Der Landkreis ist auf Flüchtlinge gut vorbereitet

Ankunft in Goslar. Die junge Flüchtlingsfamilie Llapashtica steigt in Goslar aus dem Zug. Sie werden von Flüchtlingssozialarbeiterin Anna-Lisa Ehrenberg (1. von rechts) und Dolmetscherin Mehrije Lluca (2. von rechts) in Empfang genommen und zur Kreisverwaltung begleitet.
 
In der Behörde angekommen legt die dreijährige Tochter ihre Schüchternheit langsam ab und begeitert sich für die Bauklötze.
 
Michael Hausmann, Leiter der Goslarer Ausländerbehörde, erläutert der jungen Familie ihren aktuellen Aufenthaltsstatus und händigt ihnen Papiere aus.

Flüchtlingsstrom im Landkreis Goslar: Der „Beobachter“ hat eine Familie aus dem Kosovo bei ihrer Ankunft begleitet

Pünktlich um 14.24 Uhr fährt der Errix-Zug aus Richtung Hannover am Gleis 3 auf dem Goslarer Bahnhof ein. An Bord befinden sich 13 Flüchtlinge, die am Morgen im Zwischenlager Bramsche bei Osnabrück aufgebrochen sind, und nun hoffen im Landkreis Goslar eine neue Heimat zu finden.
Am Bahnsteig werden die Menschen aus dem Kosovo und Mazedonien bereits erwartet. Mehrere Mitarbeiter der „Ambulanten Dienste“ Goslar, die unter dem Dach der Diakonischen Betreuungsdienste organisiert sind und in Flüchtlingsfragen eng mit dem Landkreis Goslar kooperieren, stehen zusammen mit Dolmetschern bereit um die Flüchtlinge in Empfang zu nehmen.

Für die Flüchtlingssozialarbeiterin Anna-Lisa Ehrenberg und ihre Kollegen ist dies Routine.

Fast täglich erreichen
Flüchtlinge den Landkreis

Mindestens an drei Tagen in der Woche erreichen Flüchtlinge die Kaiserstadt, Tendenz steigend. In diesem Jahr rechnen die Verantwortlichen laut Aussage von Frank-Michael Kruckow, Leiter des Fachdienstes Allgemeine soziale Hilfen beim Landkreis, mit rund 708 Flüchtlingen, im Vorjahr waren es 493.
Anna-Lisa Ehrenberg ist an diesem Donnerstagnachmittag für eine vierköpfige Familie aus dem Kosovo zuständig, die Anfang des Monats in ihrer Heimat aufgebrochen ist. Zusammen mit der Dolmetscherin Mehrije Lluca begleitet sie die Familie Llapashtica auf ihren ersten Behördengängen um sie im Anschluss daran in ihre vollmöblierte Wohnung im Goslarer Stadtteil Oker zu bringen.
Für den 32-jährigen Familienvater ist es nicht der erste Aufenthalt in der Bundesrepublik. Er war schon einmal hier und spricht ein paar Brocken deutsch. Für seine 30-jährige Frau sowie seine beiden Kinder, eine dreijährige Tochter und ein sechs Monate altes Baby, ist es jedoch der erste Aufenthalt. Die Familie ist müde und erschöpft als sie aus dem Zug steigt, und die dreijährige Tochter sucht unsicher und schüchtern Schutz am Bein ihrer Mutter. Zu allem Überfluss ist auch das sechs Monate alte Baby auf der strapaziösen Reise aus dem Kosovo nach Deutschland erkrankt.
Die Familie hat nicht mehr dabei als die Kleidung an ihren Körpern, einen Koffer, eine kleine Reisetasche und eine Plastiktüte. Ihr größter Besitz ist nichts materielles, sondern die Hoffnung auf ein besseres Leben fernab der Heimat.
Vom Bahnhof geht es zunächst in die Kreisverwaltung, wo das Büro von Dorina Lämmer im 1. Stock angesteuert wird. Dorina Lämmer ist Sachbearbeiterin bei Fragen für Asylbewerberleistungen. Zusammen mit Dolmetscherin Mehrije Lluca und Flüchtlingssozialarbeiterin Anna-Lisa Ehrenberg füllt der junge Familienvater den Antrag auf Asylhilfe aus, der ihm und seiner Familie eine monatliche Unterstützung von rund 1.200 Euro gewährt. Das Geld bekommt er später in bar ausgezahlt. Eine riesige Summe für die Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo. Die Leistungen für Asylbewerber sind vergleichbar mit der Unterstützung die Menschen in Deutschland nach dem SGB II (vormals Hartz IV) zustehen.
Der nächste Weg in der Kreisverwaltung führt die Familie durch Treppenhäuser und lange Flure zur Ausländerbehörde. Dort werden sie von Michael Hausmann empfangen, dem Leiter der Behörde. Hausmann, ein kräftiger, großer Mann, den an diesem Nachmittag ein grippaler Infekt plagt, erklärt den jungen Eheleuten ruhig und besonnen wie es um ihren aktuellen Aufenthaltsstatus bestellt ist und was sie in den kommenden Wochen beziehungsweise Monaten erwartet.
Ihr Antrag auf Asyl in der Bundesrepublik Deutschland, so Hausmann, wurde aufgrund des enormen Flüchtlingsstroms noch nicht bearbeitet. Die Behörden kommen bei der Flut von Anträgen einfach nicht hinterher. In den kommenden Monaten wird deshalb noch die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfolgen. Ob die Anhörung in Bramsche, dort wo die Familie nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst unterkam, oder Braunschweig sein wird, vermag Hausmann noch nicht zu sagen. Doch egal, wo der 32-Jährige letztlich sein Ersuchen nach Asyl vorbringen wird, dort hat er die Möglichkeit für sich und seine junge Familie eine bessere, eine sichere Zukunft zu erreichen. Bis zum Abschluss des Asylverfahrens ist die Familie in Deutschland geduldet.
Nach den Behördengängen folgt schließlich die Fahrt zur Wohnung, dem neuen Domizil der Llapashticas. Die Wohnung ist voll ausgestattet, mit Möbeln, Bettwäsche, Waschmaschine, Küche und einem Badezimmer. Die Familie ist erst einmal angekommen und darf nach strapaziöser Reise durchatmen. In den kommenden Wochen werden sie weiterhin von den „Sozialen Diensten“ und den zuständigen Abteilungen der Kreisverwaltung betreut. Sie können sich in nahezu allen Fragen des täglichen Lebens an die Mitarbeiter wenden. Sei es ein anstehender Arztbesuch, die Eröffnung eines Bankkontos oder die Teilnahme an einem Sprachkurs.
Das hier in kürze beschriebene Beispiel im Umgang mit der Familie Llapashtica aus dem Kosovo zeigt die grundsätzliche Vorgehensweise des Landkreises Goslar bei der Inempfangnahme und der anschließenden Unterbringung von Flüchtlingen. Sie basiert auf einem ausgeklügelten Integrationskonzept, das unter Federführung der Kreisverwaltung in Kooperation mit weiteren Institutionen im Jahr 2013 konzipiert und seither fortlaufend verbessert wird.
Die „Konzeption der Willkommenskultur“ beim Landkreis Goslar kann man als 3-Säulen-Modell bezeichnen. Die drei Säulen sind Konzeptionen, Projekte und Netzwerke. Die Konzeptionen befassen sich mit allen Fragen von der dezentralen Unterbringung über die erste Betreuung und Begleitung im Alltag und bei Behördengängen bis zur Organisation von Sprachkursen und weiteren Unterstützungsangeboten.
Auch bei den Projekten ist der Kreis schon sehr aktiv. Mit finanzieller Unterstützung aus Fördermitteln sind aktuell drei große Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 740.000 Euro in konkreter Vorbereitung. Eines davon, das Wohnprojekt „Zusammenleben von Anfang an“ ist als Modellprojekt der Kommunen Goslar, Langelsheim und Liebenburg geplant. Ein anderes Projekt befasst sich mit der Bestandsfeststellung und einer Bedarfsanalyse zu lokalen Integrationsansätzen.
Auch die Netzwerke funktionieren bereits. So trifft sich beispielsweise die AG Migration einmal im Quartal zu Abstimmungsgesprächen. Hier sind rund 40 verschiedene Stellen und Institutionen engagiert. In diversen anderen Runden ist das Thema Migration und Integration ebenfalls auf der Tagesordnung.
Fachdienstleiter Frank-Michael Kruckow, der beim Landkreis der Experte ist, wenn es um Flüchtlingsfragen geht, erklärt, dass es ihm und allen seinen Mitstreitern in erster Linie darum gehe, den Flüchtlingen einen reibungslosen Start zu ermöglichen, indem ihnen das Ankommen im Landkreis Goslar so einfach wie möglich gemacht werde.
Dabei handelt es sich um eine Mammutaufgabe, die mit Blick auf die zu erwartenden Flüchtlingszahlen noch an Umfang zunehmen wird.

