Lebenshilfe und Comedy-Schule für Senioren mit Niveau

So kennt man Jürgen von der Lippe. Mit Hawai-Hemd und schlüpfrigen Sprüchen. Im Odeon-Theater bot er seinen Fans genau das, was sie von ihm erwarten. (Foto: Strache)
 
Als Alt-Hippie erzählt von der Lippe über seine Arbeit bei der Zeitung. Er ist für den Kummerkasten zuständig. Nach eigenem Bekunden hat er ein Talent dafür. (Foto: Strache)

Jürgen von der Lippe brachte das Goslarer Publikum ins Schwitzen

Mit seinem Programm „So geht’s“ machte Jürgen von der Lippe am Mittwoch in Goslar Station. Im fast ausverkauften Odeon-Theater unterrichtete der gebürtige Bad Salzufelner die Generation 55-plus in der Gestaltung eines Comedy-Programms.

Von Maximilian Strache

Goslar. Jürgen von der Lippe hat schon in seiner Vorankündigung nicht zu viel versprochen. Der Comedian beschreibt sein neues Programm als Comedy-Crash-Kurs für ältere, angehende Comedians und gleichzeitig Lebenshilfe für den Senioren im Allgemeinen. Es handelt sich also um zwei Dienstleistungen zum Preis von einer.
Mit Hawai-Hemd viel Fachwissen und Witz schulte von der Lippe sein begeistertes Publikum in den Grundsätzen eines guten Comedy-Programms. Es ging um die Basics. Die Eröffnungsnummer, die Auswahl der Themen, den Einsatz von Musik. Und um Sex. Denn Sex interessiert ja wirklich jeden.
Besonders wichtig ist natürlich die Eröffnung eines Programms. „Wenn sie die Eröffnung verhauen, haben sie schon schlechte Karten“, ermahnte der Comedian seine Schüler. Und Musik. Musik spielt natürlich auch eine besondere Rolle. Gerade bei Jürgen von der Lippe. Gemeinsam mit seinen Musikern Mario Hené, der Hexer auf der Midi-Gitarre, und Wolfgang Herder am Keyboard, arbeitete sich von der Lippe in seinen Texten durch die Tücken des Alltags der so genannten „Best-Ager“. Er sang ein Ode an die Spreewald-Gurke, seinen Kühlschrank und beschäftigte sich mit Problemen im Umgang mit moderner Technik. Er persiflierte Grönemeyer, Lindenberg, Peter Maffay und Helge Schneider. Nahm Florian Silbereisen aufs Korn und erklärte, wie die Generation 55-plus zu flirten hat. „Der Senior-Flirter, so von der Lippe, muss aufs Niveau achten. Plumpe Anmachsprüche gehen irgendwann nicht mehr.“ Mit Lyrik und Witz gewinnt der Senior von heute die Herzen der Damenwelt. Eine Vorgehensweise, die der Komiker unter lautem Gelächter des Publikums, vorstellte. Hohe Trefferquoten erzielt man zum Beispiel in Kunst-Galerien oder an der Obsttheke.
Bei der Themenfindung für ein gutes Comedy-Programm verwies der „Senior-Komiker“ auf altbekannte Dauerbrenner, wie Alkohol, Sex, Beziehungskrisen. Wo diese Themen zu finden sind? Ganz klar, in der Zeitung. „Als Komiker müssen sie viel Zeitung lesen, da stehen die besten Geschichten drin.“
In der Rolle eines Alt-Hippies erzählte er von seinem Job bei der Zeitung. Er ist dort zuständig für den Kummerkasten. In einer Traumsequenz fürchtet er sich vor dem Verlust seines Hawaihemdes. Ein Sportlehrer, mit Kampfschwimmer- und Fallschirmjägerausbildung, will es ihm nehmen. Und als Rentner im Altenheim lässt er sich von der an Parkinson erkrankten Frau Stegemann beim Fernsehabend das Glied halten. Zum Teil sehr schlüpfrig doch nie niveaulos führte Jürgen von der Lippe durch sein über zweistündiges Programm.
Seine jahrelange Bühnenerfahrung spielte von der Lippe dabei voll aus. Mit seinem Programm „So geht's“ beweist der einstige „Blumenmann“, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört, sondern nach wie vor in der Champions League der deutschen Comedy spielt. Das Programm ist facettenreich und bietet einen umfangreichen Einblick in das Schaffen des 62-Jährigen. Mit seinem dezenten Hinweis auf sein neuestes Buch „Verkehrte Welt: Geschichten“ schlug der Comedian sogar noch den Bogen zu seiner sehr erfolgreichen Fernseh-Show „Was liest du?“. Fazit: Ein wirklich gelungener Abend mit bester Unterhaltung, den mit Sicherheit niemand im Publikum bereut hat.