AWO startet Beratungsstelle für Kinder

Mit dem KIBIZ startet der AWO-Kreisverband ein Modellprojekt, das Kindern, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, helfen soll. Das KIBIZ wird eng mit der BISS und dem Fraunhaus Goslar kooperieren (von links): AWO-Kreisverbands-Geschäftsführer Bernd Fricke, BISS-Leiterin Dagmar Schlegel, KIBIZ-Leiterin Marion Menzel und Fraunhaus-Leiterin Brigitte Buttgereit-Hahne.

Im KIBIZ soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind

Die Zahlen sind erschreckend: Jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik Deutschland ist Opfer oder Zeuge häuslicher Gewalt. Diese Statistik lässt sich auch auf den Landkreis Goslar übertragen und offenbart dringenden Handlungsbedarf. Das sagt Marion Menzel, Leiterin des neu eröffneten KIBIZ, einer Einrichtung des AWO-Kreisverbandes Goslar, die auf die Betreuung und Beratung von eben diesen Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist.

Die Gründung der Beratungsstelle KIBIZ (Kinder- und Jugend Beratungs- und Informationszentrum) hat ihren Ursprung in der Teilnahme an einem Interessenbekundungsverfahren des niedersächsischen Sozialministeriums. Der AWO-Kreisverband Goslar hat sich in enger Kooperation mit dem Frauenhaus und der BISS Goslar (der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt im Landkreis Goslar) an diesem Verfahren beteiligt und schließlich den Auftrag erhalten das Modellprojekt „Kinder- und Jugendliche als Zeugen häuslicher Gewalt“ umzusetzen. Das Projekt ist zunächst auf einen Zeitraum von drei Jahren angelegt und wird jährlich mit 20.000 Euro aus Mitteln des Sozialministeriums bezuschusst. Wie Bernd Fricke, Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes, bei der offiziellen Eröffnung des KIBIZ mitteilte, wird der Verband das Projekt ebenfalls mit rund 2.000 Euro pro Jahr unterstützen.
Ziel des KIBIZ ist eine zeitnahe, altersgemäße und individuelle Beratung für Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Die Kinder sollen dort die Chance erhalten ihre Erfahrungen zu verbalisieren um das Erlebte verarbeiten zu können. Das Angebot ist kostenlos und soll bewusst niederschwellig ansetzen wie Marion Menzel erläutert: „Die Kinder, die zur Beratung ins KIBIZ kommen, können sich darauf verlassen, dass nichts hinter ihrem Rücken geschieht. Alle Schritte werden kindgerecht thematisiert und es werden passende Lösungsstrategien erarbeitet.“
Unter Lösungsstrategien ist beispielsweise die Ausarbeitung eines individuellen Sicherheitsplanes und die Enttabuisierung von Gewalt zu verstehen. „Viele Kinder scheuen sich über Gewalt in der Familie zu sprechen. Dieses Tabu wollen wir aufbrechen. Darüber hinaus wollen wir das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen aufbauen und häufig auftretende Schuldgefühle abbauen“, erläutert Marion Menzel.
Das KIBIZ wird eng mit dem Frauenhaus und der BISS kooperieren. Ferner plant Menzel proaktiv für die Arbeit der Beratungsstelle zu werben: „Ich werde mich in Kindergärten und Schulen vorstellen und über meine Arbeit berichten.“ Davon verspricht sich die KIBIZ-Leiterin, dass Kinder und Eltern Vertrauen aufbauen und das Angebot auch tatsächlich wahrnehmen.
Wie Brigitte Buttgereit-Hahne, Leiterin des Goslarer Frauenhauses erklärt, sprechen Kinder sehr offen über das Thema häusliche Gewalt, sofern es ihnen kindgerecht näher gebracht wird. Konkret bedeutet das, wenn Kindern beispielsweise eine fiktive Geschichte über Gewalt in den eigenen vier Wänden erzählt wird, sie dann auch schnell von ihren eigenen Erfahrungen berichten.
Grundsätzlich hat der Besuch des KIBIZ zunächst keine Auswirkungen auf die häusliche Situation. „Sollte keine akute Situation der Kindeswohlgefährdung vorliegen, schalten wir nicht die Polizei oder das Jugendamt ein. Wenn doch, tätige ich aber keine Schritte ohne das betreffende Kind aktiv einzubinden“, betont Marion Menzel.
Beim KIBIZ handelt es sich übrigens um eine von insgesamt nur fünf derartigen Beratungsstellen im gesamten Land Niedersachsen. Aus diesem Grund sind die Verantwortlichen beim AWO-Kreisverband auch sehr erfreut darüber, dass sie vom Sozialministerium ausgewählt wurden. „Uns passt das gut ins Konzept, weil wir dadurch unser Portfolio erweitern und spezialisieren können“, erläutert Kreisverbands-Geschäftsführer Bernd Fricke.
Die Auswirkungen auf Kinder, die häusliche Gewalt erlebt haben, sind äußerst komplex. Neben Depressionen und Schwierigkeiten beim Aufbau von Beziehungen und sozialer Nähe sind nicht selten Versagensängste und ausgeprägte Verhaltensstörungen zu beobachten.
Das KIBIZ bietet montags, von 11 bis 15 Uhr, und donnerstags, von 12 bis 15 Uhr, eine Sprechstunde an. Darüber hinaus ist die telefonische Erreichbarkeit sieben Tage die Woche gewährleistet. Neben der Festnetznummer (05321) 341915 steht auch die Handynummer (0151) 65725207 zur Verfügung