Keine Bomben mehr im Schimmerwald

Sprengmeister Michael Tillschneider, Forstamtsleiter Karsten Peiffer, Thomas Bleicher, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes sowie Joachim Noparlik, dem Betreuer des Altlastenprogrammes, bei der Übertragung der forstamtlichen Hoheit (von links). Foto: Kluge

Ein gefährliches Stück Nachkriegsgeschichte ist zu Ende / Landesforsten dürfen wieder bepflanzen

Ein dramatisches und gefährliches Stück regionaler Nachkriegsgeschichte hat jetzt endlich seinen Abschluss gefunden. Bei Eckertal wurde der Schimmerwald den niedersächsischen Landesforsten wieder zur Bepflanzung übergeben. „Nach heutigem Stand der Technik ist die Fläche frei geräumt“, sagte Thomas Bleicher. Bleicher ist Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdiens­tes aus Hannover, der die Altlasten des einst größten Munitionslagers der deutschen Luftwaffe nördlich des Mains in den letzten Jahrzehnten zu beseitigen hatte.
Allein die Zahlen für das vergangene Jahr, die Joachim Noparlik, der das niedersächsische Altlastenprogramm betreut, bei der kleinen Übergabefeier nennt, beeindrucken. „13 Großbomben mit über 1600 Kilogramm Gewicht, 130 Bomben zwischen 200 und 500 Kilogramm, dazu 4180 Granaten, 84 Panzerfäuste, über 500 Zünder sowie 56 Kilogramm losen Sprengstoff“, listet er die Funde der letzten zwölf Monate auf. Alles in allem wurden von der Fachfirma Schollenberger aus Celle in der Zeit auf 27 Hektar 270 Tonnen Munition und Munitionsschrott aus dem Erdreich entsorgt.
Als die Alliierten sich 1945 Goslar näherten, wurde das 325 Hektar große Muna, wie das Munitionslager hieß, von der deutschen Luftwaffe gesprengt, damit das Arsenal nicht in Feindeshand fällt. Doch bleiben dabei einige Sprengkörper ganz und bildeten so ein gefährliches Areal, das anfangs auch einige Opfer forderte. Seit 33 Jahren aber nun wurde die Fläche nach und nach fachgerecht von den Gefahren aus längst vergangenen Zeiten befreit. Ein besonderes Problem dabei war die Herkunft der Bomben. „Wir hatten doch keine Erfahrung damit, wie man mit deutschen Blindgängern umzugehen hat“, weiß Karsten Peiffer, Leiter des Forstamtes Clausthal-Zellerfeld, „denn deutsche Bomben lagen eher weniger auf deutschem Gebiet.“ Das gesamte Gebiet ist mit Sonden abgesucht worden, die „bis sechs Meter in die Tiefe im Schnitt reichen“, sagt Klaus Abendroth, Projektmanager des hier zuständigen Ingenieurbüros Döring, das Abtragen und Sieben der oberen 40 Zentimeter auf der ganzen Fläche alleine war nicht ausreichend, um Sicherheit herzustellen. „In der gesamten Zeit waren das weit über 350.000 Stücke, die hier gefunden und entschärft wurden“, so Noparlik.
Das meiste davon wurde fachmännisch vor Ort gesprengt, zum Teil in einem kleinen Bunker, der noch auf dem Gebiet steht. Seinerzeit zum Schutz gegen Bomben von außen angelegt, bewahrte er nun die Außenwelt vor so mancher Sprenggewalt. Nun da er auch diesen Dienst nicht mehr verrichten muss, bekommt er eine ganz friedliche Aufgabe, wird bis auf kleine Durchlässe zugemauert, um Fledermäusen als Domizil zu dienen. So zumindest der Plan von Dr. Michael Lücke, Waldökologe im Forstamt Clausthal-Zellerfeld. Der umfasst auch den pflanzlichen Wiederaufbau. Bereits angelegt ist die vom Forstamt scherzhaft „Nutella-Plantage“ bezeichnete Versuchsfläche für Haselnüsse. „Die sollen dann einmal als Saatgut dienen“, so der Wunsch von Lücke. Vorbegrünt ist ein Teil der Fläche schon, zum Teil mit Roggen, zum Teil mit schnell wachsenden Bäumen und Sträuchern, um dem eigentlich dort geplanten Baumwuchs ausreichend Windschutz zu geben. Denn langfristig soll dieser gut geeignete Standort mit hochwertigen Hölzern wie Elsbeere, Kirsche, Schwarznuss, Ahorn oder Eiche bepflanzt werden. „Insgesamt werden hier 200.000 Bäume angelegt“, sagt Lücke. Vieles davon ist als Schutz vor dem knabbernden Rotwild in Zäunen angelegt, aber für Spaziergänger und Fauna bleibt ausreichend Platz, sich zu bewegen. Auch die gigantischen Berge mit altem Wurzelwerk, die mal als kleiner Hügel, mal als Spitze eines aufgefüllten Erdtrichters einige Meter über den Boden ragen, werden so liegen bleiben. Zum einen erhofft man sich dort wieder die Ansiedlung seltener Tiere, zum anderen dienen die Hügel auch als Windfang und Schattenspender zum Schutz der jungen Bäume. So wird in einigen Jahren nur noch das Domizil der Fledermäuse verwittert daran erinnern, dass sich hier einst das größte Lager der Luftwaffe nördlich des Mains befand.