Vorstoß von
OB Dr. Junk ist keine Hilfe

Da ist der Vorstoß von Dr. Oliver Junk noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen nicht unbedingt eine Hilfe. Nach Aussage von Landkreissprecher Dirk Lienkamp seien die Mitarbeiter der Verwaltung schon mit der aktuellen Entwicklung sehr gut ausgelastet. Der Vorstoß von Junk hätte die Entwicklung noch verschärft und zum Teil den Eindruck hinterlassen, dass sich der Landkreis nicht ausreichend um die Aufnahme und anschließende Integration von Flüchtlingen kümmere. Das Gegenteil sei jedoch der Fall.
Inzwischen wären im Landkreis 52 Menschen persönlich vorstellig geworden, die von dem Angebot Junks gehört hatten. Hinzu kamen noch rund 250 Anfragen per Telefon oder E-Mail. „Mich erreichen täglich mehrere Anfragen“, erklärt dazu Frank-Michael Kruckow.
Das dies keine Übertreibung darstellt, zeigte am Donnerstagnachmittag die Geschichte eines jungen Paares aus Bosnien. Sie hatten davon gehört, dass hier Menschen Zuflucht und eine Wohnung bekommen, weshalb sie sich auf den Weg nach Goslar gemacht hatten.
Für die Behörde ist das laut Lienkamp eine ganz schwierige Situation, da der Landkreis für die Menschen ohne Aufenthaltstitel de facto nicht zuständig sei. Dennoch bemühe man sich darum, wenigstens für ein oder zwei Nächte eine Übernachtungsmöglichkeit zu organisieren. Ein Dauerzustand könne das aber natürlich nicht sein. Aus diesem Grund ist es Landrat Thomas Brych und seiner Verwaltung auch besonders wichtig, darauf hinzuweisen, was die Behörde in Sachen Flüchtlingsaufnahme und -unterbringung bereits alles leiste. Und das Beispiel der Familie Llapashtica zeigt auf jeden Fall, dass das bisherige Konzept gut funktioniert.