitet, hat Sebastian Frank den Beiwagen komplett nachbauen müssen. Eine Arbeit, die weitere vier Monate in Anspruch nahm.
Die BMW R 12 war der Verkaufshit der 1930er Jahre. Bis 1942 wurden 36.000 Exemplare gefertigt. Das größte Kontingent ging an die Militärbehörden. Als Wehrmachtsgespann in luftwaffengrauer Lackierung waren diese Motorräder im Zweiten Weltkrieg so gut wie unverwüstlich. Auch Behörden wie die Post nutzten die guten Eigenschaften der BMW genauso wie Privatleute. Die Zivilmaschinen waren allerdings schwarz lackiert und weiß liniert. Alle drei Räder des Gespanns waren untereinander austauschbar. Ein Reserverad thronte hinten auf dem Beiwagen. Damals wurden diese Motorräder das ganze Jahr über gefahren. Da war es hilfreich und nützlich, dass die Schutzbleche weit nach unten geschwungen und breite Trittbretter aus Aluguss vorhanden waren. Das war nicht nur optisch ein Plus, sondern schützte den von Wind und Wetter geplagten Fahrer vor Schmutz und Regen. Schuhe und Hosen blieben so weitgehend sauber und trocken.
Das Motorrad gab es entweder mit einem Vergaser und einer Leistung von 18 PS oder mit zwei Vergasern und einer Leistung von 20 PS. Die Höchstgeschwindigkeiten lagen zwischen 110 und 140 km/h. Ein kleiner Luxus für die damalige Zeit war die hydraulisch gedämpfte Vorderradgabel.
Heutzutage gibt es vorsichtigen Schätzungen zu Folge noch an die 100 Stück in Deutschland, weltweit dürften es kaum mehr als Tausend sein. Wobei zu beachten ist, inwieweit man die Bestände noch als Fahrzeuge bezeichnen kann, da viele Gespanne eigentlich nur noch als Ersatzteillager fungieren.
Anfang November dieses Jahres konnte Sebastian Frank die Restauration fertigstellen, was nicht bedeute, dass an der Maschine nun nichts mehr zu tun sei, so Frank. Hier und da gäbe es immer mal wieder etwas zu reparieren. Zwei Jahre Löten, Schrauben, Biegen und Basteln lagen nun hinter ihm bis endlich der magische Moment kam: Benzinhahn öffnen, Schwimmerkammer fluten, zwei bis drei Mal den Kickstarter mit viel Schmackes herabtreten und Zündung einschalten. Wenn dann spätestens beim zweiten Tritt auf den Kickstarter der 750er Boxer-Motor lief, konnte er endlich sagen: „Die lange Schufterei hat sich gelohnt. Jetzt geht es endlich auf die Straße“.